Agrar Schutz für gutes Ackerland gefordert

Nur wenige Politiker bei der Bauernversammlung im Rathaus, dafür konnte man länger unter sich fachsimpeln.
Nur wenige Politiker bei der Bauernversammlung im Rathaus, dafür konnte man länger unter sich fachsimpeln. © Foto: Foto: Jennifer Räpple
Herbrechtingen / Günter Trittner 10.02.2014
„Seien Sie selbstbewusst“ ermunterte Roderich Kiesewetter die Bauern bei deren Lichtmess-Versammlung im Rathaus. Dass zu dieser früher politisch hochkarätig besetzten Veranstaltung „nur“ noch der Bundestagsabgeordnete gekommen war, verstärkte diesen Appell nicht gerade.

40 Personen sind im Bürgersaal, gut die Hälfte Landwirte. Die kleine Zahl spiegelt aber nicht die Größe der Probleme in der Landwirtschaft wider. Selbst wenn bei den Milchbauern derzeit wieder der Milchpreis stimmt, im Ländervergleich waren die Landwirte in Baden-Württemberg bei den Einkommen im Jahr 2012/13 wieder Schlusslicht. 90 Prozent aller Schweinehalter hätten im Landkreis in den letzten 25 Jahren ihren Stall geschlossen, vermeldete Ernst Kröner, der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbands, weil die kleinen Betriebe sich nicht mehr rentiert hätten.

Wer ausgebaut habe, stehe dafür heute in der Öffentlichkeit im schlechten Ruf einer Massentierhaltung. Beklagt wurde von Kröner auch die ausufernde Bürokratie. Günther Thierer, der Ortsobmann der Bauern, nannte ein Beispiel. Niemand müsse seinen Kraftfahrzeugführerschein nach einer bestimmten Frist nachmachen, die Landwirte aber müssten nun wiederholt einen Sachkundenachweis Pflanzenschutz erbringen. Als Enteignung bezeichnete Thierer den fünf Meter breiten Schutzstreifen entlang von Gewässern, auf denen weder Dünger noch Pflanzenschutzmittel aufgebracht werden dürften. „Dabei ist völlig unklar, wenn ein Graben als wasserführend gilt: einmal im Jahr oder zweimal die Woche.“

Landwirt Thomas Beißwenger forderte einen gesetzlichen Schutz von gutem Ackerland wie er für Streuobstwiesen und Magerrasenfläche gelte, um den fortschreitenden Landverbrauch für Gewerbegebiete und Siedlungsflächen zu stoppen. Landwirt Andreas Hof meinte, dass die Gewerbesteuer für die Kommunen in dieser Hinsicht falsche Anreize setze. „Die Stadt finanziert sich ja durch Flächenverkäufe.“

Stadtrat Martin Müller erinnerte als Vertreter des Beigeordneten Thomas Diem daran, dass Herbrechtingen auf Zuzug angewiesen sei, damit die kommunalen Einrichtungen ausgelastet bleiben. Man habe aber genügend Baugrund und diesen auch innerorts. Das Baugebiet Sturm hätte sogar eine Ecke größer sein können, wenn ein Grundeigentümer auch mitgemacht hätte, blickte Müller in Richtung Landwirte. Auch das Areal Liegelind stehe noch als innerstädtische Fläche zur Verfügung.

Eine Verschiebung der Wettbewerbssituation der Bauern befürchtete Roderich Kiesewetter durch den aufkommenden Landhunger Chinas in Afrika und der billigen Agrarproduktion dort. In Deutschland seien die Umweltstandards viel höher. „Deswegen brauchen wir eine starke EU, um international unsere Vorstellungen einer verantwortungsvollen Produktion durchsetzen zu können.“ Stark muss die EU für Kiesewetter auch sein, damit bei der Vereinbarung eines Freihandelabkommens mit den USA die Bedingungen stimmen. „Lieber fünf Jahre länger verhandeln“, als einzubrechen, meinte der Abgeordnete.

Landwirt Harald Rabausch aus Bissingen bat die Politik der jüngst gestartete Tierwohl-Initiative beizutreten, mit der Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel tiergerechte Produktionsformen in der Schweinezucht finanziell fördern wollen. Kiesewetter bat in diesem Zusammenhang darum, die alte Landwirtschaft nicht zu verklären. Die Tierhaltung in den 60er-Jahren sei viel schlimmer gewesen. Ernst Kröner forderte die Öffentlichkeit auf, Höfe mit gläserner Produktion zu besichtigen, um sich ein eigenes Bild von der Landwirtschaft vor Ort zu machen. „Regional einkaufen“ war der Rat von Thomas Beißwenger an den Verbraucher.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel