Serie Stiftung Orgeltest (13): Ein Kleinod, versteckt im beschaulichen Sontbergen

Sontbergen / Manfred Kubiak 12.07.2016
Die Orgel ist die Königin der Instrumente. Und Königinnen gewissermaßen ganz privat präsentieren wir im Rahmen einer Serie, die unsere Orgeltester heute nach Sontbergen führt, wo sie einer Orgel begegnen, die nur findet, wer sie tatsächlich sucht.


Denn zufällig gelangt man kaum in die schmucke Jakobuskirche, die selbst in dem recht übersichtlichen Dorf doch eher versteckt liegt. Dies allerdings am Jakobsweg, weshalb seit dem Jahr 2004 fünf Glasfenster des inzwischen verstorbenen Künstlerpfarrers Sieger Köder einen veritablen Blickfang abgeben.

Viel, viel älter hingegen ist die Orgel am Ort. Tatsächlich beherbergt Sontbergen die zweitälteste noch erhaltene evangelische Orgel im Landkreis Heidenheim. Was eigentlich einem kleinen Kunststück gleichkommt, da das Instrument gewissermaßen eine Einwanderin, erst seit 1972 eine Sontbergenerin und darüber hinaus sogar erst seit 1974 im Kreis Heidenheim wohnhaft ist.

Das klingt, zugegebenermaßen, etwas verwirrend und verlangt nach einer Erklärung. Die wiederum ganz einfach ist. Sontbergen kam erst durch die Gemeindereform des Jahres 1974 zu Gerstetten. Weltlich, wohlgemerkt. Kirchlich, erklärt Mesnerin Annemarie Dauner, war dies sogar erst 1977 der Fall.

Weltlich wie kirchlich hatte Sontbergen zuvor zu Bräunisheim im Landkreis Ulm gehört. Und in der Kirche zu Bräunisheim hatte ursprünglich auch die heutige in Sontbergen erklingende Orgel gestanden. Und dies seit 1858. Geboren, wenn man so will, wurde das Instrument in Göppingen, in der Orgelwerkstatt der Gebrüder Schäfer. Als 1972 die Kirche in Bräunisheim renoviert wurde, was auch mit der Anschaffung einer neuen Orgel einher ging, wurde das Instrument nach Sontbergen verkauft, wo in der Jakobuskirche zuvor lediglich ein Harmonium Dienst getan hatte.

Für Thomas Haller ist der Besuch in Sontbergen eine Reise in die eigene Vergangenheit. Vor 32 Jahren ist er schon mal hier gewesen: Ein Jugendlicher, der auf der Orgel spielen sollte. „Als ich dann aufs Pedal schaute, habe ich meine Noten gleich wieder eingepackt.“ Denn das Pedal der Orgel in Sontbergen ist eines, das jeden Spieler, der hierherkommt, aufs äußerste herausfordert, da es lediglich über 18 Töne verfügt. Das ist, nach Lontal, das zweitkleinste Pedal im Landkreis. Was die Anzahl der Register, nämlich sechs, anbelangt, liegen die Orgeln in Lontal und Sontbergen gleichauf und sind damit die Zwerge auf unserer Tour.

Zwar kann sich Thomas Haller nicht vorstellen, dass die gesamte Intonation über mehr als 150 Jahre unberührt geblieben ist, denn ab und zu schaut schon ein Orgelbauer hinein, reinigt oder restauriert „und hinterlässt dabei durch klangliche Retuschen eine eigene Handschrift“. Aber „dennoch ist die Klangrichtung seit 1858 grundsätzlich erhalten geblieben“. Und Haller schwärmt: „Das ist das wunderbare an diesen kleinen Kirchen fernab der großen Orte. Sie sind absolute Geheimtipps und der ideale Aufbewahrungsort für Kunstwerke, denn es passiert über Jahrhunderte hinweg nichts. Und da gibt's auch keine Organisten, die pausenlos das Neueste wollen. Nur so kann ein solches Kleinod wie dieses Instrument einen solch langen Zeitraum relativ unbeschadet überstehen.“ Einzig die Prospektpfeifen sind nicht von 1858. Sie stehen erst seit 1992 in die Orgel und ersetzten die verzinkten Blechpfeifen, die seit 1917 das Gesicht der Orgel waren, nachdem die originalen Zinnpfeifen im Ersten Weltkrieg für Rüstungszwecke requiriert worden waren.

Ein Blick ins Instrument beweist, dass es nicht nur außen, sondern auch innen gut erhalten ist. Zwar konstatiert Thomas Haller eine gewisse Feuchte, aber dennoch keinen nennenswerten Schimmelbefall. Und die Metallpfeifen von 1858 erzählen mit ihren Lötnähten Geschichten aus Zeiten, als Lötkolben noch in der Glut von Feuern erhitzt und die Orgelpfeifen winters beim Schein von Kerzen gelötet wurden.

Einzig in Sachen Windversorgung hat die Orgel in der Jakobuskirche so ihre Tücken. Und zwar dergestalt, dass die Pedalpfeifen dem Rest gewissermaßen den Wind stehlen, weshalb man hier nicht allzuviel mit dem Füßen spielen und das Pedal eher für Haltetöne nutzen sollte.

Das Pedal hat keinen eigenen Balg, der Windmenge und Winddruck reguliert, sondern hängt mit den Manualpfeifen zusammen. So kann man im Staccato-Spiel, wenn die Windfresser des Pedals für wahre Druckwellen im System sorgen, die Tonhöhe der anderen Pfeifen auf- und niedertanzen hören. Da ist es einerlei, ob traditionelle Orgelbauer wie die Gebrüder Schäfer anno 1958 noch die Schleifladentechnik bevorzugten, wohingegen moderne Orgelbauer wie die Gebrüder Link schon die Kegellade verbauten, die mit hohem Windverbrauch relativ gut umgehen konnte.

Zur Ehrenrettung der Schleiflade muss allerdings angemerkt werden, dass in heutiger Zeit, da die Orgelwissenschaft die Windproduktion sicher im Griff hat, auch bei modernen Orgeln inzwischen wegen deren Robustheit wieder nahezu ausschließlich auf die Schleifladentechnik setzt. Vorausgesetzt, man hat genügend Blasebälge.