Itzelberg / Holger Scheerer  Uhr
Reiner Gläss sorgt für guten Klang – und tritt den Beweis an, dass Talente und Patente tatsächlich auch aus der Tüftlerstube kommen können. In Itzelberg kümmert sich Gläss um Tonträger – Ultraschallreiniger für Schallplatten inbegriffen.

Der Lebenslauf von Reiner Gläss wirkt auf den ersten Blick eher ungewöhnlich, ist dann aber doch wieder typisch für einen schwäbischen Erfinder. Nach der Realschule in Königsbronn absolvierte der Mann aus Zang eine klassische Lehre zum Feinwerkmechaniker bei Zeiss in Oberkochen. Doch schon nach einjähriger Gesellenzeit ergriff ihn dort jene Unruhe, die für seinen Lebenslauf typisch geworden ist.

Das Studium der Feinwerktechnik in Aalen brach er ab: Zu trocken, zu theoretisch. Auch die guten Gehälter in der Industrie lockten ihn nicht. Mit beeindruckender Konsequenz bewegte sich Gläss auf die Arbeitslosigkeit zu. Was viele Betroffene als Katastrophe empfinden mögen, wurde für den Feinmechaniker zum entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Zum ersten Mal hatte er Zeit, sich den ganzen Tag um seine eigenen Entwicklungen zu kümmern. Die Firmengründung folgte 1995 dann eher nebenbei. Denn Gläss definierte sich zu diesem Zeitpunkt schon längst als selbstständigen Planer und Entwickler.

Die Firma Audiodesksysteme Gläss war geboren und fand am Dorfplatz in Itzelberg ihr Zuhause. Ganz anders als heute arbeitete Gläss damals vor allem mit Holz – spezielle Regale für Stereoanlagen und Plattensammlungen. Der finanzielle Erfolg der technisch ausgereiften, aber aufwendigen Möbelproduktion indes hielt sich in Grenzen: „Jeder fand es toll, keiner hat es gekauft“, resümiert Gläss.

Der Mann lebte zwar lange Jahre am Existenzminimum, eine Rückkehr in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis kam allerdings zu keiner Zeit infrage. Und nach zweijähriger mehr oder weniger erfolgloser Tüftelei kam im Jahr 1997 der entscheidende Tag: Ein Bekannter erschien bei Gläss mit einem Artikel aus einer Fachzeitschrift: Ein Wissenschaftler hatte nachgewiesen, dass durch das Anfasen (Abschrägen) von CD-Kanten in einem Winkel von 36 Grad deren Klangqualität deutlich verbessert werden könne. Aber wer konnte eine Maschine bauen, die CDs anfast? Reiner Gläss, natürlich.

Gläss warf sich in die Arbeit, und nach einem halben Jahr war der Prototyp des „CD-Sound-Improvers“ Wirklichkeit. Nur wenige weitere Monate, und Gläss hatte ein serienreifes Produkt. Und ein Patent.

In Itzelberg zog der Erfolg ein. Die HZ berichtete, dann auch Fachzeitschriften, immer mehr Interessierte wollten sich einen CD-Sound-Improver bauen lassen. Die Nachfrage nach dem Gerät stieg stetig an. Bis heute baut Gläss den CD-Sound-Improver, wenn auch heute nur noch in geringen Stückzahlen. Das hängt weniger am Siegeszug der MP-3-Player, sondern vor allem an der neuesten Gläss-Entwicklung: einer Waschmaschine für Vinyl-Schallplatten.

Diesmal ging es Gläss nicht darum, ein ganz neues Produkt zu erfinden, sondern bereist bekannte Technik zu verbessern. Gläss, der selbst weder einen Schallplattenspieler, noch eine Vinylsammlung besitzt, verdonnerte seine Bekannten zu ausgiebigen Testserien mit den von seinen Maschinen gereinigten Schallplatten. Und siehe da: die Soundqualität der im Ultraschallbad behandelten Schallplatten verbesserte sich erheblich. Wieder einmal war aus einer rein theoretischen Entwicklung von Gläss innerhalb von kürzester Zeit ein Produkt geworden, das in der Praxis tatsächlich funktionierte. Und anschließend in Serie ging.

Ohne großes Zutun von Gläss wurde die Plattenwaschmaschine zum Renner. Am meisten überrascht das ihren Erfinder selbst. Reiner Gläss hatte nicht erwartet, mit der Pfleger alter Vinyl-Schallplatten mehr als eine Randgruppe hinter dem Ofen hervor locken zu können. Doch der Markt für Vinylplatten boomt gerade wieder, und so sind die Plattenwaschmaschinen aus Itzelberg bei Hifi-Fans rund um den Globus zum Begriff geworden. 2012 wählte das amerikanische Fachblatt „Stereophile USA“ das Gerät aus Itzelberg zum Produkt des Jahres, auch andere internationale Magazine überschlugen sich vor Lob.

Kein Wunder, eigentlich: Obwohl das Gerät aus dem Hause Gläss mit rund 2300 Euro Kaufpreis nicht eben billig ist, ist es im Vergleich zu ähnlichen Geräten der Konkurrenz ein Schnäppchen – und es kann erwiesenermaßen deutlich mehr. Inzwischen produziert Gläss in Itzelberg bis zu 120 Maschinen im Monat. Dafür musste er vier Angestellte einstellen, die an sechs Tagen die Woche montieren.

Eigentlich müsste Gläss also glücklich und zufrieden sein. Doch allmählich kommt schon wieder die alte Unruhe des Erfinders auf. Qualitätskontrolle und Überwachung der Produktion, der Papierkram im Büro, die Aufgaben als Chef eines kleinen Unternehmens – all das stinkt dem Erfinder gewaltig, und das Tüfteln an neuen Erfindungen schaut derweil in den Mond. „Ich komme zu gar nichts mehr“, bringt der glückliche Unzufriedene die Sache auf den Punkt.

Er liebäugelt mit dem Einstellen eines Geschäftsführers für seine GmbH oder gar mit einem Verkauf der gesamten Unternehmung. Dann müsste, nein dürfte Gläss an etwas Neuem tüfteln.