Job Probearbeit: Chance oder Ausbeutung?

Bewerber sehen sich heutzutage immer häufiger mit dem Wunsch von Arbeitgebern konfrontiert, einige Tage oder gar Wochen unentgeltlich auf Probe im Unternehmen zu arbeiten.
Bewerber sehen sich heutzutage immer häufiger mit dem Wunsch von Arbeitgebern konfrontiert, einige Tage oder gar Wochen unentgeltlich auf Probe im Unternehmen zu arbeiten. © Foto: Arthur Penk
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 18.02.2014
Seit vielen Jahren arbeitet Anna S. als Putzfrau. Nun hat sie versucht, umzusatteln. Sie bewarb sich als Pflegehelferin in einem Seniorenheim – und sollte unentgeltlich zur Probe arbeiten. Wie waren ihre Erfahrungen und was sagt die Gewerkschaft Verdi zum Phänomen unbezahlte Probearbeit?

Anna S. hatte sich vergangenen Sommer mit ihren Sorgen an die Heidenheimer Zeitung gewandt. Sie arbeitet als Putzhilfe und klagte an: „Ich werde seit Jahren um mein Recht betrogen.“ Als Minijobberin in Privathaushalten steht Anna S. (Name von der Redaktion geändert) bezahlter Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu. Mehrmals verlor die Frau aus dem Landkreis allerdings schon ihre Stelle, nachdem sie ihre Arbeitgeber darauf angesprochen hatte. Jetzt sucht die Frau mit Mitte 50 nach einer beruflichen Alternative.

In den Medien hat Anna S. verfolgt, dass in Seniorenheimen händeringend Pflegehelfer gesucht werden – auch Quereinsteiger. Also nahm Anna S. allen Mut zusammen und bewarb sich in einem Pflegeheim im Landkreis auf eine Teilzeit-Stelle. Beim Vorstellungsgespräch vereinbarte man Probearbeit. Vier Tage, rund 25 Stunden, unentgeltlich. „Ich habe noch nie mit Senioren gearbeitet, also habe ich eingewilligt“, sagt Anna S. „Auch wenn mir vier Tage ziemlich viel vorkamen.“

„Wir brauchen flexiblere Leute“

Ihrem Gefühl nach verliefen die vier Tage positiv. Das war auch das Feedback beim Abschlussgespräch mit dem Arbeitgeber. Man bot ihr eine auf zwei Jahre befristete Stelle an. „Ich stellte noch ein paar Fragen zu Arbeitszeit und Urlaubsanspruch“, sagt Anna S. „Außerdem habe ich um ein paar Tage Bedenkzeit gebeten.“ Der potenzielle Arbeitgeber ließ sich darauf ein.

Wenige Tage später meldete sich Anna S., um mitzuteilen, dass sie die Arbeit antreten werde. Dann der Schock: „Sie haben mir gesagt, dass sie sich doch für jemand anderen entschieden haben. Ich dachte, ich höre nicht richtig“, sagt Anna S. Sie fragte nach dem Grund für die Entscheidung. „Es seien zu viele Fragen meinerseits aufgetaucht und sie bräuchten flexiblere Leute.“

Das wollte Anna S. nicht auf sich sitzen lassen und verlangte, den Leiter des Pflegeheims zu sprechen. „Dann kam der Vorschlag, dass ich nochmal einen Tag zur Probe arbeiten soll“, sagt Anna S. Damit war sie nicht einverstanden, zumal man bei den Vertragsverhandlungen ja auch ein halbes Jahr Probezeit vereinbart hatte. „Daraufhin gab man mir zu verstehen, dass ich postwendend meine Bewerbungsunterlagen zurückbekommen würde, wenn ich mich wegen eines Tages so anstelle.“ Seitdem ist Funkstille. Anna S. entschied sich gegen die zweite Probearbeit.

Zu diesem Schritt hätte ihr auch die Gewerkschaft Verdi geraten. Hans-Joachim Beyer vom Verdi-Bezirk Ost-Württemberg-Ulm und Oberschwaben: „Mehrmals Probearbeiten – dahinter könnte man gewisse Ausbeutungstendenzen vermuten.“ Auf die mündliche Einstellungszusage könnte sich Anna S. zwar im Prinzip berufen, „aber die Frau hat keine Zeugen und die andere Seite wird die Zusage bestreiten.“ Schlechte Karten für Anna S. Hätte sie keine Fragen zu Pausen- und Arbeitszeit stellen sollen? Getreu dem Motto: Frage nicht, was dein Arbeitgeber für dich tun kann, sondern frage, was du für deinen Arbeitgeber tun kannst. „Vielen Unternehmen ist es lieber, wenn Arbeitnehmer und Bewerber ihre Rechte hinten anstellen“, sagt Beyer. Zu dieser Art von Duckmäusertum rate die Gewerkschaft aber nicht.

Duckmäuser bevorzugt?

Wie steht Verdi überhaupt zur unbezahlten Arbeit auf Probe? Eine Chance für Arbeitnehmer oder pure Ausbeutung? „Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man nicht zwei Wochen lang für nichts arbeiten kann“, sagt Beyer. Aber die Realität sehe anders aus. Denn schlägt ein Unternehmen Probearbeit vor und geht der Arbeitssuchende nicht darauf ein, dann wird es nichts mit dem Job. „Wenn man eine Chance auf Festanstellung sieht, sollte man es machen“, sagt Beyer. Auch wenn er den Trend zur Probearbeit kritisch sehe, könne er nicht grundsätzlich davon abraten.

Probearbeit sei ein Phänomen, das erst vor zehn bis 15 Jahren aufgekommen sei, und mittlerweile in nahezu allen Branchen gefordert werde, so Beyer. Ungelernte Kräfte, Facharbeiter, Hochschulabsolventen. Heute soll jeder kostenlos arbeiten. „Wer aber zum Beispiel eine Facharbeiterprüfung hat, hat sein Wissen bereits dokumentiert.“ Es könne nicht sein, dass man im Rahmen einer Probearbeit das nochmal unter Beweis stellen müsse. „Häufig wird argumentiert, dass man sich kennenlernen muss, schauen, ob der Bewerber ins Team passt“, sagt Beyer. „Aber dafür reichen ein paar Tage nicht.“ Und dafür gebe es eigentlich auch die Probezeit. Eine Probezeit, meistens sechs Monate, sei Standard in fast jedem Arbeitsvertrag. So haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine letzte Möglichkeit, sich schnell und problemlos voneinander zu trennen, wenn es nicht klappen sollte. „Der Unterschied ist einfach, dass man in der Probezeit Geld bekommt und bei der Probearbeit nicht.“

Jeder Arbeitnehmer hofft natürlich, dass man beim Arbeiten auf Probe einen guten Eindruck hinterlässt und danach eine Festanstellung winkt. „Aber das ist nicht immer der Fall“, weiß Beyer. „Es gibt Unternehmen, die einen Teil ihres Betriebs mit Probearbeitern bestreiten. Da kommen einfach immer wieder neue Leute und es wird mit den Hoffnungen der Bewerber gespielt.“ Ein perfides System, nennt das Beyer.

Ungleiche Machtverhältnisse

Das Problem: Man kann als Arbeitssuchender nicht im Vorfeld erkennen, ob das Angebot seriös ist und in einer festen Anstellung enden kann oder nicht. „Hier geht es um Machtverhältnisse“, sagt Beyer. „Wenn jemand dringend Arbeit sucht, wird er das Angebot zur unentgeltlichen Probearbeit annehmen und später womöglich auch zu schlechteren Bedingungen arbeiten.“ Solange die Nachfrage noch höher sei als das Angebot, werde sich an dieser Praxis auch nichts ändern. „Wenn die Unternehmen nicht mehr mit dutzenden Bewerbern rechnen können, hat sich das mit der Probearbeit ganz schnell erledigt. Aber im Moment ist die Situation wie sie ist.“

Wer übrigens von einem Job heraus in einen anderen wechseln will, sollte sich eine Probearbeit gut überlegen. „Festangestellte Arbeitnehmer dürfen nicht gleichzeitig bei einem anderen Arbeitgeber arbeiten“, erklärt Beyer. Viele Bewerber verbringen zwar zwei, drei Urlaubstage in einer anderen Firma, „wer das tut, begibt sich arbeitsrechtlich aber auf dünnes Eis.“

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