Kreis Heidenheim Vectoring von Telekom und Co.: Brücke oder Bremse?

Die Zukunft liegt im Glasfaserausbau. Die Vectoring-Technik soll als Brückentechnologie dienen. Aber tut sie das wirklich?
Die Zukunft liegt im Glasfaserausbau. Die Vectoring-Technik soll als Brückentechnologie dienen. Aber tut sie das wirklich? © Foto: stock.adobe.com, tbase
Kreis Heidenheim / Carolin Wöhrle 17.08.2018
Das Land fordert Digitalisierung, den ländlichen Gemeinden wird es aber schwer gemacht. Viele holen sich die Telekom mit deren Vectoring-Technik ins Boot. (K)eine gute Idee?

Es gibt kaum noch eine Gemeinde im Landkreis Heidenheim, in der die Telekom nicht bereits die Internetversorgung mit Hilfe ihrer Vectoring-Technik ausgebaut hat. Zumindest gebietsweise. Auch der Konkurrenz-Anbieter SDT-Net ist in einigen Kommunen damit vertreten.

Das Angebot, das den Gemeinderäten überall unterbreitet worden war, es war verlockend: hohe Datengeschwindigkeiten für (fast) alle Haushalte – und das zeitnah und für die Gemeinden zum Nulltarif.

Stellt sich die Frage: Wo ist der Haken? Gibt es überhaupt einen?

Michael Setzen ist im Landratsamt Heidenheim Wirtschaftsförderer und hat ein genaues Auge auf den Breitbandausbau im Landkreis Heidenheim. Im Gespräch mit der HZ legt er eine Liste des TÜV Rheinland auf den Tisch. „Breitbandversorgung Baden-Württemberg“ steht darüber. Der Landkreis Heidenheim steht laut dieser Liste richtig gut da: 85,4 Prozent der Haushalte haben demnach Download-Geschwindigkeiten von 50 Mbit/s oder mehr.

„Was das Marketing anbelangt, ist die Telekom vorne mit dabei“

Ganz so rosig sieht es aber dann doch nicht aus. „Das Telekom-Vectoring verzerrt das Bild“, sagt Setzen. Die Geschwindigkeiten werden nämlich von den Unternehmen selbst gemeldet. „Und was das Marketing anbelangt“, so Setzen weiter, „ist die Telekom immer ganz vorne mit dabei“.

Was meint der Wirtschaftsförderer damit?

Wenn die Telekom verspricht, „mit Glasfaser auszubauen“, dann bedeutet das fast immer nur, dass bis zum Kabelverzweiger Glasfaser verlegt wird. Fiber to the Curb nennt man das, also „Glasfaser bis zum Randstein“. Die restliche Distanz vom Verteiler bis zum Haus des Verbrauchers („Die letzte Meile“) wird nach wie vor mit den alten Kupferleitungen überbrückt. Diese werden dann mit der sogenannten Vectoring-Technik optimiert. Vereinfacht ausgedrückt werden hierbei im Verzweiger die Störfaktoren in der Leitung minimiert.

Das Problem beim Vectoring: Die versprochenen hohen Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s im Download bekommen nur diejenigen Haushalte, die sich in der Nähe des Kabelverzweigers befinden. Je weiter weg das Haus, desto geringer werden die Geschwindigkeiten. „Deshalb ist das Vectoring im urbanen Bereich auch erfolgreicher“, sagt Setzen: Die Distanzen sind weitaus geringer als in ländlichen Gebieten.

Fakt ist: Die Anforderungen an die Internet-Geschwindigkeiten werden immer höher. 50 Mbit/s, vielleicht sogar 100 Mbit/s im Download werden bald überholt sein und nicht mehr genügen. Was das anbelangt, kann die Telekom aber das sogenannte Super-Vectoring versprechen: Damit werden die Geschwindigkeiten weiter erhöht. Allein: „Auch das Super-Vectoring ist begrenzt“, sagt Setzen. „Und die Reichweiten sinken bei dieser Technik noch mehr.“

Zukunft liegt im vollständigen Glasfaserausbau

Was bedeutet das alles denn nun für die Kommunen und vor allem für die Bürger, die sich auf Dauer schnelleres Internet versprechen? Alle Gemeinden, die mit der Telekom kooperieren, haben versprochen, nach wie vor auch auf zukunftsfähiges „Glasfaser bis zum Gebäude“ (Fibre to the Buildung, FTTB) zu setzen. Bei Neubauprojekten bzw. in Neubaugebieten werden entsprechende Leerrohre ohnehin bereits mitverlegt, was Inhalt der landkreisweiten Ausbaustrategie ist.

Die Zukunft liegt langfristig in diesem Glasfaser-Ausbau bis ins Haus, das dürfte allen klar sein – auch der Telekom. „Ist es auch“, sagt Wolfgang Fahrian, Regio-Manager bei der Telekom. Er war derjenige, der im vergangenen Jahr von Gemeinderat zu Gemeinderat tingelte, und die Vectoring-Technik der Telekom vorstellte. „Natürlich wird auf lange Sicht die Tendenz zu Glasfaser in jedes Haus gehen“, sagt er. „Fibre to the Curb, wie wir es derzeit ausbauen, ist ganz klar nur eine Brücken-Technologie.“ Aber: „Fibre to the Building bzw. Fibre to the Home auszubauen, dauert nun einmal viel länger und ist um ein Vielfaches teurer.“

Keine Förderung mehr für kommunalen Ausbau?

Nun stellt die Zwischenlösung Vectoring die Gemeinden aber, was den zukunftsfähigen FTTB-Ausbau anbelangt, vor ein neues Problem: Der kommunale Glasfaserausbau wird vom Land nur dann gefördert, wenn es sich um „weiße Flecken“ handelt, wenn in einem Gebiet also nur Geschwindigkeiten von unter 30 Mbit/s erreicht werden. So sieht es das EU-Recht derzeit noch vor. Die durch Vectoring ausgebauten Gebiete fallen somit heraus, weil sie oberhalb dieser Schwelle liegen. „Es könnte derzeit also passieren, dass die Gemeinden mit Vectoring schlichtweg keine Förderung vom Land erhalten“, sagt Setzen. Die Förderschwelle von 30 Mbit/s sei zu niedrig und müsse auf 100 Mbit/s angehoben werden – mindestens, sagt der Wirtschafsförderer.

Folgt aber – voraussichtlich ab Herbst – eine weitere Optimierung durch Super-Vectoring, würden erneut flächendeckend Gebiete aus der Förderung herausfallen. Deshalb wurde der Telekom schon des öfteren vorgeworfen, den zukunftsfähigen, kommunalen Glasfaserausbau auszubremsen oder gar zu boykottieren. Auch, weil die Telekom oftmals erst dann Interesse am Vectoring in einer Kommune angemeldet hat, wenn die Gemeinde schon Fördergelder für den Eigenausbau beantragt hat.

Förderschwelle hoch auf 100 Mbit/s - mindestens

Telekom-Regio-Manager Wolfgang Fahrian hört diesen Vorwurf nicht zum ersten Mal. „Es ist schon abenteuerlich, was da teilweise durch die Medien geistert“, beklagt er. „Fakt ist doch: Das Netz ist ein Telekom-Netz und das modernisieren wir derzeit.“

Boykottiert werde der flächendeckende Glasfaserausbau aus Fahrians Sicht eher durch die Förderpolitik des Landes. Auch Fahrians Meinung nach müsse die Förderschwelle deutlich angehoben und den Kommunen der Weg zu Fördergeldern erleichtert werden. „In Bayern läuft das deutlich einfacher ab“, sagt der Regio-Manager.

Tatsache ist aber auch: Nur wenn genügend Geld zur Förderung da ist, kann auch ausreichend gefördert werden. Und auch hier gibt es Nachholbedarf: Das Land gibt an, dass in den vergangenen Jahren die Fördersummen für den Glasfaserausbau kontinuierlich gewachsen sind. 133 Millionen Euro waren im Haushalt 2017 eingestellt, im aktuellen sind es 180 Millionen. Klingt zunächst gut, allein: Der aktuelle Haushalt ist ein Doppelhaushalt, die Summe verteilt sich somit auf zwei Haushaltsjahre. Das Land plant, 2018 rund 100 Millionen und 2019 nur noch rund 80 Millionen Euro an Fördergeldern auszugeben. Damit würde den Kommunen im kommenden Jahr weniger Geld zur Verfügung stehen als noch 2017.

Experten schätzen aber, dass für ein flächendeckendes, gigabit-fähiges Breitbandnetz bis 2030 insgesamt bis zu 2,1 Milliarden Euro an Fördergeldern notwendig wären – jährlich zwischen 230 und 300 Millionen Euro. Allein vom Land.

Super-Vectoring genügt noch „fünf bis acht Jahre“

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) hat zudem ergeben, dass die deutschen Privathaushalte schon im Jahr 2025 eine Mindestgeschwindigkeit von 500 Mbit/s benötigen werden. Stand 2017 liegt die Quote der gigabit-fähigen Anschlüsse in Deutschland bei 2,1 Prozent. Zum Vergleich: Lettland belegt europaweit den Spitzenplatz mit 62,3 Prozent.

Eine Datenratevon 500 Mbit/s ist ohne eine Glasfaserleitung bis ins Haus nicht möglich – auch nicht durch das von der Telekom versprochene Super-Vectoring, das bis zu 250 Mbit/s liefern kann – gerade einmal die Hälfte. Also Frage an die Telekom: Wie lange werden denn aus ihrer Sicht die 250 Mbit/s des Super-Vectoring den Haushalten noch genügen?

Wolfgang Fahrian denkt kurz nach und sagt dann: „Das wird von Haushalt zu Haushalt verschieden sein. Ich denke aber, etwa fünf bis acht Jahre.“

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