Kreis Heidenheim Wandern: Wie lang können 24 Stunden sein?

Kreis Heidenheim / Nadine Rau 04.08.2018
Laufen, laufen und noch mal laufen, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang. Die Ortsgruppe Heldenfingen des Schwäbischen Albvereins hat dazu aufgerufen und ist mit einer Truppe Wanderer durchs Lonetal marschiert. Wie es sich anfühlt, binnen weniger Stunden mit Fremden zusammenzuwachsen – und auf 78 Kilometern gegen das Aufgeben anzukämpfen.

Eine Kurve noch. Dann ist das elende Tal endlich vorbei. Dann geht es nur noch die Straße hinauf und man kann die Kliffhalle fast schon sehen. Keiner spricht diesen Gedanken aus, aber er hängt zwischen den Wanderern, die noch übrig sind, in der flirrenden Luft. Seit fünf Minuten ist es still, einzig das Geräusch der Schuhe, die über das Gras schleifen, ist noch zu hören.

Es klingt so monoton wie in der Nacht zuvor, als die Schuhe im Wald über den Kies gerutscht sind. Jetzt sieht man noch nicht einmal einen richtigen Weg vor sich, sondern nur plattgedrücktes Gras. Bei jeder noch so kleinen Unebenheit stolpert man, weil schon längst die Kraft fehlt, die Füße noch richtig anzuheben.

Von Kopf bis Fuß tut alles weh

Die Sonne brennt im Gesicht, die Schultern sind verspannt, der untere Rücken schmerzt, die Beine sind schwer, von den Füßen will man gar nicht anfangen. Die einen haben Glück und sind ohne Blasen davongekommen, andere haben sie bei einer Pause im Schatten mit Pflastern zugeklebt oder eingerieben.

„Ich glaube, sogar der Traktor vorhin war nur Einbildung“, bricht ein Wanderer das Schweigen. Wir sind im Hungerbrunnental, wo weit und breit nichts als Bäume zu sehen sind. So ein grünes Idyll direkt vor der Haustür? Traumhaft. Aber heute macht es nichts als wütend. Kein anderer kam bei dieser Hitze auf die Idee, dort herumzulaufen, seit Stunden lief niemand an der Gruppe vorbei. Die Gruppe, das sind 17 Läufer, am Tag zuvor waren es noch 35.

Von 35 blieben 17 übrig

An der Kliffhalle hatten sich alle Läufer am Freitag um 17 Uhr getroffen. Männer und Frauen, jüngere und ältere, darunter zwei Jungs, die zweieinhalb Stunden mit dem Auto aus Pforzheim angereist sind, um die 24 Stunden durchzuhalten. Munter losmarschiert, spricht man die ersten Sätze. Erst mit denen, die man sowieso schon kennt. Vielleicht mal mit Wanderführer Manfred Stampf. Erst nach und nach mit denen, die einem fremd sind.

Kein Wettrennen, sondern eine Wanderung

„Das ist kein Wettrennen, sondern eine Wanderung“, hatte Stampf zu Beginn erklärt. Das heißt: Er gibt das Tempo vor und man nimmt Rücksicht auf die Schwächeren. Bei 35 Teilnehmern zieht sich so eine Gruppe allerdings schnell auseinander. Manche laufen einfach schneller, manche langsamer. Stampf aber macht es gut, bremst immer wieder, hält alle bei kleinen Trinkpausen zusammen. Denn trinken ist das A und O – und wird schnell vergessen.

Nebenher erklärt er, wo man eigentlich ist. Von Heldenfingen ging es über das Hungerbrunnen- und das Gassental nach Zähringen, das ist ein Teilort von Altheim. „Der Wurstsalat in der Wirtschaft hier schmeckt richtig gut“, schwärmt ein Wanderer. Die Speisekarte wird daraufhin im Detail ausgetauscht. Dann geht es über die Straße in Richtung Wald, wo die Gruppe vor einem Meer aus Feldern steht, das sich wie eine einzige große Welle vor den Füßen ausbreitet und über dem die Sonne untergeht.

Unterwegs sind nur noch Landwirte

Unterwegs sind nur noch die Landwirte – und das sind sie auch noch um 1 Uhr nachts, als längst Lonsee erreicht ist. Stampf verteilt Gummibärchen, bis alle da sind, es geht durch den Wald und alle vergleichen die Schritt- und Kilometerangaben auf den Handys und Uhren. „Wenn ich zu lange sitze, sagt meine Uhr, es wird Zeit für Bewegung. Ob sie mir heute sagt, wann es Zeit für eine Pause ist?“, scherzt ein Läufer.

Mittlerweile bilden sich nach den kurzen Pausen immer wieder die gleichen Grüppchen. Die zwei Jungs aus Pforzheim, die vornewegspringen, die, die nur vom Essen reden (Wo gibt es eigentlich den besten Kaiserschmarrn?), das Pärchen, das meist zusammenbleibt, eine Teilnehmerin vom Schwäbischen Albverein, die die Gruppe von hinten zusammenhält. Stampf ist meist irgendwo in der Mitte, irgendwann kramt er eine Karte aus seinem Rucksack heraus.

Der Wanderführer und die Landkarte

„Alles klar, wir haben uns jetzt schon verlaufen!“, sagen diejenigen lachend, die schon an der nächsten Abzweigung angekommen sind. „Mir fällt nur der Name von diesem Hof nicht ein, an dem wir jetzt vorbeigehen“, rechtfertigt sich Stampf. „Ja, na klar, der Name . . .“ Das Gelächter bricht nicht ab, Stampf muss sich fortan ständig anhören, ob er nicht lieber die Karte herausholen und nachsehen will.

Der Hof heißt übrigens Distelhof, ein ehemaliger Einsiedlerhof, der 1870 von einem Ehepaar aus Zähringen auf einer Lichtung errichtet worden ist. Während alle der Geschichte des Ehepaars lauschen, die Stampf erzählt, sprühen sie sich mit Autan ein. Wer kein Mückenspray dabei hat, bekommt es von einem anderen. Die Temperatur zwischen den Feldern ist jetzt sehr angenehm, es geht direkt vorbei an Windrädern, die sich im Abendrot drehen.

Das Verpflegungsteam wartet in Ettlenschieß

Man hat sein kleines Grüppchen gefunden, spricht darüber, wo man herkommt, bemerkt, dass man nah beieinander wohnt, dass man jemanden kennt, der den anderen kennen könnte, spricht über die Arbeit und eben über Windräder. Dann ertönt Musik aus einem heruntergekommenen Schuppen, die Jugend aus Ettlenschieß feiert. Die Wanderer indes feiern das Verpflegungsteam, das am Ortseingang wartet.

Ein paar Mitglieder des Ortsvereins haben Bierbänke- und Tische aufgestellt, es gibt Obst, belegte Wecken, Studentenfutter und ausreichend Getränke. Die Eltern eines Teilnehmers, der zufällig aus Ettlenschieß kommt, bringen sogar Zwetschgenkuchen. Kein Kaiserschmarrn, aber immerhin.

Obendrein verspricht das Verpflegungsteam, um vier Uhr morgens mit Kaffee und Nusszopf auf die Gruppe zu warten. Beste Aussichten also – und beste Aussicht hat man auch auf den roten Mond und den Mars, während man seine Füße ausruht. „Wir hatten diese Mondfinsternis gar nicht auf dem Schirm“, sagt Stampf.

Die Mondfinsternis ist ein Hingucker

Als es gestärkt und in der Dunkelheit durch Felder hindurch nach Urspring und weiter nach Lonsee geht, drehen sich die Köpfe ständig zum Himmel. Das Naturschauspiel lenkt total vom Laufen ab, immer wieder bleiben alle staunend stehen oder einer läuft ungebremst auf den anderen drauf. Mitten auf dem Feld sitzen Urspringer in einem Klappstuhl, tatsächlich begegnet man in dieser Nacht mehr Menschen als am nächsten Tag.

Gerade, als man gedanklich von allem abgeschnitten ist, rast ein ICE vorbei. „Ach stimmt, Urspring. Da hält man doch, wenn man von Aalen nach Stuttgart fährt“, ordnet jemand ein. Dass hier die Lone entspringt, wissen nur die wenigsten. Ebenso wenig, dass es in Lonsee einen See gibt.

Wann wird es am schlimmsten?

Der Mond spiegelt sich darin, die Männer werden an den Wasserspielstationen kurz zu kleinen Kindern. Alle erschrecken, als sie an dem riesigen Steinzeitmenschen aus Holz vorbeigehen – das geschnitzte Wahrzeichen des Ortes. Das Schulterkreisen gegen die Verspannungen hilft nichts mehr, in die Hocke gehen entlastet zumindest den unteren Rücken.

„Richtig schlimm wird es erst, wenn wir in Lindenau zu Mittag gegessen haben und für die letzten fünf Stunden noch einmal aufstehen müssen“, mutmaßen ein paar. „Ach was, da haben wir doch schon so viel hinter uns“, widersprechen andere. Zwei Mitstreiter fehlen übrigens schon, beim Frühstück um vier Uhr morgens wird das Verpflegungsauto voll von Abbrechern sein.

Nach der Mondfinsternis reflektiert der Mond das Sonnenlicht so stark, dass jede Stirnlampe überflüssig wird. Ein silberner Schimmer legt sich auf die Felder. „Das ist ja fast schon wieder kitschig“, sagt ein Wanderer. Erst, als es wieder in den Wald hineingeht, wird es richtig dunkel. Selbst der Mond scheint hier ausgesperrt, nur ab und zu blitzt er an Bäumen vorbei hindurch. Es ist, als würde die Gruppe im Wohnzimmer sitzen und durch ein Fenster nach draußen schauen.

Alles ist leise, gesprochen wird kaum noch

Viel gesprochen wird nicht mehr, Stampf hat das aber vorausgesagt. Manche laufen in Schlangenlinien, weil sie dem Sekundenschlaf verfallen sind, andere werden kein bisschen müde. Im Gegenteil: Bei Nacht zieht man gern das Tempo an, viele kennen das auch vom Autofahren. Eine Wanderin humpelt, bis zum nächsten Stopp will sie aber durchhalten. Der steht kurz bevor, kaum verwerflich also, dass sich die Läufer fragen, ob es für den Zopf ordentlich Butter und Marmelade gibt. Andere lachen sich über diese Sätze kaputt.

Überhaupt geht es einem viel besser, wenn man gedanklich einen Schritt zurücktritt und die bizarre Situation mit Abstand betrachtet. Dann muss man so sehr lachen, dass die Schmerzen, wenn auch nur kurz, in den Hintergrund rücken.

Zum Schmerz kommt noch die Kälte

Zu den Schmerzen kommt aber auch die Kälte. Stampf ist noch immer nur mit T-Shirt unterwegs, andere haben sich längst lange Hosen und Jacken übergezogen. Nicht bei allen hilft das auch. Der Kaffee wartet nach Westerstetten und Breitingen bei Bernstadt und wärmt für den Moment, alle warten sehnsüchtig auf den Sonnenaufgang. Dass nachher wieder über die Sonne geschimpft wird, ist jetzt egal. Der Fahrer des Verpflegungswagens muss damit leben, dass über seine nicht vorhandenen Parkkünste mit dem Anhänger voller Bierbänke gelacht wird. Man fühlt sich ein bisschen wie betrunken, ist irgendwie drüber hinaus, setzt sich schlotternd auf die Bierbank oder legt sich hin, um für ein paar Minuten zu schlafen.

Pausen bremsen aus, man braucht sie aber auch

Weil die Pausen für den Laufrhythmus nicht gut sind, geht es aber bald weiter. Wer seine Jacke nicht braucht, gibt sie einem anderen. Wer seine Schmerztabletten nicht braucht, gibt sie ebenfalls weiter. Wer einen Stecken aus dem Wald zum Abstützen braucht, darf ihn sich gerne suchen – der Rest wartet auf ihn. Und lacht über das Gegrummel, das aus dem Wald zu hören ist. „Holt der für jeden einen Stecken oder was veranstaltet er da?“, fragt einer. Das Spannende: Wie die anderen heißen, weiß keiner. Und das ist auch gar nicht nötig.

Man sieht Rehe und Kitze, aber auch Rehinnereien. Man sieht ein Zelt vor dem sogenannten Fohlenhaus, einer Höhle im Lonetal, aber Gesellschaft will am frühen Morgen keiner mit den Wanderern machen. Nur ein Spaziergänger, der mit dem Hund unterwegs ist, reagiert und setzt seine Kappe ab. „Ich hab' von denen ganz vorne schon erfahren, was ihr da treibt, und ziehe den Hut. Also, so etwas hab' ich ja noch nie gehört“, sagt er lachend.

Was gibt es zu essen?

Von durchgehendem Laufen kann keine Rede mehr sein, bei jeder Trinkpause sitzt jemand auf dem Boden. Ganz kurz ist das ein tolles Gefühl – bis es weitergeht. Zumindest scheint die Sonne wieder, man unterhält sich über Urlaubsziele und darüber, was es wohl nachher in Lindenau zu essen geben wird. Salat mit Putenstreifen lautet das Gerücht, das aber keiner wahrhaben will.

„Wenn eine ganze Pute quer über dem Salat liegt, dann gerne“, scherzt einer der Männer. Die Pforzheimer packen Macadamianüsse aus. Sie fasten derzeit und dürfen nicht alles essen, in Anbetracht der Schmerztabletten, die sie eingeworfen haben, ist so ein bisschen Essen aber nicht verkehrt. Obwohl sie fast nur das haben, geben sie etwas ab. Stampf verteilt Magnesium. Er wäre zufrieden mit seiner Truppe, würden nicht ständig welche davonspringen. „Aber das war letztes Jahr schon so“, sagt er.

Die Handyakkus haben aufgegeben

Wie viel Strecke man mittlerweile zurückgelegt hat, wissen nur noch ein paar. Beim Rest ist der Akku der Uhr oder des Handys zur Neige gegangen. Um elf Uhr sind es in Lindenau 56 Kilometer und 760 Höhenmeter.

Im Wirtshaus ziehen manche ihre Schuhe aus, andere wagen es lieber nicht. Diejenigen, die eher aufgehört haben, kommen zum Essen dazu und bringen Franzbranntwein mit. Einer der Läufer hat schon lange nur noch Schlappen an – und ist damit sogar den steinigen Kiesweg zur Bocksteinhöhle hinaufgekommen. Belohnt werden in Lindenau alle mit ausreichend Fleisch und selbst der kleine Beilagensalat kommt weg. Alle waschen sich die Hände, viele lassen sich abholen, manche schlafen wieder ein bisschen. 17 Wanderer bleiben übrig, um über Setzingen und das Hungerbrunnental zurück nach Heldenfingen zu laufen.

Auch Schmerztabletten helfen irgendwann nicht mehr

Die Schmerzen an den Füßen, in den Waden und am Rücken sind nach der Sitzpause zwar noch schlimmer, aber gerade deshalb will man weiterlaufen. Während man geht, spürt man sie nicht so sehr. Die Jungs aus Pforzheim müssen abbrechen, irgendwann helfen auch Tabletten nicht mehr. Fünf Damen sind noch unter den Männern. Ein paar Regentropfen lassen auf ein Unwetter hoffen, aber die Sonne setzt sich durch. Bald ist eine Weggabelung erreicht, die die Gruppe vorhin von anderer Seite passiert hat. „Hier wolltest du dich doch hinlegen und warten, bis wir dich abholen“, erinnern sich an ein paar an sechs Stunden zuvor.

Jetzt sind es nicht einmal mehr sechs Stunden bis zum Ziel und jeder denkt, dass die letzten Kilometer noch zu packen sind. Dass sie sich so in die Länge ziehen, das sagen später auch die fitten Läufer, hätte keiner gedacht. Manche kannten das Hungerbrunnental gar nicht und waren erst ganz angetan. Aber es kommt der Zeitpunkt, an dem man einfach nur noch ans Ziel will. Der Kopf zumindest, der Körper will nicht mehr.

Einer geht vornweg

Einer aus der Truppe wird zum Antreiber, obwohl er kein Wort sagt. Er geht vornweg. Wanderführer Stampf hat wieder seinen Platz in der Mitte eingenommen und hält alle zusammen. Tatsächlich kann man nach gefühlt einhundert Kurven die Straße sehen. Es geht noch einen Berg hinauf und durch ein paar Felder hindurch, dann sieht man zumindest den Kirchturm von Heldenfingen. Zur Kliffhalle, das denkt man, ist es trotzdem noch ein weiter Weg.

Besser, man schaut auf den Boden oder zu seinem Gegenüber, mit dem man redet. „Was ist schlimmer, ein Marathon oder das hier?“, ruft eine der Frauen von hinten. „Eindeutig das hier!“, ruft es zurück. „Gut, nächstes Jahr laufe ich den Marathon.“ Üblicherweise wird man bei solchen Läufen gegen Ende noch mal schneller, hier aber schleicht die Truppe jetzt vor sich hin. Erst auf den letzten Metern gelingt es manchen, das einzuhalten, was sie vor vielen Kilometern gesagt haben: „Ich lege einen Schlusssprint hin!“

Ein Sprint zum Schluss

Sprint hin und her – am Ende sind alle der 17 übriggebliebenen Läufer am Ziel angekommen. Die, die sich schon vorher haben abholen lassen, stehen schmerzgeplagt, aber frisch geduscht, an der Halle mit erhobener Hand bereit. Einschlagen, die Schuhe ausziehen, Radler öffnen – ein Glück, dass die Hände die einzigen Körperteile sind, die nicht schmerzen.

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