Tim hat einen Lieblingsesel: Hannes. Und Hannes scheint einen Lieblingsmenschen zu haben: Tim. Dreimal pro Monat sehen sich die beiden für eine Stunde. Treffpunkt: die kleine Eselfarm von Sabine Rudolf-Banzhaf am Ortsrand von Dettingen in der Nähe des Rohrweihers. Reden möchte der achtjährige Tim aber lieber nicht darüber. Mit Fremden zu sprechen, das ist nicht so seine Sache. Schüchtern verkriecht er sich am Arm seiner Mutter.

Dann kommt Hannes aus dem Stall. Liebevoll streicht Tim ihm über den Kopf. Und schon wird gestriegelt – wie zu Beginn jeder Eselstunde. Die richtigen Utensilien kennt Tim genau. „Erst muss man mit der gröberen Bürste Kreise ziehen und danach mit der weicheren von oben nach unten kämmen.“ Der Junge mit den aufgeweckten Augen und der kleinen Zahnlücke wirkt bei Hannes wie ausgewechselt. Er kommt richtig in Plauderstimmung. „Man muss Hannes gar nicht hübsch machen, er ist schon hübsch“, sagt er und kuschelt sich an den Hals des Esels. Und der lässt sich das gern gefallen. Er weicht nicht von der Seite des Jungen und stupst ihn immer wieder mit seiner weichen Schnauze am Arm. „Hannes kann ganz viel“, erklärt Tim mit Stolz in der Stimme. Zum Beispiel mit den vorderen Hufen auf ein Podest steigen, oder auch einen Teppich ausrollen. „Und Karotten sind sein Lieblingsessen“, lässt Tim auch noch wissen.

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Tim ist hochsensibel

Seine Mama braucht er jetzt nicht mehr als Unterstützung. Traurig ist diese darüber nicht. Ganz im Gegenteil. „Tim ist ein sehr feinfühliges Kind. Er ist hochsensibel“, erklärt Dagmar Wacker-Glaser aus Herbrechtingen. Auch deshalb ist sie froh, dass sich Tim und Hannes so gut verstehen. „Wir haben schon viel ausprobiert, aber die Eselstunde ist die einzige Freizeitbeschäftigung, die Tim gefällt. Er fiebert richtig darauf hin.“

15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Männer und Frauen gleichermaßen. Wie der Name schon sagt, sind sie sensibler als andere Menschen. Das heißt, sie sind empfänglicher für äußere und innere Reize. Etwa Geräusche, optische Eindrücke oder Gerüche. Aber auch für Stimmungslagen anderer oder eigene Emotionen. Sie sind oft außergewöhnlich kreativ und empathisch. Aber durch ihre Sensibilität erreichen sie einen Zustand der Reizüberflutung schneller als andere. Störende Einflüsse wie starken Parfümgeruch oder einen kratzenden Pullover können sie kaum ausblenden. Sie fühlen sich schneller überfordert und ausgelaugt. Hochsensible Menschen sind leichter zu irritieren und zu verunsichern, leiden häufig an Selbstzweifeln.

Und hier kommen die Esel ins Spiel. Innerhalb der vergangenen sechs Monate hat Tims Mama schon eine Veränderung an ihrem Sohn bemerkt. „Er traut sich mehr zu und ist wirklich selbstbewusster geworden.“

Die Ruhe überträgt sich

Das war und ist das Ziel von Sabine Rudolf-Banzhaf. Sie ist Sozial- und Erlebnispädagogin und hat eine Zusatzausbildung in tiergestützter Arbeit und in der Beratung und Begleitung von hochsensiblen Menschen. Esel, sagt sie, haben eine magische Wirkung. Auf Kinder und Erwachsene. Nun gibt es wohl nur wenige, die sich dem Esel-Charme entziehen können. Die langen Ohren, der gedrungene Körper, die Gemütlichkeit und Ruhe, die sie ausstrahlen. Aber Magie? „Ja, sie öffnen die Herzen der Menschen. Wenn niemand an einen Menschen herankommt, der Esel schafft es. Sie strahlen eine tiefe Ruhe aus. Das überträgt sich unwillkürlich.“ Bestenfalls kommt der Esel nicht nur an die Menschen heran, sondern diese auch aus sich heraus. „Einen Esel zu führen oder einen Huf auszukratzen ist gar nicht so einfach. Hat man es geschafft, überträgt sich das auf das Selbstbewusstsein.“

Seit zehn Jahren hält Sabine Rudolf-Banzhaf Hannes (15), Gustl (17) und Kasper (19). Die kleine Boygroup ist gerade aus der Pubertät raus. „Bei guter Pflege und mit viel Liebe können Esel bis zu 60 Jahre alt werden“, sagt die Sozialpädagogin. Sie begleitet mit ihren vierbeinigen Co-Therapeuten aber nicht nur Menschen mit Hochsensibilität. Auf der kleinen Eselfarm richtet sie auch Kindergeburtstage aus. Mehrmals pro Jahr bietet sie Eselwanderungen und Eselseminare an. Die Eselstunden werden auch von Erwachsenen mit psychischen Problemen oder mit Behinderungen wahrgenommen. Dafür ist nicht nur Sabine Rudolf-Banzhaf ausgebildet. Auch ihre Esel sind geschult. Im Allgäu haben sie mehrere Kurse gemeinsam besucht. Dabei lernte sie viel über die Körpersprache der Esel. Und über die Kommunikation mit ihnen. „Wir müssen einander verstehen. Nur so kann ich mich zu 100 Prozent auf die Tiere verlassen. Und sie müssen mir vertrauen. Ich bin schließlich so etwas wie die Leitkuh.“

„Wie eine Erlösung“

Ähnlich wie Tim strahlt auch Renate B., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Und auch, wenn sie von ihnen spricht. Von ihren therapeutischen Qualitäten ist sie aufgrund eigener Betroffenheit überzeugt. Eine schwere Krankheit änderte vor drei Jahren ihr Leben. „Gehen, die Arme bewegen, ich musste alles neu lernen.“ Sabine Rudolf-Banzhaf machte ihr das Angebot, mit den Eseln zu arbeiten und Renate B. stimmte zu. „Es war wie eine Erlösung. Die Esel haben mir so viel Auftrieb gegeben. Die Krankheit hat mich nicht nur körperlich geschwächt. Ich hatte einfach vor allem Angst.“ Zaghaft war sie anfangs im Umgang mit den Eseln. „Gustl hat mich dann einfach stehen lassen. Er hat mir gezeigt, was mir fehlt und dass ich mich wieder behaupten muss. Im Gehege bei den Eseln genauso wie im Leben.“ Eigentlich sei sie von Haus aus etwas heikel, was Tierhaare oder Schmutz angeht. „Aber ich kann meine Hände einfach nicht von den Eseln lassen.“

Sabine Rudolf-Banzhaf ist bekannt im Dorf. Und sie hat viele Namen. Esel-Sabine, Frau Esel, Esel-Mama. Wie kam sie eigentlich dazu? „Ich wollte schon immer einen Esel. Schon als Kind war ich ein Fan von ihnen.“ In einer Phase ihres Lebens, in der sie sich beruflich neu erfinden wollte, gründete sie die Eselfarm. „Ich wollte eine Verbindung schaffen – zwischen den Tieren, meinem Beruf und der Natur. Die Esel nur zum Liebhaben zu halten, das war mir zu wenig. Sie sind unglaublich neugierig und wollen arbeiten und etwas lernen.“

Sturer Esel?

Nun gelten Esel ja sprichwörtlich als stur und störrisch. Ein Vorurteil? Sabine Rudolf-Banzhaf lacht. „Na, sagen wir so, Esel machen nur, worin sie einen Sinn sehen. Man muss sie überzeugen, etwas zu tun.“ Und wie geht das? „Viel funktioniert über Körpersprache. Man braucht ein überzeugendes Auftreten. Und dafür muss auch die innere Haltung stimmen. Das lässt sich im Prinzip auf alle Lebensbereiche übertragen.“ Wer die Tiere kennt, weiß außerdem, dass zwei Dinge nicht zusammenpassen: Hektik und Esel. „Man lernt hier Geduld“, sagt Sabine Rudolf-Banzhaf. „Das ist eine entschleunigte Welt.“

Wie in jeder Haustierhaltung, werden auch bei der Haltung von Eseln oft Fehler gemacht. Tierquälerei sei es, einen Esel allein zu halten, so Sabine Rudolf-Banzhaf. Selbst wenn er Schafe oder andere Tiere als Gesellschaft habe, ein zusätzlicher Artgenosse wäre besser. „Es gibt viele Schäfer, die sich Esel halten, weil sie die Herde beschützen. Sogar vor Wölfen“, sagt sie. Die Tiere jedoch nur auf einer Wiese zum Weiden zu halten, sei verkehrt. „Frisches Gras ist zu eiweißhaltig. Esel sollten hauptsächlich mit Heu ernährt werden.“ Hin und wieder eine Karotte gehöre natürlich dazu. Und zum Reiten seien die Tiere wirklich nur äußerst bedingt geeignet. Denn anders als man es vielleicht aus dem Urlaub in südlichen Ländern kennt: Esel sind keine Tiere, denen man große Lasten auf den Rücken binden sollte. Nicht mehr als ein Viertel ihres Körpergewichts sollten sie tragen, so Sabine Rudolf-Banzhaf. Das wären im Falle von Hannes, Gustl und Kasper nicht mehr als 40 Kilogramm.

Tim könnte theoretisch also auf Hannes reiten. Gerade noch so. Möchte er das überhaupt? „Nein, muss nicht sein“, sagt Tim und drückt seinen Kopf wieder gegen Hannes’ flauschigen Hals. Sein Esel ist gerade mehrfach und unter Führung von Tim auf das Podest gestiegen. Jetzt knabbert er zufrieden an seiner Belohnungskarotte. Die Stunde der beiden ist fast vorbei. Tim fällt der Abschied schwer. „Ich will nicht weg von ihm“, spricht er dann aus, was jeder sehen kann. Seine Mutter blickt lächelnd auf das Esel-Kind-Paar: „Ihr seht euch ja bald wieder.“

Bildergalerie Ein Besuch auf der Eselfarm in Dettingen

Tiere und ihre heilende Wirkung


Dass Tiere wie Esel, Katzen oder Schafe einen heilenden und beruhigenden Einfluss auf Kinder und Erwachsene haben, ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Sie senken den Cortisolspiegel, setzen das sogenannte Kuschel- oder Beziehungshormon Oxytocin frei, sorgen für Muskelentspannung, senken den Blutdruck und können sogar das Schmerzempfinden reduzieren.