Rückblick Staub statt Konfetti

Herbrechtingen / MICHAEL BRENDEL 28.02.2014
Eigentlich hätte heuer das 100-jährige Bestehen des Sägewerks Sturm standesgemäß gefeiert werden sollen. Allerdings kam bereits 2011 wirtschaftlich bedingt das Aus. Jetzt entsteht am Stammsitz einer langen Familien-Ära mitten in Herbrechtingen ein Wohngebiet. Ein Blick in die Annalen.
Beim Vesper sitzen Chef und Belegschaft gemeinsam am Tisch? Für Matthäus Sturm war's eine schiere Selbstverständlichkeit. Ebenso wie das Glas Most, das er sich im Kreise seiner Mitarbeiter munden ließ. Möglich machte diese Konstante im täglichen Ablauf die überschaubare Größe des von Sturm geführten Sägewerks an der Eselsburger Straße. Als das Unternehmen später zu seinen Glanzzeiten rund 120 Beschäftigte hatte, wäre diese Praxis freilich einer Massenspeisung gleichgekommen.

Die Anfänge waren weitaus bescheidener. Matthäus Sturm sen. erwarb 1914 das kleine Sägewerk Bosch samt Kistenmacherei und Zimmerei, das 1883 gegründet worden war. 1948 übergab er den Betrieb an seinen Sohn, der ebenfalls auf den Namen Matthäus hörte – und bereits ein Jahr später starb, weshalb die Leitung der Geschäfte an die dritte Generation überging: Hermann Sturm hatte gerade einmal 17 jugendliche Lenze vorzuweisen, als er die Verantwortung für Sägewerk und Personal übertragen bekam.

Mit 17 zum Sägewerks-Chef

Die Zahl der Mitarbeiter stieg von zunächst lediglich sieben in dem Maße an, in dem Hermann Sturm den Handwerksbetrieb modernisierte und erweiterte. Er verlegte den Schwerpunkt auf das Sägewerksgeschäft und verlieh ihm auch dank des Einsatzes einer Gatterbandsäge peu à peu einen industriellen Zuschnitt.

Die Entwicklung schlug sich im Herbrechtinger Ortsbild weithin sichtbar nieder. Meterhoch türmten sich die ihrer Verarbeitung harrenden Baumstämme, scheinbar unzählige Bretterstapel warteten auf den Abtransport, Halle um Halle entstand, und ein weit ausragender Portalkran überspannte einen großen Bereich des Firmenareals.
Eine wesentliche Änderung ergab sich Ende der 1960er-Jahre. Waren die Stämme bis dahin bereits im Wald geräppelt oder aber später mitsamt der Rinde gesägt worden, so erfolgte die Entrindung jetzt auf dem Werksgelände.

Hightech aus Skandinavien

Außerdem veränderte eine technische Neuerung den Produktionsprozess maßgeblich: Zusammen mit seinen Unternehmerkollegen Eugen Klenk aus Oberrot und Fritz Wahl aus Lauffen importierte Hermann Sturm eine immer bedeutsamer werdende Technologie aus Skandinavien nach Süddeutschland, nämlich den Einbau von leistungsfähigeren Kreissägen und Fräsen anstelle von Gattersägen. Solche sogenannten Profilzerspanerlinien ermöglichten eine passgenauere und effizientere Produktion.

Langsam aber sicher wurde am Stammsitz der Platz knapp: Hobelwerk und Verwaltung benötigten angemessenen Raum, vor allem jedoch die Kistenmacherei, die sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht vor allem winters mit der Zimmerei ergänzte und immer mehr an Bedeutung gewann. Bis zu 25 Tonnen schwere Transportbehältnisse für empfindliche Bauteile entstanden dort. Zum Kundenkreis gehörten Anlagenbauer aus der weiteren Umgebung, an vorderster Stelle Voith.

Sturm verlegte also 1984 seinen Rundholzplatz in den Vohenstein. Zehn Jahre später folgte das Sägewerk. Der Handwerks- hatte sich nun endgültig zum Industriebetrieb entwickelt, in dem sieben Tage pro Woche die Maschinen liefen.

Nach und nach wuchs die Erkenntnis, „dass ein Gewerbegebiet direkt gegenüber dem Kloster und quasi im Ortskern des alten Herbrechtingen nicht wirklich sinnvoll war“, blickt Hermann Sturms Sohn Matthias (44) zurück, seit 1997 gemeinsam mit seinem Bruder Hans-Günter Geschäftsführer im elterlichen Betrieb.

Der Weg in den Vohenstein

Die Lösung: Säge- und Hobelwerk sollten im Vohenstein weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig reiften für das zweieinhalb Hektar große Gelände an der Eselsburger Straße bereits kurz nach der Jahrtausendwende andere Pläne. Wohnhäuser waren dort im Gespräch.

Jetzt, Anfang 2014, nehmen diese Überlegungen mehr und mehr Gestalt an. Kahlschlag heißt die Devise: Eine Halle nach der anderen wird ausgeräumt, entkernt und anschließend abgerissen. So verschwindet das Traditionsunternehmen Stück für Stück aus dem Ort. Bis zum 30. Juni muss das komplette Areal geschleift sein, anschließend beginnt die Stadt mit den Erschließungsarbeiten.

All das vollzieht sich unter völlig anderen Voraussetzungen als zunächst erwartet: „Wir hatten zwar damit gerechnet, dass ein Wohngebiet entsteht, nicht aber, dass es das Sägewerk dann schon nicht mehr geben würde“, sagt Matthias Sturm. Letzteres wurde 2011 stillgelegt, weil die anhaltende Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen Betrieb nicht mehr zugelassen hatte. „Es ist schon bitter und macht traurig, dass das Sägewerk gerade jetzt abgebrochen wird, genau im 100. Jahr seines Bestehens“, sagt Matthias Sturm beim Blick in eines der noch stehenden Gebäude.

Lückenschluss im Ortskern

Entsprechend groß ist seine Verärgerung über jene ungebetenen Gäste, die verbotenerweise Teile der Installation ausgebaut und mitgenommen haben. Sogar die Polizei hatte sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen.
Einige Zeit wird es noch dauern, dann ist die komplette Firmenhistorie nurmehr eine Angelegenheit für Archive, Fotoalben und Erzählungen: Die Sturm Holzbau GmbH wie auch die Matthäus Sturm GmbH befinden sich in Liquidation.
Da sich Geschichte bekanntlich nicht wiederholt, gewinnt Matthias Sturm aber auch der Zukunft Positives ab: „Es ist einfach nur sinnvoll, im alten Ortskern durch Wohnbebauung den Lückenschluss zu vollziehen.“
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