Kreis Heidenheim Vom Krankenpfleger/Straßenmusiker zum Singer/Songwriter

Der Berliner Musiker Maximilian Hecker ist in Bolheim aufgewachsen und hat 2018 sein neuntes Album herausgebracht.
Der Berliner Musiker Maximilian Hecker ist in Bolheim aufgewachsen und hat 2018 sein neuntes Album herausgebracht. © Foto: Minsu Sun
Kreis Heidenheim / Joelle Reime 25.08.2018
Im Interview erzählt Maximilian Hecker, welche Rolle seine frühe Kindheit für sein neues Album gespielt hat.

Vom Krankenpfleger und Straßenmusiker zum Singer/Songwriter, der etliche Europa- und Welt-Tourneen hinter sich und zig Alben herausgebracht hat: Die Karriere des 41-jährigen Maximilian Hecker aus Berlin liest sich vorbildlich. Dieses Jahr hat der Musiker, der in Bolheim aufgewachsen ist, mit „Wretched Love Songs“ sein neuntes Album veröffentlicht und spricht im Interview darüber, wieso er sich selbst als bindungsunfähig bezeichnet, wie seine Songs entstehen und woher seine Hassliebe zu Asien rührt.

Ihr neues Album scheint ein sehr persönliches zu sein. Es geht um gescheiterte Liebesbeziehungen, Bindungsprobleme – und um Ihre frühe Kindheit. Die haben Sie in Heidenheim verbracht?

Maximilian Hecker: In Bolheim. Heidenheim kenne ich eigentlich gar nicht.

„Wretched Love Songs“ – was bedeutet das für Sie?

Nun, mein erstes Album hieß ja „Infinite Love Songs“; damals gab es noch den Eindruck, ich würde mich mit der großen Liebe auskennen. Aber selbst diese Songs waren ja nicht von glücklicher Liebe geprägt, sondern eher von Liebesunfähigkeit und Flucht in die Isolation. Flucht in die Ferne. Flucht in unmögliche Beziehungen. Im Laufe der Jahre habe ich mich dann mit der Frage beschäftigt, wieso ich eigentlich noch nie eine normale Liebesbeziehung hatte – ich bin jetzt 41 Jahre alt.

Und haben Sie eine Antwort darauf?

Ein Grund mag sein, dass ich ein Bindungstrauma habe. Wie viele Menschen, die in ihrer Kindheit Erlebnisse hatten, die das Urvertrauen in Frage gestellt haben.

Sie hatten so ein Erlebnis?

Ja, und da haben wir die Verbindung zu Heidenheim. Als ich zwei Jahre alt war, wurde meine Schwester geboren – im Heidenheimer Krankenhaus. Sie kam schwerstbehindert zur Welt und war bis zu ihrem Tod 2003 in speziellen Heimen untergebracht, konnte weder Gehen noch Sprechen oder Sehen. Im ersten Jahr haben meine Eltern versucht, sie zu Hause zu pflegen, das war traumatisch für die Familie, für meinen Bruder und mich. Ich denke, dass diese Zeit meine Vorstellung von Bindung geprägt hat.

Haben Sie auch positive Erinnerungen an Heidenheim?

Ich habe keine schlechten Erinnerungen an meine Kindheit hier, überhaupt nicht. Ich war ja nur fünf Jahre dort, von 1977 bis 1982. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Die Sache mit meiner Schwester ist eher wie ein verdrängtes Trauma.

Kommen Sie ab und zu nach Bolheim?

Lustigerweise war ich erst vor ein paar Wochen in Heidenheim und Bolheim, auf dem Weg ins Allgäu. Davor war ich sicher 15 Jahre lang nicht in der Gegend. Ich spreche weder den Dialekt, noch sind meine Eltern dort her. Baden-Württemberg hat mich nicht geprägt.

Zurück zur Musik. Sie sind vor allem im asiatischen Raum bekannt. Wie hat Ihre Karriere begonnen?

Ich bin eigentlich auch in Deutschland und Europa bekannt – beziehungsweise bekannt gewesen, als es los ging. Das war 2001. Ich war hier also nicht immer nur ein Geheimtipp. (lacht)

Und Ihre musikalischen Wurzeln?

Ich zog 1998 nach Berlin, habe dort Straßenmusik gemacht. Sozusagen als Ersatz zum Ausgehen – allein und neu in der Stadt hatte ich darauf keine Lust. So fiel ich der ein oder anderen Plattenfirma auf. „Kitty-Yo“ aus Berlin hat mir dann einen Plattenvertrag angeboten.

Zunächst haben Sie aber eine Ausbildung als Krankenpfleger in der Berliner Charité begonnen?

Mein Wunsch war schon als Kind, Musiker zu sein. Ich hatte Klavier- und Schlagzeugunterricht und habe in diversen Bands gespielt. Natürlich träumt man dann von einer großen Karriere. Aber ja, als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich zunächst auf Wunsch meiner Eltern eine Krankenpflegeausbildung angefangen. Das war nichts für mich, die strenge Hierarchie, die Tatsache, dass man als Azubi nichts zu sagen hat. Es war nur ein Gefallen, den ich meinen Eltern tat.

Wann wussten Sie: „Okay, ich möchte von der Musik leben“?

Was heißt: möchte? Das möchte, glaube ich, jeder. Es hat sich bei mir eben ergeben. Ich hatte Glück, habe Leute kennen gelernt. Davon leben kann ich seit 2001.

„Wretched Love Songs“ ist Ihr neuntes Album. Wie hat sich Ihr Musikstil im Laufe der Zeit weiterentwickelt?

Überhaupt nicht. Es ist ein Vorurteil, dass nur Erneuerung und Entwicklung in der Musik positiv sind. Dass jemand, der immer das Gleiche macht – auch wenn das am Anfang bejubelt wurde – irgendwann ein schlechter Musiker ist.

Unsere Zeit ist eben schnelllebig . . .

Naja. Die Beatles zum Beispiel haben innerhalb von fünf Jahren die Musikwelt revolutioniert und sich selbst neu erfunden. David Bowie, Björk, Madonna – jede Platte muss neu sein. Neue Frisur, neues Design. Das alles suggeriert, dass der Künstler interessant ist, dass er viele Facetten hat. In meinem Fall ist es aber so, dass ich hauptsächlich versuche, schöne Lieder zu schreiben. Da könnte man auch Reinhard Mey vorwerfen, er würde sich nicht jedes Mal neu erfinden. Aber der Reinhard-Mey-Fan verlangt ja gar nicht nach Neuerfindung.

Es gibt Alben, da haben Sie fast alle Instrumente selbst eingespielt. Welche Instrumente beherrschen Sie – oder besser: welche nicht?

Bei der ersten Platte habe ich alle Instrumente selbst eingespielt, und ab da fast alles bis auf den Bass. Ich bin kein besonders guter Bassist. Und Lead-Gitarre kann ich nicht.

Romantik, Melancholie, Schwermut – passen diese Wörter zu Ihrer Musik?

Das sind Gefühle, die ich eigentlich gar nicht habe. Weder bei der Musik, noch sonst. Aber meine Musik kann durchaus so interpretiert werden. Sie drückt intensive Gefühle aus. Nur: für mich hat sie nichts Negatives, nichts Schweres.

Haben Sie ein musikalisches Vorbild?

(kurze Pause)

Niemanden?

Naja, hauptsächlich wohl die Musik, die man als Kind hört. Leonard Cohen. Und meine Eltern hatten eine Beatles-Platte. Oder Melanie Safka, eine Singer-/Songwriterin aus den 60er Jahren. Später Oasis, Radiohead – die üblichen. Die schottische Band „The Blue Nile“ ist eine Inspiration – zumindest für die aktuelle Platte.

Neben der Musik erschien 2012 auch eine Autobiographie. „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“. Wie tief sind Sie denn gefallen?

Es ist ein lustiger Titel, nicht wahr? Das Ganze bezieht sich aber auf meine Geschichte in Ostasien. Dabei geht es nicht um eine Karriere. Eher um eine Hassliebe zu Asien und den Tourneen.

Um Ihr Leben in Europa und Asien?

Ja. Es spielt im Zeitraum von 1999 bis 2008. Wie es in Berlin los ging, die Tourneen in Asien, das ist alles drin. Es ist wie ein Tagebuch.

Warum denn die Hassliebe zu Asien?

Die kulturellen Unterschiede tragen dazu bei, dass ich die Asiaten nie verstehen kann. Trotzdem bin ich beruflich häufig dort. Ich bin immer wieder konfrontiert damit, dass man sich eigentlich nicht versteht. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort der Sehnsucht für mich.

In Asien sind Sie heutzutage bekannter als in Deutschland. Warum?

Die ostasiatische Musik ist sehr gefühlsbetont – kitschig, aus unserer Sicht. Vom Klang her meiner Musik sehr ähnlich. Der Musikstil, die Haltung ist ähnlich. Viele sehnen sich nach Freiheit und großen Gefühlen, die man im Alltag nicht hat.

Auch Ihre Songs entstehen aus Gefühlen heraus. Bedeutet das gleichzeitig: Geht es Ihnen schlecht, entsteht gute Musik?

Nein, dann entsteht gar nichts. Da meine Musik für mich nichts mit Schwermut zu tun hat, entsteht sie nur, wenn's mir gut geht. Es ist nicht so, dass man voller Trauer am Klavier sitzt und dann das große Werk schreibt. Es hat mit Talent zu tun, ist aber auch harte Arbeit. Hauptsache, man findet eine gute Harmoniefolge. Wenn man die hat, ist es egal, wie es einem geht.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel