Prozess Vergewaltigung in Asylunterkunft: Schwierige Wahrheitsfindung vor Gericht

Welche Geschichte stimmt? Vor dem Schöffengericht war diese Frage nur schwer zu klären. Zumal die Ermittlungsarbeit der Polizei Lücken hatte.
Welche Geschichte stimmt? Vor dem Schöffengericht war diese Frage nur schwer zu klären. Zumal die Ermittlungsarbeit der Polizei Lücken hatte. © Foto: Archiv HZ
Michael Brendel 20.04.2017
Ein 31-Jähriger wurde wegen der versuchten Vergewaltigung einer 27-Jährigen in einer Steinheimer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber verurteilt.

Die Wahrheitssuche gestaltet sich überaus mühsam: Wer hat wann was mit wem gesprochen? Und vor allem: Wer hat was getan?

Die von einem Dolmetscher übersetzten Schilderungen der beteiligten Personen weichen derart voneinander ab, dass Amtsrichter Eberhard Bergmeister, unter dessen Vorsitz das Heidenheimer Schöffengericht tagt, irgendwann kategorisch feststellt: „Das ist alles nicht nachvollziehbar.“

Unstrittig ist nur der Ort des Geschehens – eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Steinheim. Aber dann geht's auch schon los: Hat der Angeklagte dort in einer Märznacht 2016 versucht, eine Bekannte zu vergewaltigen und sie dabei mit einer Scherbe an der Hand verletzt?

Oder hat sich die junge Frau die Geschichte ausgedacht und sich die Blessur selbst zugefügt?

Die Anklageschrift, die der Erste Staatsanwalt Armin Burger verliest, geht von folgendem Sachverhalt aus: Die beiden trinken gemeinsam Alkohol, ehe der 31-Jährige gegen den Willen der Frau Sex wünscht, sie würgt und ihr mit einem zerbrochenen Teller eine Wunde an der Hand beibringt.

Fünf Notrufe in 45 Minuten

Die Darstellung des Angeklagten legt ein anderes Bild nahe: Betrunken gerät die junge Frau bei einem Streit in Rage und zerreißt ihr T-Shirt mit dem Hinweis, nun werde er Schwierigkeiten bekommen.

Sie zertrümmert mindestens zehn Teller und verletzt sich dabei, woraufhin er einen Krankenwagen ruft. Dass der Notruf binnen einer Dreiviertelstunde fünf Mal gewählt wird, kann er sich nicht erklären.

Die Verletzte will hingegen selbst die Ambulanz gerufen haben. Und das ist nicht der einzige Widerspruch: Die 27-Jährige gibt an, in besagter Nacht nicht betrunken gewesen zu sein und auch keine sexuelle Beziehung zu dem Angeklagten gehabt zu haben.

Als er zudringlich geworden sei, habe sie zur Selbstverteidigung einen Teller nach ihm geworfen, woraufhin er sie absichtlich mit einer Scherbe verletzt habe.

Wer hat Recht?

Wer hat also Recht? Burger hält die Aussage des Angeklagten für „nicht schlüssig“. So sei nicht nachvollziehbar, weshalb er einmal von zehn, dann von zwei zerschlagenen Tellern spreche. Außerdem lasse die Frau keinerlei Belastungseifer erkennen und habe auch keine Anzeige erstattet, sodass es sich hinsichtlich des zerrissenen T-Shirts um eine reine Schutzbehauptung handele.

Außerdem sei keine Reue erkennbar, weshalb die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten fordere. Gründe für eine Aussetzung zur Bewährung gebe es nicht.

Die Verteidigung hält allenfalls eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung für denkbar. Der Vorwurf der versuchten Vergewaltigung sei aufgrund der Zweifel am Ablauf des Geschehens hingegen nicht haltbar, zumal auch die Schilderungen der 27-Jährigen gegenüber der Polizei und dem Gericht voneinander abwichen.

Richter rüffelt Polizei

Laut Bergmeister sieht das Schöffengericht beide Anklagepunkte bestätigt. Es verurteilt den 31-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten ohne Bewährung. Unlogisch sei beispielsweise die Behauptung, die junge Frau habe ihr Shirt selbst zerrissen, um ihn zu Unrecht zu belasten: „Sie wollte weder die Polizei einschalten, was ja das Klinikum getan hat, noch Anzeige erstatten.“ Auch sei nicht nachvollziehbar, wie sich jemand, der Teller zu Boden werfe, eine tiefe Wunde am Handrücken zuziehen könne.

Die teilweise reichlich unstrukturierten Einlassungen der 27-Jährigen bezeichnet Bergmeister mit einem aussagepsychologischen Hinweis als glaubhaft: „Wer lügt, will seine Geschichte möglichst einfach aufbauen, um schnell überzeugen zu können. Und das ist hier nicht der Fall.“

Abschließend verpasst Bergmeister der Polizei für ihre Ermittlungsarbeit einen Rüffel. Mehr Fotos vom Tatort und eine Untersuchung der Frage, von welchem Telefon aus der Rettungsdienst alarmiert wurde, so seine Anmerkung, hätten die Wahrheitsfindung erleichtert.