Geschäftsmodell Vermeintlich schnell Geld verdienen: Was steckt hinter QN Europe?

Seriös oder unseriös? Mit der Aussicht auf leicht verdientes Geld lockt QN Europe offenbar gezielt junge Menschen an.
Seriös oder unseriös? Mit der Aussicht auf leicht verdientes Geld lockt QN Europe offenbar gezielt junge Menschen an. © Foto: Marijus/stock.adobe.com
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 01.07.2018
Der Traum vom schnellen Geld – beim Unternehmen QN Europe soll er wahr werden. Doch was steckt wirklich dahinter? Netzwerkmarketing oder Schneeballsystem?

Viel Geld, wenig Aufwand. Diese Aussicht ist offenbar der Grund für junge Menschen, bei QN Europe einzusteigen. Laut eigenen Angaben ist das Unternehmen mit Sitz in Irland führend im Direktvertrieb. Im Angebot hat QN Europe unter anderem Schmuck, Uhren, Haushaltsgeräte und Kosmetikartikel. Die Vertriebsform wird als Netzwerkmarketing oder Multi-Level-Marketing bezeichnet. Das bedeutet: Man verkauft Produkte direkt an Endverbraucher – oft sind das Freunde und Bekannte. Zu diesem Direktvertrieb kommt noch das Anwerben neuer Verkäufer hinzu, um an deren Umsätzen mitzuverdienen.

Wie die Schwäbische Post berichtete, wurden in Aalen in den vergangenen Monaten gezielt junge Menschen an Orten wie Fast-Food-Ketten, Cafés oder der Stadtbücherei von QN-Vertriebsmitarbeitern angesprochen, angeworben und angeheuert. Nun ist das Unternehmen auch jungen Leuten aus dem Landkreis Heidenheim ein Begriff.

Eine besorgte Mutter, Inge S., wendete sich an die HZ. Ihre Tochter machte Erfahrungen mit QN Europe. Inge S. möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, aber es sei ihr wichtig, „dass nicht noch mehr Jugendliche in die Fänge dieses sogenannten Unternehmens geraten“. Die Anwerbung ihrer Tochter Tina hätte über eine Freundin stattgefunden. Ihre Tochter war gerade 18 geworden. „Die beiden haben gemeinsam Abitur gemacht, meine Tochter hat ihr vertraut, als sie ihr sagte, dass man bei QN Europe viel Geld verdienen kann.“

2000 Euro investieren

Tina S. fuhr mit ihrer Freundin nach Stuttgart in ein Büro von QN Europe. „Ihr wurde gesagt, sie müsse 2000 Euro für den Eintritt ins Unternehmen investieren. Als Gegenwert würde sie Produkte, etwa eine Uhr erhalten, die sie dann weiterverkaufen könne. Außerdem müsse sie zwei weitere Personen anwerben, die ihrerseits wieder 2000 Euro investieren sollten. Dafür würde sie Provisionspunkte erhalten. Und wenn diese beiden Personen jeweils zwei weitere Personen werben oder selbst Umsatz generieren, würde Tina wiederum profitieren.“ Bis zu 8000 Euro Verdienst seien so pro Woche möglich – und das ohne großen Aufwand.

Für die 2000 Euro, die man ins Unternehmen einbringt, erhalte man zwar einen Gegenwert, aber Inge S. bezweifelt, dass die Produkte diesen Wert überhaupt haben. So sollen etwa die Uhren in der Schweiz handgefertigt worden sein – die Marke: „Bernhard H. Mayer Depuis 1871“. Die Internetseite des Uhrenherstellers wird offenbar überarbeitet und ist seit längerem nicht erreichbar. „Auf Ebay werden Dutzende dieser Uhren von privaten Verkäufern angeboten, aber niemand bietet darauf“, sagt Inge S. „Wer zahlt auch so viel Geld für eine unbekannte Marke. Es geht QN Europe nicht um den Verkauf der Waren, es geht nur um die Anwerbung neuer Leute, die dann Geld ins Unternehmen spülen.“

Als sich Tina ihrer Mutter anvertraute, war der Schock groß. „Ich habe sofort gesagt, dass das ein Schneeballsystem ist und sie die Finger davon lassen soll. Aber in dem Alter glaubt man einer Freundin mehr als den Eltern.“ Und so fuhr Tina S. noch mehrfach mit ihrer Freundin nach Stuttgart zu QN Europe. „Das war die reine Gehirnwäsche“, sagt ihre Mutter. Tina sei danach nicht mehr zugänglich für Argumente gewesen und war kurz davor, die verlangten 2000 Euro zu bezahlen. „Nur weil die ganze Familie ihr ins Gewissen geredet hat, hat sie zugestimmt, vorerst nicht mitzumachen. Die Alarmzeichen leuchten bei uns also noch immer.“

Das sagt das Unternehmen

Auf Nachfrage versichert QN Europe Sales & Marketing Limited, dass man stets nach ethischen Grundsätzen handle. Man sieht das Geschäftsmodell falsch dargestellt. „Bei uns gibt es selbstverständlich keinen Zwang, ein Produkt zu kaufen. Auch nicht für 2000 Euro“, sagt eine Sprecherin von QN Europe. „Die Vertriebler können durch reinen Produktverkauf Provision erhalten. Es ist grundsätzlich nicht notwendig, Geld zu investieren.“ Und: „Wir verkaufen hochwertige Produkte, die exklusiv bei uns erhältlich sind.“

Auf seiner Homepage wirbt das Unternehmen für seine „einzigartigen Produkte die Ihr Leben verbessern, durch unsere aufregenden Geschäftsmöglichkeiten, die Ihnen helfen Ihre Träume zu verfolgen ein internationaler Geschäftsinhaber zu werden (...) und durch unsere Gemeinschaft und Initiativen, die Ihnen helfen einen Unterschied in jemanden's Leben zu machen.“ (Fehler wurden bewusst übernommen).

Auch eine selbstständige Vertreterin, die vor etwa einem halben Jahr bei QN Europe eingestiegen ist, meldete sich bei der HZ. Sie möchte ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen, aber Melanie P. betont, dass sie nur positive Erfahrungen mit dem Unternehmen gemacht habe und spricht von „Wahnsinnsmöglichkeiten“. Das Geschäftsmodell von QN beschreibt sie so: Selbst erfolgreich werden, in dem man andere erfolgreich macht. „Uns Mitarbeitern geht es darum, unsere Träume und Ziele zu verwirklichen, in dem wir anderen dabei helfen, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen.“ Ja, man müsse 2000 Euro ins Unternehmen einbringen. Sie sieht darin aber ein notwendiges Startkapital in die Selbstständigkeit. „Wenn ich ein Restaurant eröffnen würde, müsste ich viel mehr investieren.“ Als Gegenwert habe sie die in der Schweiz gefertigte Uhr gewählt. Verkauft habe sie diese bisher allerdings bewusst nicht.

Der Verkauf der Waren stehe ohnehin nicht im Vordergrund, so Melanie P. Und weiter: „Wir sind keine Verkäufer.“ Also geht es hauptsächlich um das Anwerben neuer Vertriebler? Vom „Anwerben“ möchte Melanie P. nicht sprechen, diese Personen würden eingeladen mitzumachen. Ein Schneeballsystem liege bei QN nicht vor. „Ich muss nicht 1000 Leute finden, die mitmachen, sondern nur zwei. Und diese beiden unterstütze ich darin, weitere Leute zu finden und einzuladen.“ So ergibt sich nach und nach eine Pyramide mit ihr an der Spitze. Für jede weitere Person, die ins Unternehmen eintritt und 2000 Euro investiert, erhalte sie eine Provision. Zur Höhe möchte sie sich nicht äußern. Aber wenn man erst genügend Leute unter sich habe, wäre das Passiveinkommen so hoch, dass es finanzielle Freiheit bedeute.

Das sagt das Gericht

Das Unternehmen selbst verweist indes noch darauf, dass das Oberlandesgericht Frankfurt am Main das Vertriebssystem von QN Europe als legal eingestuft habe. Tatsächlich hat das OLG mit Beschluss vom 21.Januar 2016 festgestellt, dass das Vertriebssystem nicht gegen das Verbot der progressiven Kundenwerbung gemäß Paragraph 16, Abs. 2 des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) verstößt.

Die Abgrenzung zwischen zulässigem Multi-Level-Marketing und unzulässiger progressiver Kundenwerbung (sogenannte Schneeballsysteme) sei nur durch eine Gesamtbetrachtung des Vergütungssystems möglich, meinten die Richter. Es komme darauf an, ob dessen Ausgestaltung primär dem Waren(ab)verkauf diene, oder ob es darauf zielt, neue Teilnehmer in die Absatzstruktur einzubinden. „Letzteres ist dann der Fall, wenn dem Teilnehmer durch das Vergütungssystem besondere Vorteile versprochen werden, die nach ihrer Beeinflussungswirkung geeignet sind, die typische Dynamik eines Systems der progressiven Kundenwerbung in Gang zu setzen.“ Dies konnten die Richter bei QN Europe nicht ausmachen. Ausschlaggebend dafür war, dass die Vertriebspartner den Absatz von Waren vermitteln, ohne selbst verpflichtet zu sein, Waren abzunehmen oder einen finanziellen Aufwand zu tätigen. Wichtig war dem Gericht weiter, dass keine Provisionen für das Anwerben neuer Vertriebspartner an sich gewährt werden, sondern nur der Produktumsatz der angeworbenen Vertriebspartner verprovisioniert werde.

Trotz der Frankfurter Gerichtsentscheidung liegt der Staatsanwaltschaft Ellwangen aktuell eine Anzeige gegen die Geschäftspraxis von QN Europe vor. Laut Staatsanwalt Jens Weise prüfe man derzeit, ob verfolgbare Straftaten vorliegen und ein Ermittlungsverfahren einzuleiten ist. Auch bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart gab es mehrere Anzeigen gegen Vertriebsmitarbeiter von QN Europe. Gegen 20 Personen, so Staatsanwalt Heiner Römhild, wurde wegen Betrugs und unlauteren Wettbewerbs ermittelt. In Teilen sei das Verfahren 2017 eingestellt worden. In acht Fällen wird weiter ermittelt – aufgrund der örtlichen Zuständigkeit allerdings bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt.

Das sagt die Verbraucherzentrale

Laut der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sind die Übergänge zwischen Schneeballsystem und Netzwerkmarketing fließend. Oliver Buttler, Abteilungsleiter Telekommunikation, Internet und Verbraucherrecht, sieht auch anhand der Selbstdarstellung von QN Europe im Internet, Indizien für das Vorliegen eines illegalen Schneeballsystems.

Das Urteil des OLG Frankfurts habe 2016 das Geschäftsmodell zwar als legal eingestuft, doch für Buttler sind die angeführten Gründe nicht schlüssig. Das Gericht war zum Schluss gekommen, dass der Absatz von Waren und nicht die Gewinnung neuer Partner im Vordergrund stehe. Dies steht freilich im Widerspruch zu den Schilderungen der QN-Mitarbeiterin Melanie P. „In den allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens wird auch explizit ein Vergütungsplan für die Gewinnung von Mitarbeitern benannt“, so Buttler. QN Europe berufe sich zwar darauf, dass das Werben von anderen Vertriebsmitgliedern nicht gewollt sei, aber dem sei zu widersprechen. „Gerade durch den Bonusplan werden Vertriebler ermuntert viele Unter-Vertreter zu finden, um dann Geld ,im Schlaf zu verdienen'. Das Modell funktioniert vornehmlich durch neue Mitarbeiter.“

Besorgte Eltern bitten die Verbraucherzentrale regelmäßig um Rat. Ein taktisches Mittel sei bei Schneeballsystemen häufig, die jungen Menschen von den Eltern zu isolieren, so Buttler. „Ihnen wird eingeredet, dass sie besondere Produkte verkaufen und zu einer besonderen Gemeinschaft gehören. Irgendwann sind sie für keine Argumente mehr zugänglich. Das sind teilts sektenartige Strukturen und kommt einer Gehirnwäsche gleich.“

Was ist Netzwerkmarketing und was Schneeballsystem?

Netzwerkmarketing ist in Deutschland nicht verboten. Illegal sind dagegen Schneeballsysteme:

So werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen, für die man Kopfgeld bekommt – analog einem den Hang hinab rollenden und dabei stetig anwachsenden Schneeball.

Gewinne für Teilnehmer entstehen beinahe ausschließlich dadurch, dass sie neue Teilnehmer werben, die wiederum Geld investieren.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel