Söhnstettens Geschäfte mit der Vergangenheit

Karin Fuchs 13.04.2012
Für die einen ist es Schrott, für die anderen sind es wahre Schätze, die Martin Häberle in Söhnstetten in seiner Firma Historische Baustoffe Ostalb lagert. Kunden aus ganz Deutschland suchen bei ihm nach Baumaterial.

Hätten neue Dielen solche schäbigen Riefen, kaum einer würde sie kaufen. Doch sind es gerade die kleinen Makel, das Unperfekte, das dem alten Holzboden einen unwiderstehlichen Charme verleiht. Martin Häberle fährt fast liebevoll über die Struktur des Holzes, das in Söhnstetten eine neue Verwendung gefunden hat – als Regal. Die Regalböden bestehen aus alten Treppenstufen.

Allein schon das Firmengebäude selbst könnte nicht besser passen zu einem Betrieb, der sein Geld mit geschichtsträchtigen Dingen macht. Häberle hat mit seinen Mitarbeitern die alte Schreinerei der Schwäbischen Hüttenwerke in Königsbronn abgebaut und auf seinem Gelände südlich von Söhnstetten neben der Biogasanlage wieder aufgebaut. „Ein Glücksfall“, freut er sich noch heute. Er hatte bereits die Baugenehmigung für eine neue Lagerhalle mit fast identischen Maßen in der Tasche, als er Ende 2009 vom geplanten Abriss des 145 Jahre alten Fachwerkgebäudes aus der Zeitung erfuhr.

Detailgetreu hat er das Gebäude innerhalb von viereinhalb Monaten in Königsbronn ab- und in Söhnstetten wieder aufgebaut. Seit zwei Jahren wird es nun schon liebevoll restauriert. Allein schon das Haus soll zeigen, was man mit historischen Baustoffen alles machen kann. Der Boden besteht aus handgehauenen Solnhofer Platten, am Eingang tritt der Besucher über ein „Salve“ aus Mosaiksteinen gelegt – alles Material, das Häberle aus alten Abbruchhäusern gerettet hat. Die Theke im Büro ist verblendet mit verwittert aussehendem Holz eines alten Scheunengiebels. Viele würden die Bretter achtlos entsorgen. Bei Häberle bekommen sie eine zweite Chance. Im Obergeschoss liegt ein 130 Jahre altes Eichen-Würfel-Parkett, der Boden einer längst abgebrochenen Brauerei in Schwäbisch Gmünd.

Die Baustoffe zu bergen, dahinter steckt „richtig viel Arbeit“, sagt Häberle. Schließlich darf man die Dinge nicht einfach rausreißen, sondern sie so ausbauen, dass wenig kaputt geht. „Wenn man ein Gespür für das Material hat, dann geht das auch.“

Angefangen hat Häberles Faible für alte Baustoffe ganz privat: er kaufte ein altes Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert und wollte es möglichst mit alten Materialen restaurieren. Irgendwann war das Häusle fertig und er hatte einen Berg von Baumaterial übrig. Damals fing es an, dass Leute bei ihm nachfragten, ob er dies oder jenes an alten Baustoffen übrig habe. Klar für Häberle, dass es durchaus einen Bedarf an alten Materialen gibt. Und so entwuchs schließlich vor über zehn Jahren daraus die Firma. Montagebau wie Dächer decken und Gärten anlegen sicherte zunächst die Existenz. Doch seit Anfang 2010, berichtet Häberle, hat der Handel mit historischen Baustoffen eindeutig das Übergewicht.

Meist sind es die Abbruchunternehmen, die Häberle über lohnenswerte Materialien informieren. Manchmal liest Häberle aber auch in der Zeitung, dass etwas abgerissen werden soll. So wie etwa von der Fußgängerbrücke über den Wedel beim Jahnhaus. Diese führt nun auf dem Freigelände in Söhnstetten ins Nichts. Mal sehen, ob sie so lange im Fundus bleibt wie der Erker der Villa Voelter, dem früheren Jugendhaus, den Häberle in den Anfangsjahren seiner Firma abgebaut hat. Mit den Jahren hat er eine wahre Sammlung von historischen Dingen aus Heidenheimer Altbauten und Fabrikanten-Villen. „Ich rette Kulturgut“, sagt Häberle und meint, dass das eigentlich Aufgabe der Stadt sein müsste. Ein hübsches Sammelsurium stammt zum Beispiel aus der Voith-Villa, die derzeit abgerissen wird.

Ein besonderes Firmen-Kapitel beginnt für Häberle mit dem Abriss des Ploucquet-Gebäudes. Dort fing seine Sammelleidenschaft für Lampen an. Viele alte Leuchten fand er auf einem Dachboden, zwei davon sind nun Ausstellungsstücke im Grassimuseum in Leipzig: Kandem-Leuchten, die einst in Leipzig gefertigt wurden. Lampen vom Jugendstil bis in die Gegenwart füllen den Dachboden der alten Schreinerei. Wer kauft so etwas? Sammler oder Menschen, die einfach etwas Besonderes in ihrem Haus haben möchten, meint Häberle. Das sei wie bei den alten Baustoffen. Moderne Architektur gepaart mit einem alten Boden sei für manche etwas Besonderes.

80 Prozent seiner Geschäfte macht Häberle mittlerweile übers Internet. Da sucht jemand nach Kalksteinpflastern oder alten Zementfliesen und findet sie bei Häberle. Ein Schlossbesitzer in Brandenburg hat kürzlich fast alle Bestände von Pitch-Pine-Dielen aufgekauft – ein Holz, das vor über 100 Jahren als notwendiger Ballast auf den sonst zu leichten Tee- und Gewürzfrachtern über den Atlantik zu uns kam.

Die Firmen mit historischen Baustoffen sind in Deutschland überschaubar. Rund 60 Unternehmen gibt es laut Häberle, wobei etwa die Hälfte davon in einem Verband organisiert ist. Anfang Mai ist Häberle in Söhnstetten Gastgeber für ein Verbandstreffen. Söhnstetten wird dann für einige Tage zum Nabel der historischen Baustoffe in Deutschland.

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