Kreis Heidenheim Pfadfinder: Die Fans der Freizeitgestaltung 1.0

Da braucht man kein Smartphone: Die Steinheimer Pfadfinder setzen auf klassische Aktivitäten – und haben genug Nachwuchs.
Da braucht man kein Smartphone: Die Steinheimer Pfadfinder setzen auf klassische Aktivitäten – und haben genug Nachwuchs. © Foto: Fotos: privat
Kreis Heidenheim / Manuela Wolf 06.05.2018
Gibt's tatsächlich noch junge Leute, die Lagerfeuer besser finden als Laptop?

Halstuch. Hemd. Rucksack. Klare Sache, da sind Pfadfinder unterwegs. Man erkennt sie sofort und wundert sich im selben Augenblick: Gibt's tatsächlich noch junge Leute, die Lagerfeuer besser finden als Laptop?

Fragt man die Steinheimer Pfadfinder, bekommt man sicher keine repräsentative Antwort. Ihr Stamm „David Livingstone“ ist der größte im Bundesverband der baptistischen Pfadfinderschaft noch vor Städten wie Berlin, Frankfurt oder Hannover, alle hier sind mit Feuereifer bei der Sache. Aber man bekommt eine Ahnung davon, warum sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene angesprochen fühlen von dieser Art der Freizeitgestaltung: Leben 1.0.

Es ist ein Donnerstagnachmittag im März. Die Mädchen der weiblichen Jungpfadfinder-Sippe Kattas rüsten sich gut gelaunt für die gute Tat des Tages. Warnweste, Handschuhe, Müllbeutel: Los geht's zur Kreis-Putzete. Frauke Rothenbacher bringt die fünf Mädels und ihre Sippenführerinnen Alwina Kubitz und Mara Maul mit dem Busle an den Ortsrand. Acht Menschen, acht Pfadfinder, acht lachende Gesichter.

Eine Lebenseinstellung

Warum seid ihr so gern Pfadis? „Ich war eine Zeit lang lieber mit meinen Klassenkameradinnen in der Stadt. Aber ich fühle mich wohler, wenn ich draußen bin oder den Freitagabend hier im Gemeindehaus verbringe“, sagt die 16-jährige Alwina Kubitz.

„Alle meine Freunde sind hier.“ Die Katta-Mädchen, die zwischen zehn und zwölf Jahre alt sind und sich zu einer Gruppe zusammengefunden haben trotz unterschiedlichster Interessen, schwärmen von einer Wasserschlacht im Sommer, erzählen von einem Erste-Hilfe-Kurs und von Pfannkuchen, die nach Art der Pfadfinder überm offenen Feuer gebraten wurden.

Für Mara Maul, 28 Jahre alt, Mitglied der Bundesführung und angehende Grundschullehrerin, fügen sich die vier Prinzipien der weltweit größten Jugendbewegung zu einer „Lebenseinstellung“ zusammen. Kleingruppen, learning by doing, gemeinsame Aktivitäten und verbindliche Mitgliedschaft, „entweder man ist Pfadi oder man ist es eben nicht“.

Das Halstuch ist das internationale Erkennungszeichen der Pfadfinder. „Wenn wir unterwegs sind, können uns die Leute immer sofort zuordnen und begegnen uns mit Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft“, sagt Jonathan Maul. Auch dessen graues, robustes Hemd zeugt mit seinen vielen Aufnähern von einer langjährigen Mitgliedschaft. Tatsächlich war es sein Vater, der die Steinheimer Gruppe vor 20 Jahren gegründet hat.

Gemeinschaft erleben, Natur erleben, Gott erleben: Pastor Karsten Maul sah darin eine Chance, junge Menschen an den Glauben heranzuführen. Tatsächlich fand seine Idee von Beginn an großen Anklang. Heute zählt der Stamm „David Livingstone“, benannt nach dem berühmten schottischen Afrikaforscher und Missionar, 140 Mitglieder.

Entgegen dem weitläufigen Trend, dass in den Vereinen der Nachwuchs ausbleibt, kommen pro Jahr etwa fünf neue Pfadis dazu, auch aus umliegenden Orten wie Heidenheim, Gerstetten oder Oberkochen. „Ich denke, unser Vorteil ist, dass wir eine gewisse Struktur haben, Verbindlichkeit, Stabilität, Verlässlichkeit“, sagt Frauke Rothenbacher.

Manche steigen aus, manche kommen wieder

„Diese Dinge sind in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Aber die Kinder und Jugendlichen sehnen sich danach.“ Die Altersklasse 16 bis 20 sei aber auch hier schwierig. Schule, Studium, Ausbildung, Umzug – manche steigen für immer aus, andere kommen zu einem späteren Zeitpunkt wieder und werden herzlich in den Kreis aufgenommen oder schließen sich einem anderen Stamm irgendwo in Deutschland an.

Wie Frauke Rothenbacher haben sich noch etwa 35 andere Mitglieder zur regelmäßigen Mitarbeit verpflichtet. Sie sind Sippenführer, Zeugwarte, Chronisten, Köche oder Feuermeister oder Zeremonienmeister. Das Motto „Jugend führt Jugend“ ist dabei kein sozialpädagogischer Ansatz, den man sich irgendwann mal auf die Fahnen geschrieben hat, weil er schön klingt – es ist gelebte Wirklichkeit.

Schon im Alter von zwölf Jahren werden die Mädchen und Jungen mit kleinen Aufgaben betraut. Sie sollen selbstständig werden und Verantwortung für andere übernehmen, nicht überfordert, aber sehr wohl gefordert werden. Jonathan Maul: „Bei uns darf man in entspannter Atmosphäre alles selbst ausprobieren und auch Fehler machen. Da wächst der Charakter megamäßig.“

Jede Woche treffen sich elf Gruppen im Haus der Christusgemeinde am Tannenweg. Dort wird auch Grundwissen vermittelt, das jeder Pfadfinder für Hikes (Wanderungen mit Übernachtung in Zelten oder gar im Freien) oder mehrtägige Lager braucht: Zeltaufbau beispielsweise, Feuer machen, Umgang mit Karte und Kompass. Im Mai ist Stammeslager bei Bartholomä. Dazu kommen Ausfahrten zu Treffen und Lagern in der Region, bundesweit, europaweit.

Große Freundschaften

Ein „Du“ geht immer, auch wenn man sich noch nicht kennt. Die Einheitskleidung stellt allein den Menschen in den Vordergrund, sämtliche anfallenden Aufgaben werden gemeinsam erledigt, Herausforderungen wie ein von Starkregen gefluteter Zeltplatz gemeinsam gemeistert. Das schweißt fest zusammen. Kein Wunder, dass über die Jahre hinweg sehr viele Freundschaften entstehen – und manchmal entwickelt sich dann auch noch ein bisschen mehr. Jonathan und Mara beispielsweise haben sich bei einem Lager in Hamburg kennengelernt – und kürzlich geheiratet.