Gussenstadt Tractor-Pulling: „Kein Hobby, sondern Lifestyle“

Gussenstadt / Christine Weinschenk 14.10.2018
Seit 25 Jahren dreht sich bei Familie Kaiser aus Gussenstadt alles um Pferdestärken. Ihre große Leidenschaft: das Tractor-Pulling.

Turbolader: 3, Hubraum: 10,4 Liter, PS: 4000. Beim Autoquartett würde man mit dem Traktor der Kaisers wohl jeden Stich machen. Und auch auf der Rennstrecke scheint er ein Ass zu sein. Die Werkstatt ist übervoll mit Pokalen und Auszeichnungen. Allesamt gewonnen im Tractor-Pulling (Deutsch: Traktor-Ziehen). Und dabei geht es vor allem um eins: Leistung.

Mit dem PS-Virus hat sich Thomas Kaiser schon Anfang der 80er Jahre infiziert. Als Zuschauer war er bei einem Tractor-Pulling-Wettkampf in Seifertshofen dabei. Danach war für ihn klar: Das will ich auch. Es gingen noch ein paar Jahre ins Land, Thomas Kaiser machte sich mit einem Forstunternehmen selbstständig, heiratete, baute ein Haus und zeugte drei Söhne, aber dann stand ein Traktor mit 120 PS auf dem Hof und das Tuning begann.

100 Meter bis zum „Full Pull“

Das war vor ziemlich genau 25 Jahren. Thomas Kaiser ist noch immer Team-Leiter und Mechaniker, aber das Lenkrad haben mittlerweile seine Söhne – Marcus, Christoph und Stephan – übernommen. Und zwar sehr erfolgreich. Drei Mal in Folge waren sie zuletzt Deutscher Meister in der Super-Stock-Klasse, eine Art Tractor-Pulling-Champions-League. In dieser Königsklasse geht es darum, einen bis zu 24 Tonnen schweren Bremswagen 100 Meter weit zu ziehen. „Wenn man das schafft, ist es ein Full Pull und man qualifiziert sich fürs Finale“, erklärt der 33-jährige Marcus Kaiser. Fürs Finale werden die Bremswägen schwerer gemacht. „So schafft man die 100 Meter nicht mehr. Wer am weitesten kommt, hat gewonnen.“

So simpel die Regeln, so ausgefeilt die Technik. Denn einen Traktor mit 4000 PS kriegt man nicht serienmäßig. Im Prinzip ist nur noch die Haube des John Deere, der übrigens nicht mit Diesel, sondern reinem Alkohol (Methanol) fährt, original.

Erfolgreichste Frau Deutschlands

Dass die drei Söhne das Hobby der Eltern weiterführen, stand nie infrage. Man sei ja quasi in der Werkstatt aufgewachsen. Auch Mutter Margret war und ist Vorbild. „Sie hat im Haus die meisten Meistertitel und ist im Tractor-Pulling die erfolgreichste Frau Deutschlands“, sagt Marcus Kaiser.

Dass die gesamte Familie als Team mitzieht, ist unabdingbar. Denn das Hobby ist zeitaufwändig – vor allem in der Wettkampf-Saison von April bis September. Bundesweit finden in diesen Monaten etwa 13 Veranstaltungen statt, an denen das Team Kaiser antritt. Und nach dem Wettkampf ist bekanntlich vor dem Wettkampf, denn der Traktor muss überarbeitet und repariert werden. „Pro Mann sind wir sicher gut 40 Stunden pro Woche in der Werkstatt“, sagt Marcus Kaiser. Und das zusätzlich zur regulären Arbeit. Marcus Kaiser ist Maschinenbauingenieur. Seine Brüder arbeiten als Zerspanungsmechaniker und Schreinermeister.

Für die Kaisers scheint das kein Problem zu sein. „Tractor-Pulling ist für uns mehr als ein Hobby, für uns ist das Lifestyle“, sagt Christoph Kaiser. Natürlich sei eine Saison zeit- und kostenintensiv, aber es sei dennoch Qualitätszeit. Die Pulling-Gemeinde sei entspannt, das Umfeld familiär. „Man kennt sich und hat einfach eine gute Zeit miteinander. Kontrahenten sind wir nur auf der Rennstrecke.“ Dazu komme das Tunen. „Man tüftelt, fachsimpelt und experimentiert. So baut man viel Wissen auf.“ Der Erfolg spielt sicher auch eine Rolle. In der Saison 2015 und 2016 wurde das Team Kaiser von einem DMAX-Fernsehteam begleitet. Zwei Staffeln des Formats „Full Pull – Ein Traktor gegen 20 Tonnen“ mit je vier Folgen wurden im TV ausgestrahlt. „Das hat in der Szene zusätzlich für Gesprächsstoff gesorgt“, sagt Marcus Kaiser.

Bauteile am Limit

Und weil man sich im Laufe der Jahre immer weiter professionalisiert hat, und auch um das teure Hobby zumindest ansatzweise zu refinanzieren, hat man 2011 das Unternehmen Kaiser Performance gegründet. „Beim Tractor-Pulling sind die Bauteile immer am Limit“, erklärt Marcus Kaiser. „Und weil gute Teile schwer zu bekommen sind, haben wir angefangen, sie selbst herzustellen – zuerst nur für uns und dann auch als Auftragsarbeit.“ Das gilt für Chassis genauso wie für Kolben, Zylinderköpfe oder Getriebe. „Im Prinzip müssen wir nur noch Reifen, Felgen und die Elektrik zukaufen.“

Gern geschraubt wird in der Familie übrigens nur an Traktoren. Bei Autos hört die Leidenschaft auf. Marcus Kaiser: „Daran haben wir null Interesse. Wir reparieren zwar alles selbst, aber Autos sind für uns nur Gebrauchsgegenstände.“

Tag der offenen Tür am 20. Oktober

Das Team Kaiser veranstaltet am Samstag, 20. Oktober, von 11 bis 16 Uhr einen Tag der offenen Tür in der Robert-Bosch-Straße 3 in Gussenstadt. Bis zu sechs Traktoren – auch von anderen Tractor-Pulling-Teams – sind zu sehen. Außerdem kann die Werkstatt besichtigt werden und man bekommt Einblick in Konstruktion und Fertigung. Für Kinder gibt es eine Hüpfburg und auch für das leibliche Wohl ist gesorgt.

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