Nattheim Nach tödlichem Arbeitsunfall: War der Kran in Ordnung?

Nach einem tödlichen Arbeitsunfall verhandelte das Amtsgericht in Heidenheim.
Nach einem tödlichen Arbeitsunfall verhandelte das Amtsgericht in Heidenheim. © Foto: Arthur Penk
Nattheim / Joelle Reimer 04.07.2018
Nach einem Kranunfall in einer Nattheimer Firma wird das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingestellt.

Musste ein 45 Jahre alter Mitarbeiter einer Nattheimer Baufirma im vorigen Jahr bei einem Kranunfall sterben, weil der Kran schon seit Jahren nicht mehr geprüft worden war?

Um diese Frage drehte sich eine Verhandlung vor dem Amtsgericht Heidenheim im Nachgang zu dem tragischen Arbeitsunfall, der sich am 26. Oktober 2017 auf dem Gelände einer Baufirma an der Nattheimer Daimlerstraße ereignet hat.

Damals war ein 45 Jahre alter Mitarbeiter ums Leben gekommen, weil das Stahlseil eines Kran-Auslegers gerissen war. Der Ausleger und mehrere angehängte Baustahlmatten waren nach unten gekippt, der Mann war unter der tonnenschweren Last begraben worden und noch am Unfallort seinen Verletzungen erlegen.

Mit Hilfe dreier Zeugen und eines Sachverständigen versuchte Richter Eberhard Bergmeister gestern nun zu klären, ob sich der 38-jährige Geschäftsführer aus Nattheim, für den der Verstorbene als Vorarbeiter tätig gewesen war, der fahrlässigen Tötung zu verantworten hat. Denn: Untersuchungen des Unfallhergangs hätten ergeben, so Bergmeister, dass das gerissene Stahlseil verrostet war und zudem die erforderlichen Sachkundigen- und Sachverständigenprüfungen des Krans gefehlt haben. „Der Kran war Baujahr 1974, da wäre seit Jahren eine jährliche Prüfung notwendig und vorgeschrieben gewesen“, so Richter Bergmeister. Der letzte Prüfaufkleber, ergänzte ein sachverständiger Diplom-Ingenieur, war maximal bis zum Jahr 2002 ausgestellt.

Hat der 38-jährige Angeklagte also grob fahrlässig seinem Vorarbeiter gegenüber gehandelt, indem er die Kran-Prüfungen 15 Jahre lang vernachlässigt hat? Hätte sich der Betriebsunfall ansonsten womöglich verhindern lassen? Wahrscheinlich nicht, kamen Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger im Amtsgericht letztlich überein.

10 000 Euro an die Witwe

Ausschlaggebend dafür war die Aussage des Sachverständigen, demzufolge das verrostete Stahlseil in der Umlenkrolle selbst bei einer Sachverständigenprüfung wahrscheinlich nicht aufgefallen wäre. „Dazu hätte man den Kran ab- und wieder aufbauen müssen. Das ist bzw. war aber nicht die gängige Praxis. Und im normalen Betrieb hat man dieses verrostete Seil nicht entdecken können“, so der Sachverständige, dessen Aussage durch einen 65-jährigen KFZ-Meister aus Nattheim, der den Kran in der Vergangenheit bei Defekten repariert hat, bestätigt wurde.

Was bedeutet, so der Verteidiger des 38-Jährigen, dass der Angeklagte zwar aufgrund der fehlenden Überprüfungen eine Ordnungswidrigkeit begangen, nicht aber fahrlässig oder grob fahrlässig gehandelt habe. „Dennoch fand keine Kran-Prüfung statt, das dürfen wir nicht vergessen. Vielleicht hätten die Prüfer gerade bei einem so alten Kran mal genauer hingesehen“, warf die Staatsanwältin ein. Der Angeklagte selbst führte sein Versäumnis darauf zurück, dass in früheren Jahren die Berufsgenossenschaft an die Überprüfung erinnert habe – seit er jedoch die Geschäfte übernommen habe, sei das nicht mehr der Fall gewesen.

Letztlich war man sich einig: Selbst wenn der Kran überprüft worden wäre, hätte das wohl nichts geändert – das rostige Seil wäre wohl trotzdem nicht entdeckt worden. Immerhin, so konnte der Sachverständige noch berichten, werde seit diesem Vorfall genauer geprüft; die Kräne würden dafür inzwischen komplett zerlegt werden.

„Mein Mandant hat einen Fehler begangen, es tut ihm unendlich Leid und er erwartet eine Strafe – jedoch in angemessener Höhe“, so der Verteidiger. Als angemessen sah Richter Bergmeister in seinem Urteil eine Einstellung des Verfahrens an. Darüber hinaus muss der 38-Jährige innerhalb von vier Wochen 10.000 Euro an die Witwe des Verstorbenen zahlen.

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