Serie Stiftung Orgeltest (12): Die olympische Posaune von Bolheim

Bolheim / 08.07.2016
Unsere Orgeltester Thomas Haller, Manfred Kubiak und Arthur Penk sind heute in Bolheim - und zwar auf den höchsten Punkt des alten Dorfes.

Dort steht die evangelische Kirche, und zwar, dies nebenbei, an einer Stelle, an der wohl schon im 10. Jahrhundert eine Kirchenbau stand. Die heutige Gestalt hat die Kirche seit dem Jahr 1780, ihre Orgel wiederum bietet das heute gewohnte Bild seit 1836. Klingen freilich tut sie ein bisschen nach 1890, vor allem aber nach 1960 und 1972. Und sie hat, das darf man sagen, schon einiges erlebt.

Gebaut haben die Bolheimer Orgel Johann Victor Gruol der Ältere, ein im 19. Jahrhundert wohlbekannter Orgelbauer aus Bissingen an der Teck, und dessen Sohn, der jüngere Johann Victor, der uns übrigens auf unseren Orgelausfahrten noch einmal begegnen wird. Wobei ursprünglich gebaut die Sache besser trifft. Denn von dem Gruol-Instrument ist lediglich noch der Prospekt, also die Schauseite, übrig, hinter die bereits im Jahr 1890 von der Giengener Firma Link ein komplett neues Spielwerk eingebaut wurde. Wie die Gruol-Orgel wohl geklungen hat, kann der Fachmann vielleicht ahnen. Wissen tut man's allerdings nicht.

Dafür aber weiß Udo Großmann, warum er seit 50 Jahren die Orgel in Bolheim spielt. Weil sie nämlich anno 1960 noch einmal von der Firma Link umgebaut und von Helmut Bornefeld neu disponiert, mensuriert und intoniert wurde. Und seither klingt sie, wie es Großmann mag, der die Klangschönheit und Vielseitigkeit des Instruments nicht genug loben kann. „Vor diesem Umbau“, sagt Udo Großmann, war die Orgel mit ihren zehn Registern eine typische schwäbische Dorforgel. Und ich wäre sicher hier schon längst nicht mehr Organist, wenn es dabei geblieben wäre.“

Dass es sich änderte, dafür sorgte der Heidenheimer Kirchenmusikdirektor und landeskirchliche Orgelsachverständige Helmut Bornefeld, von dem noch oft und viel die Rede sein wird. Bornefeld war ein herausragender Vertreter der sogenannten Orgelbewegung des 20. Jahrhunderts. Vereinfacht ausgedrückt war deren besonderes Anliegen, ein barockes Klangbild wiederzubeleben. Die Entwicklungen des im 19. Jahrhundert einsetzenden romantischen Orgelbaus hin zum symphonisch-orchestralen Klang wurde deshalb heftig bekämpft. Und es wurde, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, umgebaut, was nicht niet- und nagelfest war. Bisweilen zum Wohl, oft aber, wie man das heute bewertet, leider zum Wehe der Orgeln.

Das Bolheimer Instrument allerdings gehört, wenn man so will, zu den glücklichen Patienten der Orgelbewegung und hat hörbaren Nutzen aus der Behandlung durch Helmut Bornefeld gezogen, bei der nicht nur zunächst zwei Register mehr hinzukamen, sondern dem Organisten nun auch viel mehr Möglichkeiten an die Hand gegeben wurden, wenn es darum geht, Melodiestimmen zu gestalten. 1972, im Jahr der Olympischen Spiele in München, kamen noch einmal zwei Register hinzu. Und wer eines davon, nämlich das Posaunen-Register im Pedalwerk einmal in Bolheim gehört hat, kann Helmut Bornefeld nur zustimmen, der, wie sich Thomas Haller erinnert, folgenden Ausspruch tätigte: „Das Ziehen der Posaune ist hier ein Ereignis.“ Udo Großmann, auf dessen Vorschlag seinerzeit die nochmalige Erweiterung der Orgel vorgenommen worden war, kann das nur bestätigen. „Ich bin glücklich mit diesem Instrument.

Einem Instrument, das nicht nur, wenn man so will, im Alltagsgebrauch ausnehmend gut klingt, sondern sich trotz seiner vergleichsweise geringen Anzahl an Registern auch hohen Konzertansprüchen vollauf gewachsen zeigt. Erst recht, nachdem es im Jahr 2015 mit all seinen 993 Pfeifen gründlich gesäubert und restauriert worden ist.

Interessant an der Bolheimer Orgel, bedenkt man das eigentliche Baujahr von 1836, ist zudem ihr bereits freistehender Spieltisch, der dem Organisten darüber hinaus ein Nach-Vorne-Spielen ohne Rückspiegel erlaubt und somit freie Sicht zum Altar gewährt.

Zum Ende des Ersten Weltkriegs hin, im Jahr 1917, waren, um dies ebenfalls zu erwähnen, wie fast überall in Deutschland, auch in Bolheim die schönen großen Prospektpfeifen der Orgel auf Befehl der Heeresleitung eingesammelt und für Munitionszwecke eingeschmolzen worden.

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