Autos Warum das schwedische Königshaus in Syrgenstein parkt

Syrgenstein / HENDRIK RUPP 11.09.2015
Roman Wörle repariert keine Golfs oder Toyotas. Der Syrgensteiner ist einer der renommiertesten Experten für die legendären Mercedes 600. Selbst die schwedische Königsfamilie zählt auf seine Expertise.
Irgendetwas stimmt nicht bei Wörle in Syrgenstein. Nicht beim Autohaus nebenan, das eine angesehene freie Werkstatt ist. Nicht beim Abschleppdienst Wörle, ebenfalls Tür an Tür. Nein, etwas stimmt nicht bei Autotechnik Wörle. Gewerbegebiet. Modulhalle. Elektrische Tore. Die Belegschaft fährt tiefe Opels oder breite VW. Doch vor dem Tor parkt automobiler Hochadel: Ein Mercedes 600. Keine der modernen S-Klassen, die Sinti und Roma die Anhänger ziehen, wenn sie zehn Jahre alt sind. Nein, ein 600er der legendären Mercedes-Werksreihe 100, kurz W 100. Eines der nur knapp 2700 Autos, die 1964 die mit Abstand besten Autos der Welt waren und 1981, als sie in Rente gingen, immer noch an der Spitze standen. Ein Auto, wie es Könige fuhren, John Lennon – oder der Papst.

Und nein, der chromblitzende Veteran hat sich keineswegs verirrt. Er ist genau richtig hier. Denn in Syrgenstein arbeitet Roman Wörle mit seinem kleinen Team. Er ist W-100-Experte und gehört damit zu einer Branche, deren Mitglieder man weltweit an einer Hand abzählen kann. Und für Viele ist Roman Wörle der Beste davon. Mehr als zwei Dutzend W 100 hat er aktuell in Arbeit, in seiner Werkstatt stehen sie und in vielen Garagen im Ort. Und es ist nicht lange her, dass wieder einmal das schwedische Königshaus hier anrief. Zwei 600er hat der Hof in Stockholm, beide werden einmal jährlich zur Wartung verschickt. Nach Syrgenstein. Weil hier eben der Beste der Branche arbeitet.

Fangen wir von vorne an. Roman Wörle, ein Mann mit der Statur eines Wrestlers und dem Bart eines Schwermetallers. Aufgewachsen in einer Familie mit Benzin, Öl und Bremsenreiniger im Blut. Der Vater hatte ein Autohaus und auch Roman Wörle machte hier seine Lehre. Als Kfz-Mechaniker, was sonst? Auch bei der Bundeswehr blieb er bei seinen Leisten. Kfz-Meister, dazu Betriebswirt: Als er 2003 ins zivile Leben zurückkehrte, war er sozusagen gelernter Thronfolger eines Autohauses.

Der braucht kein "S" um super zu sein

Doch Roman Wörle machte einen Abstecher zur Firma Stark nach Gerstetten, die sich mit klassischen Mercedes beschäftigte. Flügeltüren-SL, Adenauer-Mercedes: Roman Wörle wurde zum Experten für den W 100. Den 600er. Der kein „S“ brauchte, um super zu sein. Und Wörle verliebte sich in den Wagen, jenes an die drei Tonnen schwere Monster, das Mercedes gegen Rolls-Royce ins Feld schickte, auf dass es um den Titel des besten Wagens der Welt kämpfe. Ein Wagen, in dem sich alles auf Knopfdruck bewegt, obwohl es damals noch nicht genügend Elektrik oder gar Elektronik gab. Der maßlos aufwendige Trick: Hunderte von Metern Leitungen der „Komfort-Hydraulik“ laufen durch den Wagen, heben Fenster, stellen Sitze ein, bedienen die gewaltige Kofferraumklappe. Klimaanlage? Bitte, ein 600er hat üblicherweise zwei davon. Autotelefon? Schon Mitte der 1960er in fast jedem dritten Wagen der Reihe verbaut, obwohl das längst abgeschaltete A-Netz aus zentnerschweren Maschinen bestand, die ganze Kofferräume füllten.

2003 war Roman Wörle bereits einer der Top-Experten für diesen Wahnsinn an Luxus – und er machte sich selbstständig. 2008 baute er eine eigene Halle, neben den Betrieben seiner Brüder. Heute hat er einen Meister, drei Gesellen und einen Azubi. Zwei weitere wollen im Herbst ihre Lehre beginnen.

Wörle restauriert 600er, soweit man sie denn restaurieren muss. Als Fahrzeuge, die neu mehr kosteten als ein großes Einfamilienhaus, sind viele Exemplare stets gepflegt worden. „Aber es gibt auch Schrott“, sagt Wörle. Autos, die man nur noch als Steinbruch für Teile nutzen kann. Einen Wagen, der auf der Kippe stand, hat er einst gerettet. Es ist heute sein eigener 600er. Aber er kann nicht alle retten. Das hat er längst lernen müssen.
Freilich retten viele Besitzer ihre Wagen selbst, wenn sie es denn können. Fast 80 Prozent von Wörles Kunden sind andere Autowerkstätten, oft renommierte Oldtimer-Experten. Sie haben 600er zur Reparatur angenommen und sind an ihre Grenzen gestoßen.

Nicht der gewaltige 6,3-Liter-V8-Motor ist das Problem. Nicht das Automatikgetriebe, das in einen Lkw passen würde. Nicht das Differential und nicht die Achsen. Wohl aber die Luftfederung mit ihrem Kompressor. Die Unzahl an Nebenaggregaten in dem Motorraum, in dem man Tischtennis spielen könnte. Oder eben jene wahnwitzig komplizierte Hydraulik. Gerade in diesem Feld gilt Wörle nicht als der beste Experte, sondern schlicht als der einzige. Niemand sonst, der Hydraulikpumpen aus den 1960ern wieder wie neu machen kann. Und neu gibt es sie nicht mehr. Als man sie das letzte Mal bei Mercedes kaufen konnte, kosteten sie 23 000 Euro. Pro Stück. Ein Mercedes 600 braucht mehrere davon.

Der eigentliche Trumpf: Freitag ist Feierabend

Roman Wörle hat sich etabliert, hat seine Nische gefunden. Nebenan wird an der Erweiterung seiner Werkstatt gearbeitet, in der Werkstatt selbst kümmern sich sein Team und er um die Autos. Ob von den 50 Stammkunden oder von Promis, die ihre Autos auch schon mal in Luxemburg oder Monaco abholen lassen. Ob volle Restauration, die zwei Jahre und eine Viertelmillion Euro in Anspruch nehmen kann, oder nur den Service, bei dem schon ein paar Tausend Euro reichen. Was alle Kunde gemein haben: Sie wissen ihre Autos zu schätzen – und die Arbeit, die Wörle und sein Team an den Autos leisten.

Für den Kfz-Meister der eigentliche Trumpf seiner Arbeit: Freitagmittag ist Feierabend, samstags ist Wochenende, kein Kunde klingelt nachts am Privathaus, weil er seinen Kombi braucht. Niemand meckert, weil eine Reparatur mehr als 20 Euro gekostet hat. Roman Wörle weiß, dass er den Traum vieler anderer Kfz-Mechaniker lebt: „Ich könnte keine normale Werkstatt mehr betreiben“, sagt er. Lieber ist er stolz auf die klinisch sauberen Werkbänke, auf seinen Hang zur Perfektion, auf Spezialwerkzeuge, die er auf dem ganzen Planeten einkauft.

Wörle ist klar, dass er immer auch ein Stück Geschichte auf der Hebebühne hat. Mercedes hatte sich mit den Verkaufszahlen verkalkuliert und war froh um jeden zahlenden Kunden, während Platzhirsch Rolls-Royce Bestellungen zwielichtiger Absender einfach ablehnen konnte. Der Effekt: Der Mercedes 600 wurde ein Lieblingsgefährt auch der Diktatoren: der Schah von Persien und Idi Amin, Pol Pot und Augusto Pinochet? Den 600er von Rumäniens Wahnsinns-Diktator Nicolae Ceausescu hat Wörle aktuell in seiner Obhut. „Das wollt ihr von der Zeitung immer gerne hören, gell?“ Es schwingt ein bisschen Zorn mit darauf, dass das Wundermobil von Mercedes auch ein Tyrannenbeschleuniger wurde, während Kennedy und Co. in vergleichsweise erbärmlich altmodischen Limousinen unterwegs waren.

Ein Geheimfach des bösen Staatschefs?

Roman Wörle muss jetzt weiter arbeiten. Am nächsten 600er oder auch an kleineren oder älteren Mercedes-Typen, die ihm Kunden anvertraut haben. Immer mit Zeit und Muse, immer mit dem Wunsch, etwas perfekt zu machen, vielleicht sogar besser, als es einst aus der Fabrik kam. Ein verschlissenes Armaturenbrett aus Edelholz? Es kommt zum Schreiner und perfekt zurück. Ein aufgeplatztes Lederpolster? Der Sattler wird es  richten. Das Geheimfach für Revolver, das sich der böse Staatschef einbauen ließ? Wenn es der neue Besitzer will, wird man es funktionstüchtig herrichten.

Roman Wörle weiß, was die 600er können und was nicht. Privat fährt er in der Regel einen gewaltigen US-Pickup, der jeden 600er stehen lassen würde. 250 PS auf zweieinhalb Tonnen bedeuten, dass ein W 100 heute an der Ampel die Faust besser in die Tasche steckt.  Und die einst so sensationelle Straßenlage der Giganten genügt nicht mehr, um auch nur koreanische Kleinwagen zu blamieren.

Und doch leuchten die alten Wagen, strahlen von Chrom und von Lack und von Leder, beeindrucken mit ihrer Mischung aus Fortschritt und Handarbeit. Es sind V-8-Architekturen mit handgefertigten Holzarbeiten, Schafsfellen als Teppichen und ganzen Rinderherden, die für die Sitze geopfert wurden. Es sind mittelalterliche Schlösser, die man volltanken und auf die Autobahn fahren kann. Und sie sind für die Ewigkeit gemacht. Solange man sie nach Syrgenstein bringen kann.
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