Bissingen Ein weiter Weg: Von der Wiese zum Wohngebiet

Das Neubaugebiet „Südlich des Stotzinger Wegs“ in Bissingen: Wie schon im ersten Abschnitt ist die Nachfrage nach Grundstücken auch im zweiten groß.
Das Neubaugebiet „Südlich des Stotzinger Wegs“ in Bissingen: Wie schon im ersten Abschnitt ist die Nachfrage nach Grundstücken auch im zweiten groß. © Foto: Geyer
Bissingen / Michael Brendel 15.06.2018
Schaffe, schaffe, Häusle baue: Bis sich der Traum vom Eigenheim auf zuvor jungfräulichem Gelände verwirklichen lässt, haben alle Beteiligten schwäbisch-korrekt einen wahren Marathon hinter sich. Wie in Bissingen ob Lontal.

Bissingen: 600 Einwohner. Feuerwehr, Sportclub, Gesangverein, Obst- und Gartenbauer, Bäckerei, Getränkemarkt, Landmaschinenhandel, zwei Kirchen. Auch Kindergarten und Grundschule.

Aber deren Existenz ist in dem Maße infrage gestellt, in dem das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt. Denn wo es immer weniger junge Familien gibt, da werden die Klassen nicht mal mehr annähernd voll. Ein Mittel gegen den wachsenden Aderlass ist das Bereitstellen von Bauland.

Darauf setzt auch die Stadt Herbrechtingen, um ihrem Teilort neues Leben einzuhauchen. Trotz aller hehren Absichten gilt es aber auch in diesem Fall, einen exakten Fahrplan einzuhalten, an dem keine Kommune vorbeikommt.

An den Anfang hat der Gesetzgeber ein städtebauliches Erfordernis gesetzt. Wer ein solches geltend macht, spielt keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr, dass die Verwaltung es für berechtigt hält und deshalb ein Bebauungsplanverfahren auf den Weg bringt.

Fasst dann der Gemeinderat den sogenannten Aufstellungsbeschluss, kann's losgehen. Zunächst entsteht ein Vorentwurf, der die wesentlichen Bestimmungen enthält. Er wird im Rathaus ausgelegt, damit ihn die Bürger in aller Ruhe anschauen und sich dazu äußern können.

Gleichzeitig haben Behörden und die sogenannten Träger öffentlicher Belange Gelegenheit, Stellungnahmen abzugeben. Darunter sind zum Beispiel Energieversorger, Post, Bahn, Rettungsdienste und Betreiber von Telekommunikationsnetzen zu verstehen.

Anschließend wertet die Stadtverwaltung die eingegangenen Anmerkungen aus. Dann haben wieder die Stadträte das Sagen. Sie entscheiden, welche Änderungen vorgenommen werden sollen und fassen den Auslegungsbeschluss. Einen Monat lang kann nun jeder, der sich dafür interessiert, im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung den überarbeiteten Entwurf des Bebauungsplans begutachten.

Auch die Behörden und Träger öffentlicher Belange werden erneut nach ihrer Meinung befragt. Gibt es Anregungen, so beschäftigt sich die Verwaltung damit und legt ihre Beurteilung abermals dem Gemeinderat vor. Sobald dieser mit den Details der Planung einverstanden ist, fasst er den Satzungsbeschluss. Ist der Bebauungsplan öffentlich bekannt gemacht, können die Bauherren endlich loslegen.

Zumindest fast. Denn abgesehen von der Baugenehmigung fürs lang ersehnte Häuschen braucht es natürlich erst einmal Straßen. Und unter diesen Kanäle. Die im Boden zu vergraben, war im zweiten Abschnitt des Baugebiets „Südlich des Stotzinger Wegs“ nicht überall ein Kinderspiel. Teilweise kapitulierte sogar schweres Gerät vor massivem Fels, weshalb die Häuser dort etwas höher stehen werden als zunächst vorgesehen.

Nur wenige Meter entfernt war der Untergrund hingegen ziemlich lehmig. Deshalb mussten große Mengen an Kies und Schotter angekarrt werden, damit der Boden am Ende nicht überraschenderweise nachgibt. Als Glücksfall erwies sich, dass in Herbrechtingen derzeit eine neue Sport- und Veranstaltungshalle gebaut wird. Was dort als Aushubmaterial im Weg war, fand in Bissingen dankbare Abnehmer und musste nicht für teures Geld anderswo auf einer Deponie abgeladen werden.

Zwei in Heidenheim ansässige Ingenieurbüros sorgten dafür, dass alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt wussten, was zu tun war: Junginger + Partner erarbeitete die Details des Kanalbaus und der Verkehrsführung, während Norbert Dommel die Ausführungsplanung erstellte.

Und zu regeln gab's reichlich: Immerhin finden auf drei Hektar, also 30 000 Quadratmetern, im mittlerweile vierten Abschnitt des Baugebiets am südöstlichen Bissinger Ortsrand 19 Häuser Platz. Die Stadt war schon länger im Besitz der landwirtschaftlichen Flächen und konnte dadurch eine zügige Bebauung angehen.

Die Menschen, die einmal dort wohnen werden, wollen mit Strom, Gas und Wasser versorgt sein. Das ist Aufgabe der Technischen Werke Herbrechtingen, fürs Telefon ist die Telekom zuständig. Wer sich in Sichtweite der A 7 bereits auf der Datenautobahn wähnte, muss sich aber bis auf Weiteres gedulden: Die einzelnen Gebäude werden lediglich mit Kupferkabeln angesteuert. „Das ist eine rein wirtschaftliche Entscheidung, die von der Zahl der potenziellen Anschlüsse abhängt“, erklärt Stadtbaumeister Dieter Frank.

Um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, sorgt die Verwaltung aber für Leerrohre, in die bei Bedarf Glasfaserkabel mit einer deutlich höheren Datenübertragungsrate eingezogen werden können.

Teil der Infrastruktur ist auch ein modifiziertes Trennsystem beim Abwasser. Bedeutet: Das Schmutzwasser fließt wie üblich in einem eigenen Kanal Richtung Kläranlage. Das Regenwasser aber gelangt in separaten Rohren zunächst in ein Rückhaltebecken, wo es zumindest teilweise versickert oder verdunstet. Nur der verbliebene Rest landet dann mit Verzögerung ebenfalls im Klärwerk. Das spart Strom- und Reinigungskosten – und tut außerdem der Ökologie gut, weil möglichst viel Wasser innerhalb des natürlichen Kreislaufs bleibt.

Ohnehin galt von Anfang an der Grundsatz einer ökologisch anspruchsvollen Planung. Denn auch wenn in den Gärten schon nach kurzer Zeit Blumen blühen und Rasen grünt, ist schnell nicht mehr viel übrig vom ursprünglichen Landschaftsbild. Damit der Eingriff in die Natur möglichst geringe negative Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt hat, ist an anderer Stelle ein Ausgleich gefordert. Dort werden dann zum Beispiel Bäume gepflanzt oder alte Asphaltsträßchen und nicht mehr benötigte Wege entfernt, damit der Regen wieder ungehindert ins Erdreich gelangen kann.

Bisweilen nehmen sich die Bemühungen geradezu rührend aus. In Bissingen zum Beispiel wird den aus ihrem Brutrevier vertriebenen Feldlerchen gleich nebenan Gutes getan: Nur wenige Flügelschläge entfernt können sie wie gehabt ihre Nester auf dem Boden bauen. Damit ihnen dafür genügend Platz zur Verfügung steht, lassen die Landwirte beim Aussähen einfach kleine Flecken frei und bekommen dafür dauerhaft den entstehenden Ernteausfall erstattet. In die Tasche greifen müssen dafür schlussendlich die Häuslebauer, denn „Ausgleichsmaßnahmen sind generell umlagefähig“, sagt Dommel.

Alles in allem vergeht unterm Strich etwa ein Jahr zwischen dem Aufstellen des Bebauungsplans und dem eigentlichen Baubeginn. Eine lange Zeit für jemanden, der darauf hinfiebert, endlich schwäbisch-korrekt rund um die eigenen vier Wände seine Kehrwoche zu erledigen.

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