Interview Teilorten nicht alles wegnehmen

Königsbronn / 28.02.2014
Warum Michael Stütz in Königsbronn weiterhin Bürgermeister bleiben möchte, wie er die aktuellen Probleme sieht und was in den nächsten acht Jahren aus seiner Sicht wichtig sein wird.
Am Sonntag, 9. März, dürfen die Königsbronner ihren neuen Bürgermeister wählen. Im Gegensatz zu 2006, als es einen intensiven Wahlkampf gab und Sie drei Gegenkandidaten hatten, scheint das diesmal eine klare Angelegenheit zu werden.

Für mich ist es keine klare Angelegenheit. Ich werde mich nach wie vor intensiv im Wahlkampf bemühen. Es hat schon viele Überraschungen gegeben, ich hoffe nicht, dass gerade jetzt in Königsbronn eine Überraschung passiert. Ich lebe nach dem Motto, das Bärenfell wird erst verteilt, wenn der Bär dann auch im Keller hängt.

Warum sollten die Leute trotzdem die Wahllokale aufsuchen?

Wir haben sehr aktive Bürgerinnen und Bürger in Königsbronn, sie haben viel geschaffen. Das Ergebnis der guten Zusammenarbeit ist ein neues Erscheinungsbild hier in Königsbronn: Beispiel Hammerschmiede, die sehr stark nachgefragt wird. Aktuell stehen jetzt die Königsbronner Gespräche an, zum dritten Mal. Auch wieder mit hochkarätigen Rednern, an der Spitze die neue Verteidigungsministerin, Frau Dr. von der Leyen. Ich denke, dass jeder ein Interesse daran hat, dass dieses positive Erscheinungsbild auch in der Zukunft weiterentwickelt wird.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Auf die positive Außendarstellung der Gemeinde Königsbronn! Das war ja nicht immer so, wir können dies ja ganz offen ansprechen. Vor allem auf die positive Resonanz, die Rückkopplung von außen. Es ist doch sehr schön, wenn ein Regierungspräsident kommt und sagt, Königsbronn ist für ihn „die Gemeinde des Ehrenamtes“. Oder wenn wir beim Leuchtturmprojekt des Staatsanzeigers in der am stärksten besetzten Kategorie als Preisträger hervorgehen! Und wenn Leute von auswärts hierher kommen und sagen, ich hab€ vor zehn Jahren noch hier gewohnt und erkenne sehr deutlich, wie sich Königsbronn toll entwickelt hat. Ich denke, dass diese Entwicklung sehr positiv ist.

Auf was wollen Sie in den nächsten acht Jahren besonderen Wert legen?

Sehr wichtig ist, dieses auffallende ehrenamtliche Engagement, diese Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Wohnort weiterzuentwickeln. Und wenn ich mich hier weiterhin als sinngebender Moderator einbringen könnte, wäre ich stolz. Für mich würde dies auch bedeuten eine weitere Steigerung der Königsbronner Lebensqualität. Wir müssen unbedingt in das Straßensanierungsprogramm gehen, die Vorbereitungen dazu sind ja bereits geleistet.

Dazu wollen wir dieses Jahr 670 000 Euro investieren – ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Kostenschätzung des Fachingenieurs beläuft sich auf fünf bis elf Millionen Euro. Aber irgendwann muss man einfach mal anfangen. Weiterer Punkt: Ausbau der Schule, Sanierungskonzept Realschule. Bei 5,8 Millionen geschätzten Kosten war es auch richtig, dass der Gemeinderat der Empfehlung gefolgt ist, auch ein Planungscontrolling zu installieren hinsichtlich der Frage, was würde ein Neubau kosten.

Wir haben uns auch vorgenommen, dass wir die Ostalbhalle, die ja auch sehr sanierungsbedürftig ist, und die Herwartsteinhalle miteinbeziehen, damit wir einfach mal eine gute Datenlage haben. Wichtig wird sein – und das ist der Schwerpunkt – der weitere Ausbau des Betreuungsangebotes. Besonders am Herzen liegt mir die Verbesserung der Nahversorgung, also mit Läden, dass die Bürger wohnortnah zumindest die Güter des täglichen Bedarfs bekommen.

Das Lange Haus kann sich dank enormer Anstrengungen der Bürgerschaft wieder sehen lassen. Welche neue Nutzung macht aus Ihrer Sicht am meisten Sinn und hat auch eine echte Chance auf Realisierung?  Das angedachte Museumskonzept überzeugt Kritiker nicht.

Ich denke, vorrangiges Ziel war zunächst die Substanzerhaltung, dann haben wir eine Museumskonzeption in Auftrag gegeben. Dabei wird eine Analyse gemacht, es werden die Möglichkeiten zur Neugestaltung der Museen dargestellt, ebenso werden dafür Kostenorientierungswerte und Empfehlungen erarbeitet. Sobald diese Ergebnisse vorliegen, werden wir dies in gewohnter Weise öffentlich sehr transparent diskutieren. Dafür bitte ich um ein wenig Geduld und Verständnis.

Wir brauchen beim Langen Haus jetzt auch etwas Zeit und Ruhe, um gemeinsam mit der Bürgerschaft und dem Gemeinderat künftige Nutzungsmöglichkeiten zu besprechen. Das Haus ist so riesig groß, dafür braucht man halt auch ein mittel- bis langfristiges Konzept.

Mit der Schließung der Firma Schlaadt-KVG zum Ende des Quartals gehen in Königsbronn 22 Arbeitsplätze verloren und bei den insolventen Hüttenwerken steht es auch nicht zum Besten. Wie groß sind Ihre Sorgen um die Betriebe am Ort? Sollte die Gemeinde nicht mehr für Neuansiedlungen tun, beispielsweise in Form eines neuen Gewerbegebietes?

Die Sorge und das aktive Bemühen um die Betriebe vor Ort sind bei mir immer gegeben. Wir sind dran! Gemeinsam mit Oberkochen haben wir schon konkrete Überlegungen angestellt. Soviel darf ich sagen, mit potenziellen Grundstückseigentümern sind auch schon zielgerichtete Gespräche geführt worden und wir werden das dieses Jahr noch im Gemeinderat diskutieren und natürlich vor allem in der Verbandsversammlung des Zweckverbands Interkommunales Gewerbegebiet. Ziel wird sein, ob wir hier gemeinsam grenzüberschreitend mit Oberkochen weitere Flächen erschließen wollen.

Wenn es die Politik will, wird die Stadt Oberkochen, der Kollege Traub und meine Person, dann noch dieses Jahr in ein geordnetes Verfahren gehen mit Flächennutzungsplanänderung und Bebauungsplanaufstellung. Zumindest von meiner Seite ist der Landrat darüber schon vorinformiert.

Eine wachsende  Zahl von Zweiflern fragt sich, ob es richtig war, den gravierenden Eingriff ins Ortsbild durch den riesigen Hallen-Neubau bei den Hüttenwerken hinzunehmen. Arbeitsplätze drohen verloren zu gehen,  die für teures Geld gebauten großen „Klötze“ aber bleiben. Hat sich die Gemeinde von millionenschwerer Investition blenden lassen?

Klares Nein. Für mich war klar, wenn diese Neuinvestition in Königsbronn erfolgt, ist das eine weitere Sicherung des Standortes Königsbronn, auch wenn es im Unternehmen vielleicht etwas kriselt. Deswegen denke ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Das neue Ortsbild ist eine subjektive Empfindung, ich weiß, wie es vorher ausgesehen hat und sehe, wie es jetzt aussieht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man da jetzt von einer Verschlechterung reden muss. Das muss jeder Betrachter für sich selbst beantworten. Es gehört schon auch zur Lebensqualität, Arbeitsplätze vor Ort zu halten. Und die SHW, soviel darf ich sagen, ohne das Steuergeheimnis überzustrapazieren, war ja die ganzen Jahrzehnte lang auch ein absolut verlässlicher Steuerzahler.

Steht Königsbronn hier vor einem Desaster?

Wenn der Papierbedarf weltweit absolut sinkt, ist natürlich das Hauptstandbein Kalanderwalzen etwas weggebrochen, aber der Insolvenzverwalter steht in Kontakt mit vielen Kunden. Die SHW-CT hat nach wie vor einen stabilen Kundenstamm. Auch die Kunden fordern, dass alles unternommen wird, um das Unternehmen aufrecht zu erhalten. Diese sehen auch heute noch die hohe Qualität der Gusstechnik als strategischen Wettbewerbsvorteil weltweit an!

Nach Jahren ohne Tankstelle am Ort kann an der Ortsdurchfahrt wieder getankt werden und auch eine Auto-Waschbox steht zur Verfügung. Vielfach wird jedoch über Mängel auf dem Betriebsgelände geklagt, manche Abläufe erscheinen nicht durchdacht. Wurde hier versäumt, klare planerische Vorgaben zu machen, vielleicht auch seitens der Gemeinde?

Klares Nein, bei einem Bauvorhaben können wir nur bauplanerisch das Einvernehmen erteilen oder nicht, also darauf achten, ist das Grundstück erschlossen oder nicht. Ansonsten teile ich Ihre Meinung, ich bin ja auch immer wieder Nutzer dieser Tankstelle, vor allem wenn viele Leute dort tanken, ist es sehr eng. Die Planung hätte, das ist jetzt meine persönliche Meinung, optimaler gestaltet werden können. Aber wir haben darauf natürlich keinen Einfluss, genauso wenig, wenn jemand ein privates Wohnhaus baut und nachher der Ablauf im Haus etwas schwierig ist, da können wir als Gemeindeverwaltung  ja leider auch keine Vorgaben machen.

Die demographische Entwicklung trifft auch Königsbronn im Mark, vor allem der Teilort Itzelberg musste leiden. Die dortige Feuerwehr hat sich Königsbronn einverleibt, ebenso die Filiale der Grundschule. Mit welchen weiteren Einschnitten und strukturellen Anpassungen müssen die Königsbronner in den nächsten Jahren rechnen?

Die Teilorte sind sehr wichtig. Wir müssen uns darüber unterhalten, eine Strategie nicht gegen unsere Teilorte, sondern für unsere Teilorte zu entwickeln. Wir werden aber eine Entscheidung treffen müssen – bezogen auf Zang – mit der Außenstelle der Schule. Denn es war sehr ungut, und ich hab€ diese Entscheidung sehr ungern mitgetragen. Beispiel Itzelberg: Wenn man im Januar den Leuten sagt, ihr müsst euch bis März entscheiden, wollt ihr die Schule? Aber dann eventuell mit ganz anderen Vorzeichen – andernfalls wird sie geschlossen.
Hier muss die Politik so mutig und ehrlich sein, das ganz offen zu diskutieren. Entweder für den Schulstandort Zang – oder wir integrieren ihn, aber mit einer Verlässlichkeit, dass Eltern wissen, zum Jahr soundso wird es eine Veränderung geben.

In jedem Teilort wird zum Beispiel (noch) eine Halle betrieben und auch genutzt.

Die Kindergärten sind ja auch ein Thema, die Betreuung vor Ort. In Ochsenberg hatten wir vor zwei Jahren die Situation, dass man über Schließung gesprochen hatte. Dann sind wieder mehr Kinder gekommen, so dass es jetzt keine Thematik ist. Aber ich kenn€ ja die Zahlen, auch von Itzelberg. Es wäre meiner Meinung nach ein sehr, sehr großer Fehler, wenn man hier unseren Teilorten plötzlich alle Einrichtungen wegnehmen würde! Dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn's stagniert, die Bevölkerung abnimmt. Wir müssen eine gewisse Attraktivität auch in den Teilorten fördern und unterstützen. Die Betreuung vor Ort sollte – auch wenn es ein bisschen mehr kostet – in jedem Teilort auch zukünftig möglich sein.

Im Interkommunalen Gewerbegebiet  Oberkochen-Königsbronn wendet sich das Blatt zugunsten von Königsbronn, nach langjähriger Durststrecke profitiert die Gemeinde nun auch endlich über satte Gewerbesteuerzahlungen. Erfüllt Sie es mit Genugtuung, dass damit auch hartnäckige Kritiker eines Besseren belehrt werden?

Mit Genugtuung erfüllt mich das nicht, es war schon immer klar, dass es sich um eine langfristige Planung handelt. Wir haben hier einfach Geduld bewiesen und das wird belohnt! Die Gesamtausgaben für dieses Gebiet waren – inklusive Anteil Oberkochen – 7,097 Millionen Euro. Wir hatten Einnahmen über Landeszuschuss, Grundstücksverkauf und Erschließungsbeiträge von 7,3 Millionen Euro, ergibt also einen Überschuss von über 200 000 Euro. Jetzt hatten wir natürlich auch unsere Finanzierungskosten. Wir mussten ja alles vorfinanzieren, mit 750 000 Euro, die Gesamtsumme von Königsbronn war mit der Betriebskostenumlage nochmals rund eine Million Euro. Wenn Sie jetzt aber die Einnahmen aufaddieren, also Überschuss plus die ersten Einnahmen über die Gewerbesteuer, haben wir Stand Ende 2013 einen Überschuss erwirtschaftet von 500 000 Euro.
Wir sind jetzt also bereits in der „Gewinnzone“ – trotz der Zinszahlungen von über 700 000 Euro. Diejenigen, die das trotzdem nach wie vor kritisch sehen, die kann ich leider nicht eines Besseren belehren. Unsere Gewinnzahlen sprechen für sich!

In Zang können sich die Bürger schon länger über schnelles Internet freuen, nun sollen auch die anderen Teilorte und Königsbronn eine deutlich bessere Breitbandversorgung bekommen, was sich aber über viele Jahre hinziehen wird. Wenn man  mal zum Beispiel nach Hermaringen schaut, sind dort sogar im Altdorf neuerdings schon Bandbreiten von bis zu 50 Mbit/s möglich.

Die Ortschaften sind nicht miteinander vergleichbar, und so schlecht ist ja die Versorgung hier im Gesamtort Königsbronn nicht! Unser größtes Problem war Zang und ich denke, das haben wir sehr strukturiert und mit finanziellem Einsatz erledigt. Schlecht versorgt ist allerding noch Ochsenberg, das muss man ganz offen sehen. Mit dem Modellprojekt des Landkreises haben wir aber jetzt erstmals eine strukturelle Planung und wissen, wo die Schwachstellen sind. Jetzt erst können wir zielgerichtet die weitere Vorgehensweise abstimmen. Aber mit den Leerrohren allein haben wir ja noch kein schnelles Internet in den Häusern.  Der Gemeinderat misst diesem Ziel hohe Priorität bei und eine Herausforderung wird sein Waldsiedlung, Töbele und Ochsenberg.

Das Bürgerbus-Angebot wird mittlerweile deutlich besser in Anspruch genommen. Warum aber fahren die Königsbronner nicht wie erhofft in großer Zahl darauf ab? Hängt's tatsächlich an dem einen Euro pro Fahrt, wie Insider zu wissen glauben?

Nein, wir haben ja den Bürgerbus sehr unter Zeitdruck etabliert und andere Kommunen profitieren von der Vorarbeit, die hierzu in Königsbronn geleistet wurde. Ein gewisses Lehrgeld mussten wir leider schon bezahlen. Stolz sind wir aber auf unser ehrenamtliches Fahrerteam! Einmal im Monat treffen wir uns am Stammtisch, wo wir die Situation erörtern. Wir wollen jetzt eine weitere Verbesserung erreichen, indem wir das Netz an Haltestellen ausdehnen. Das ist wichtig. 343 Fahrgäste haben wir von Oktober bis Januar befördert, so schlecht ist das nicht! Aber auch hier muss man noch etwas Geduld aufbringen. Und das mit dem einen Euro Fahrgeld: Was nichts kostet ist nichts wert, wir haben als Gemeinde dabei ja auch Ausgaben! So ein kleiner Obolus ist mehr als gerechtfertigt. Über diesen kleinen Fahrpreis habe ich auch noch nichts Negatives gehört. Sollte das wirklich der Hemmschuh sein, müsste man sich darüber noch einmal unterhalten.

Georg Elsers Geburtsort Hermaringen tut sich schwer, ihn und seinen Versuch, Hitler zu stoppen, angemessen zu würdigen. Sie haben Elser in Königsbronn zum Durchbruch verholfen. Wie könnten die Hermaringer das auch schaffen?

Ich alleine bestimmt nicht, ich hatte viele Weggefährten! Es war auch in Königsbronn nicht leicht! Und heute noch kommen von Elser-Gegnern persönliche und verbale Angriffe gegenüber meiner Person oder anderen Aktiven, die sich hier engagieren. Doch in diesem Spannungsfeld leben wir und das müssen wir auch aushalten, wir lassen uns nicht vom richtigen Weg abringen. Jede Ortschaft hat ihre Besonderheiten und ich möchte mir nicht anmaßen, den Hermaringern ein Patentrezept aufzudrängen.

Aber wenn ich einen Hinweis geben darf, dann den, dass Königsbronn profitiert hat und Vorteile davon hat, dass wir uns zu Elser bekannt haben: gute Zusammenarbeit mit Berlin, wir haben rund 2000 Besucher pro Jahr in der Gedenkstätte, VIPs, Politiker, Künstler. Elser hat sicherlich auch zu einem guten Image der Gemeinde Königsbronn beigetragen und wir konnten viele Kontakte knüpfen – bis ins Ausland. Ich kann mich an keine öffentliche Einrichtung in Königsbronn erinnern, die national und international so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie unsere Georg-Elser-Gedenkstätte.

Mit Bürgermeister Michael Stütz
sprach Gerhard Stock
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