Kreis Heidenheim Dürre, Mais und Glyphosat - so sieht’s im Landkreis aus

Kreisbauernvorsitzender Christian Ziegler spricht über Lage der Landwirte im Landkreis.
Kreisbauernvorsitzender Christian Ziegler spricht über Lage der Landwirte im Landkreis. © Foto: Christian Thumm
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 11.08.2018
Weniger Erträge, ja, aber die Lage der Landwirte im Landkreis aufgrund der Trockenheit scheint nicht so düster zu sein wie in anderen Regionen. Auf knapp 28 Prozent der Fläche im Landkreis werden Feldfrüchte angebaut. Den Hauptanteil macht Getreide aus, gefolgt von Mais. Was wächst sonst noch? Und wie sieht es mit dem Einsatz von Spritzmitteln und Nitratwerten aus?

Ernteausfall wegen Dürre und Hitze – in den vergangenen Wochen verging kaum ein Tag ohne düstere Nachrichten aus der Landwirtschaft. Der Deutsche Bauernverband befürchtet gar die schlechteste Ernte des Jahrhunderts und fordert Krisenhilfe vom Staat. Auch für die Landwirte im Landkreis ist die Erntezeit beinahe abgeschlossen – nur der Mais und die Sommergerste stehen noch auf den Feldern. Wie sind die Erträge? „Das ist von Feld zu Feld unterschiedlich“, sagt Christian Ziegler, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. „Insgesamt kann man sagen, dass wir aufgrund der Trockenheit Einbußen haben. Aber sie sind nicht so schwerwiegend wie in anderen Regionen.“

Den Bauern helfe die hiesige Bodenbeschaffenheit. „Die Lehmunterlage, die wir größtenteils haben, hält Feuchtigkeit und speichert Nährstoffe.“ Wo der Lehm allerdings fehle, etwa auf dem Härtsfeld, seien die Erträge schlechter.

Ernte beginnt früher

Schon seit mehreren Jahren nimmt man in der Landwirtschaft klimatische Veränderungen wahr. „Die Vegetation ist immer früher dran“, sagt Ziegler. „In diesem Jahr war es extrem. Wir haben zwei bis drei Wochen früher mit der Ernte starten müssen.“ In den 60er-Jahren habe man mit der Weizenernte noch Anfang September begonnen – heute ernte man selbst auf der Alb bereits Anfang August. Mit Blick in die Zukunft und auf die zunehmende Frühjahrstrockenheit bauen die Landwirte daher bereits jetzt auch auf alternative Sorten. Etwa Triticale, eine Kreuzung zwischen Roggen und Weizen. „Sie braucht weniger Wasser als Weizen und ist vom Ertrag ähnlich.“

Auf die noch anstehende Maisernte blickt Ziegler mit gewisser Sorge. „Vermutlich wird die Ernte ebenfalls um ein paar Wochen auf Anfang September vorgezogen, weil der Mais sonst vertrocknet.“ Regen sei in den kommenden Wochen wichtig. „Sonst wird das bescheiden ausfallen.“

Auf rund 22 Prozent der Ackerfläche im Landkreis wird Mais angepflanzt. Für Ziegler kein Wert, um von einer Monokultur zu sprechen. „Man sagt ja immer, die Landschaft werde vermaist, dabei ist nicht einmal ein Viertel der Ackerfläche mit Mais bestellt.“ Mit diesem Wert liegt man knapp unter dem Landesschnitt mit 24 Prozent.

Doppelt so viel Mais wie 1979

Dennoch zeigt ein Blick in die Datensätze des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, dass sich der Maisanteil auf den Ackerflächen im Landkreis in den vergangenen 40 Jahren fast verdoppelt hat. 1979 wurde auf rund 2000 Hektar Mais angepflanzt, was etwa 11,4 Prozent der Ackerfläche entsprach. Heute wie vor 40 Jahren spielt Körnermais im Landkreis nur eine sehr untergeordnete Rolle. Den unbestrittenen Hauptanteil macht Silomais (zur Futternutzung oder zur energetischen Verwertung) aus. Laut Ziegler landet etwa ein Viertel des im Landkreis angebauten Maises in Biogasanlagen.

Insgesamt werden im Landkreis auf rund 17 300 Hektar Feldfrüchte angebaut. Das entspricht gut 24 200 Fußballfeldern in der Voith-Arena. Den Hauptteil auf dem Acker macht mit rund 62 Prozent Getreide aus. Auf Rang eins liegt der Weizen, gefolgt von Gerste, Dinkel, Triticale, Hafer, Roggen, Durum (Hartweizen) und Emmer. „Letztere enthalten weniger Gluten als Weizen und sind mit der Unverträglichkeitswelle wieder auf die Äcker gekommen“, sagt Ziegler. Noch führen sie allerdings ein Nischendasein.

Der Anbau von Gemüse ist im Landkreis relativ schwach. Anders Richtung Osten. Gundelfingen gilt dafür als klimatische Gunstregion. In kleinem Stil wachsen jedoch auch im Landkreis Erbsen, Ackerbohnen, Linsen, Speisekartoffeln und Zuckerrüben. Hinzu kommen noch einige Felder mit Erdbeeren und auch Spargel.

„Wir tun was für Bienen“

Wichtig sind Ziegler aber auch die 131 Hektar, auf denen Blühmischungen gedeihen. „Die Landwirte tun etwas für blühende Landschaften und Bienen. Wir sind uns sehr bewusst, dass keine andere Branche so sehr auf Bestäuber angewiesen ist.“

Die Sensibilisierung der Landwirte für das Thema Insekten zeige sich auch am steigenden Anbau der Durchwachsenen Silphie als Energiepflanze und Ersatz für Mais. Die Silphie sieht aus wie eine kleine Sonnenblume und blüht von Ende Juli bis Ende September. Sie kann 15 bis 20 Jahre auf dem Feld stehen und soll ab dem zweiten oder dritten Jahr ohne Unkrautvernichtungsmittel oder Pestizide auskommen.

Imkermeister Gerhard Moll von der Härtsfelder Imkerschule bestätigt die vermehrten Bemühungen der Landwirte in den vergangenen Jahren. Auch wenn nicht alles unbedingt freiwillig, sondern aus agrarpolitischen Zwängen heraus entstehe. „Ab einer gewissen Größe müssen ökologische Vorrangflächen ausgewiesen werden.“ Trotz der Verbesserungen sei die Anzahl der Brachflächen, Blüh- und Ackerrandstreifen immer ausbaufähig. „Vor allem auch im Hinblick auf die Wildbienen kann man davon nie genug haben. Uns wäre es lieber, wenn jeder Landwirt ökologischen Landbau betreiben würde und so viele Flächen wie möglich aus der Produktion herausgenommen würden.“

Und wie sieht es mit Glyphosat im Landkreis aus? Das Unkrautvernichtungsmittel werde gezielt eingesetzt, so Ziegler. „Die Dosis macht das Gift und wir setzen die Substanz nicht unnötig ein. Erstens kostet das Geld und zweitens wollen wir die Umwelt nicht schädigen. Glyphosat hat einen schlechten Ruf, aber wenn es richtig genutzt wird, wirkt es gut und hat seine Berechtigung in der Landwirtschaft.“ In den 50er- und 60er-Jahren sei die Ernte des Brotgetreides häufig sehr schwach ausgefallen. „Erst seit wir mit Pflanzenschutzmitteln die Pilze bekämpfen, haben wir gute Erträge.“ Das Bundesinstitut für Risikobewertung sei zudem zum Schluss gekommen, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten sei.

Ist Glyphosat krebserregend?

Die Landeswasserversorgung (LW) sieht das anders. Bernhard Röhrle, Pressesprecher beim Landeswasserverband: „Nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation ist Glyphosat wahrscheinlich krebserregend. Das ist die einzige Organisation, die unabhängig geforscht hat und nicht im Auftrag des Glyphosat-Herstellers Monsanto ein Gefälligkeitsgutachten erstellt hat. Dieses Ergebnis zählt für uns, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Und damit hat das Unkrautvernichtungsmittel in der Umwelt, im Grundwasser und unseren Fließgewässern nichts zu suchen.“

Imkermeister Moll ergänzt: „Glyphosat wirkt zwar nicht direkt auf Bienen, aber das Mittel führt zu einem Verlust von Flora und damit auch Fauna.“ Als Imker sieht er insbesondere den Einsatz von Insektiziden kritisch. „Weniger wäre im Hinblick auf das Insektensterben immer wünschenswert.“ Zumal die Substanzen unter Umständen auch nicht vor Blühstreifen haltmachen. „Durch den Wind kommt es zu Abdriftungen der Spritzmittel, was wiederum Bienen schädigen kann.“

Auch die Landeswasserversorgung sieht den Spritzmitteleinsatz mit Sorge. Bei Untersuchungen finde man im Wasserschutzgebiet Donauried-Hürbe mehr Stoffe als gedacht, so Röhrle. Darunter auch Neonicotinoide, denen eine direkte Mitschuld am Insektensterben gegeben wird.

14 Werte lägen über den zulässigen Grenzwerten der Trinkwasserverordnung. „Dabei war auch Glyphosat.“ Röhrle fordert mehr Kontrollen. „Das ist wie im Straßenverkehr: Ohne Blitzer weiß man nicht, wie viel zu schnell jemand gefahren ist. Und im Moment wissen nur die Landwirte, wie viel Pestizide sie ausbringen.“ Man gehe davon aus, dass manches unverhältnismäßig genutzt werde. „Es sind Unmengen verschiedener Wirkstoffe im Einsatz. Wir wollen Zahlen, Daten und Fakten. Auch weil die Gefahr besteht, dass diese Substanzen ins Grundwasser gelangen.“

Nitrat im Grundwasser

Beim Thema Nitratwerte in Gewässern liegen die Ansichten von Landeswasserversorgung und Landwirtschaft ebenfalls weit auseinander. Bakterien können Nitrat im Körper zu Nitrit wandeln und zu viel Nitrit gilt als krebserregend. „Wir liegen im Landkreis bei der Viehhaltung unter dem Landesschnitt“, sagt Christian Ziegler. „Von Überdüngung kann da keine Rede sein.“ Grundsätzlich sieht er die Landwirte bei diesem Thema an den Pranger gestellt. „Ob Sportplätze, Rasenflächen in Wohngebieten oder Kleingärten – überall wird gedüngt. Die Landwirtschaft ist nicht der alleinige Übeltäter.“

Bernhard Röhrle: „Fakt ist, dass nach wie vor viel zu viel gedüngt wird. Das trifft nicht auf alle Landwirte zu, aber auf eine Vielzahl.“ Ausgenommen seien Bio-Betriebe, die keinen Mineraldünger, sondern nur Gülle vom eigenen Hof ausbrächten. Nicht ohne Grund habe der Europäische Gerichtshof Deutschland verurteilt, weil zu wenig gegen Nitrate im Grundwasser unternommen werde. Sorge bereiten der Landeswasserversorgung die im Wasserschutzgebiet Donauried-Hürbe anhaltend hohen und weiter ansteigenden Nitratwerte. Auch das Härtsfeld-Schutzgebiet wurde jüngst erneut als Problemgebiet eingestuft. Der Grenzwert der Trinkwasserverordnung werde zwar nicht erreicht oder überschritten, doch sehe sich die LW aufgrund des Trends zum Handeln veranlasst.

Die Landwirtschaft, so Ziegler, sei bereit, Maßnahmen zur Reduzierung der Nitratwerte zu treffen. Das zeige auch das 2015 auf den Weg gebrachte Wasserschutzprojekt Donauried-Hürbe, an dem sich zahlreiche Bauern freiwillig beteiligen wollten. Moderne Düngetechnik, der Verzicht auf intensive Bodenbearbeitung und zusätzliche Bodenproben seien vorgesehen gewesen – alles, um gezielter und damit weniger zu düngen. Im Gegenzug hätten die Landwirte jedoch finanzielle Zuschüsse erhalten sollen. Zum Leidwesen der Bauern, so Ziegler, sei das Projekt von mehreren Stellen torpediert worden und letztlich an der Finanzierung gescheitert.

Bio-Betriebe im Kreis

Knapp 41 Prozent der Fläche des Landkreises werden landwirtschaftlich genutzt. Das entspricht rund 25 500 Hektar – nur geringfügig weniger als 1979 .68 Prozent davon sind Ackerfläche. Den Rest machen überwiegend Dauergrünland und Obstanlagen aus.

Die Zahl der Bio-Betriebe ist besonders im Kreis Heidenheim in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen: Die ökologisch bewirtschaftete Fläche macht inzwischen mit circa 3088 Hektar etwa 12 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus, rund 10 Prozent (59 Betriebe) der insgesamt fast 600 landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis arbeiten nach den Prinzipien des Ökolandbaus.

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