Serie Stiftung Orgeltest (9): Lontals großartige Miniatur ohne Beispiel

Lontal / 28.06.2016
Die Orgel ist die Königin der Instrumente. Und Königinnen gewissermaßen ganz privat präsentieren wir im Rahmen einer Serie, die unsere Orgeltester heute nach Lontal führt, wo der Organist aufpassen muss, dass er nicht ins Leere tritt.

Das liegt am Pedal der Orgel in St. Ulrich, das Thomas Haller mit lautem Entzücken und einem „Großartig!“ aus tiefstem Herzen begrüßt. Das Lontaler Pedal verfügt tatsächlich nur über 15 Töne und ist damit als, wenn man so will, Miniatur ohne Beispiel im Landkreis Heidenheim. „Wenn hier einer herkommt und etwa Bach spielen will, hat er Pech gehabt“, sagt Haller, „weil er die dafür notwendige Anzahl von Pedaltasten nicht hat.“ Und auch mit der gängigen Choralliteratur dürften unvorbereitete Organisten hier ihre Müh und Not haben: „Das Choralbuch rechnet mit 25 Pedaltasten. Man ist auf diesem Instrument in der Literatur sehr eingeschränkt und wird am besten mit Improvisationen über die Runden kommen. Das Pedal eignet sich für nicht viel mehr als Haltetöne.

Gebaut hat dieses Instrument, das seit 1842 in dieser 1603 errichteten Kirche steht, Johann Victor Gruol der Jüngere aus Bissingen an der Teck, dessen Name uns bereits in Bolheim begegnet ist und der einst auch in Mergelstetten zugange gewesen war. 1851 hatte er auch die Orgel der Giengener Stadtkirche bauen sollen, was letztendlich aber dann bekanntlich die Gebrüder Link übernahmen.

Das Gruol-Instrument zu Lontal ist mit sechs Registern und dem Mini-Pedal die kleinste Orgel, die wir auf unseren Ausfahrten kennenlernen werden. Allerdings werden wir am anderen Ende des Landkreises in einem ähnlich kleinen Flecken wie Lontal noch einem Instrument begegnen, das über die Anzahl von sechs Registern ebenfalls nicht hinauskommt.

Und was überhaupt ist ein Register? Wahrscheinlich ist's an der Zeit, hier mal etwas genauer, wenn auch sehr verkürzt nachzuhaken. Ein Register ist eine Familie von Pfeifen unterschiedlicher Länge und gleicher Bauart, wobei die Anzahl der Pfeifen pro Register der Anzahl der Tasten auf dem Manual entspricht, um alle vorhandenen Töne auch abbilden zu können. Das Pfeifenwerk einer Orgel besteht nun aus mehreren Pfeifenreihen, die jeweils von einer dieser oben beschriebenen Pfeifenfamilien, also den Registern gebildet werden, die vom Spieltisch aus- und abgeschaltet, aber auch gemischt werden können. Es gibt Register, die wie Streichinstrumente klingen, aber auch solche, die von der Klangfarbe her Holz- oder Blechblasinstrumenten ähnlich sind. Was längst noch nicht alles ist. Bei den Pfeifen unterscheidet man zwei Arten, die Labialpfeifen, also Lippenpfeifen, mit einer Tonerzeugung wie bei der Blockflöte, und die Zungenpfeifen (Lingualpfeifen) mit einer Tonerzeugung wie bei der Klarinette.

Die Disposition, also die Zusammenstellung der Register einer Orgel, hatte und hat auch immer viel mit dem Zeitgeschmack zu tun. Das planvolle Kombinieren verschiedener Register nennt man Registrierung. Hier kann man heute an modernsten Orgeln mit Hilfe digitaler Technik unzählige Kombinationen programmieren und im Bedarfsfall abrufen, während es auf Orgeln älterer Bauart heftiger Handarbeit bedarf, die der Organist oftmals nicht allein schafft, weshalb er auf die Hilfe oft gleich mehrerer Registranten angewiesen ist, die rechtzeitig an den Registerknäufen am Spieltisch ziehen beziehungsweise diese rechtzeitig wieder in den Tisch hineinschieben, was im Fachjargon abstoßen heißt.

Nicht alle der sechs Register der Lontaler Orgel klingen mehr so, wie sie das wohl 1842 taten. Denn im Jahr 1985 wurde das Instrument von der Giengener Firma Link restauriert, was sich nicht nur in einer Mischung von alten, erkennbar handgefertigten, und neuen Pfeifen im Innern des Instruments niederschlägt, sondern auch in der Klangfarbe, die Thomas Haller hin und wieder als „modern“ empfindet. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass die Orgel bei der Restaurierung gleich „elektrifiziert“ wurde. Bis dahin war der Wind von sogenannten Kalkanten in Fußarbeit über die Kastenbalganlage hinter der Orgel ins Instrument gelangt. Seit 1985 übernimmt dies ein Motor. Was den Klang ebenso verändert haben könnte, denn Haller hat den Eindruck, dass das Pfeifenwerk der Orgel ursprünglich mit weniger Wind gerechnet hat.

Dass überhaupt etwas zu hören ist in St. Ulrich zu Lontal, ohne dass Manfred Kubiak ins Geschirr des Balgtreters muss, ist Arthur Penk zu verdanken, dem gelingt, was dem erfahrene Organisten Haller einfach nicht gelingen will, nämlich den gut versteckten Knopf zu finden, der die Stromversorgung der Orgel anwirft.

Letztendlich aber geht's ohne Schweißvergießen ab, was sich viele der Kalkanten, die hier von 1842 bis 1985 Dienst taten und sich ebenso lange mit Bleistift auf den Orgelpfeifen im offenen hinteren Bereich des Gehäuses verewigt haben, ab und an bestimmt ebenfalls gewünscht hätten. Apropos: In den stromlosen Zeiten waren an wirklich großen Orgeln bis zu zwölf Kalkanten gleichzeitig bei der Arbeit, um die Bälge in Bewegung zu halten.

Thomas Haller ist von der Lontaler Orgel, selbst wenn ein paar Tasten recht schwergängig und nur mit Mühe zu spielen sind und das Instrument nach 30 Jahren langsam wieder renoviert werden könnte, jedenfalls begeistert: „Ein sehr interessantes Objekt, das in seiner Ausprägung an anderen Orten bestimmt schon längst ersetzt worden wäre, aber hier in der Abgeschiedenheit überleben konnte. Toll.“

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