Herbrechtingen Neues Wohnquartier am Eingang zum Eselsburger Tal

So wird die Wohnanlage von Sturm-Immobilien an der Eselsburger aussehen. Im September soll mit dem Bau begonnen werden. Das Bild zeigt den Innenhof, unter dem sich eine Tiefgarage befindet.
So wird die Wohnanlage von Sturm-Immobilien an der Eselsburger aussehen. Im September soll mit dem Bau begonnen werden. Das Bild zeigt den Innenhof, unter dem sich eine Tiefgarage befindet. © Foto: Visualisierung Hüper-Plan
Herbrechtingen / Günter Trittner 14.04.2018
Auf der Fläche ihres früheren Holzbauunternehmens an der Eselsburger Straße errichtet die Familie Sturm ein Ensemble von fünf Mehrfamilienhäusern. Der Plan erntet im Gemeinderat viel Lob, aber auch Kritik.

Just an der Stelle, wo das Holzbauunternehmen Sturm seinen Anfang genommen hat, möchte die Familie Sturm für Herbrechtingen ein Stück Zukunft bauen. Projektiert sind an der Eselsburger Straße fünf Mehrfamilienhäuser mit 43 Wohn- und drei Gewerbeeinheiten, die sich als Ensemble um einen begrünten Innenhof gruppieren. Die Visualisierungen des Gerstetter Architektur-Büros Hüper-Plan stießen bei der Vorstellung im Gemeinderat am Donnerstag auf viel Beifall unter den Fraktionen.

Es war aber nicht die erste Information der Verwaltung und des Gremiums. Seit zwei Jahren, so Matthias Sturm, Geschäftsführer, bereite man das Bauvorhaben vor. Damit auf den 5500 Quadratmetern etwas entsteht, was zum Ort passt, hatte Sturm von sich auch einen zweistufigen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Baufirmen im Verbund mit Architekten Vorschläge unterbreiten sollten.

Zur Begleitung des Verfahren schaltete Sturm zudem die Unternehmensberatung REM Assets aus Stuttgart ein. Externer Sachverstand wurde auch beigezogen, als die Jury unter den fünf Entwürfen den Besten küren sollte. „Besser kann man es nicht machen“, lobte Bürgermeister Dr. Bernd Sipple diese Vorgehensweise, zumal Sturm Immobilien in Kürze noch einen Informationstag für die Nachbarschaft und die Öffentlichkeit abhalten möchte. „Es ging uns nie um eine maximale Baudichte“, versicherte Matthias Sturm, „sondern um Qualität.“

12,7 Meter hohe Bauwerke

Eingeschaltet war von Beginn auch auch die Baurechtsbehörde. Claudia Schürle erläutert am Donnerstag ausführlich dem Gemeinderat, warum aus baurechtlicher Sicht keine Bedenken gegen das Bauvorhaben bestehe. Schnürle ging auch auf die Höhe der mehrgeschossigen Bauwerke ein. Auch mit maximal 12,7 Meter blieben sie unter den im Bebauungsplan möglichen Höhen. „Sie sind teilweise deutlich niedriger als erlaubt.“

Nicht ohne Grund war Schnürle explizit auf die Gebäudevolumina eingegangen. Denn die Mehrgeschosshäuser sind nicht nur „quartierbildend“, sie verstellen auch einigen Hausbesitzern, welche erst vor kurzem in dem neuen Baugebiet an der Eselsburger Straße ein Haus errichtet haben, die Sicht. Martin Müller, der Sprecher der Freien Wähler, sprach von einer politischen Bewertung, welcher sich das Bauprojekt auch unterziehen müsse.

„Den Leuten, die dahinter gebaut haben, wird es nicht gefallen“, mutmaßte auch Stadtrat Andreas Hof (Freie Wähler). Abseits dessen, dass nicht gegen Baurecht verstoßen werde, betonte Claudia Schnürle, dass es seitens Sturm immer Maßgabe an die Architekten gewesen sei, auf die Umgebung Rücksicht zu nehmen und nicht das Maximale herauszuholen.

Industriebrache wird für den Wohnungsbau genutzt

Stadtrat Hermann Mader (Freie Wähler) strich heraus, dass dieses neue Wohnquartier die Stadt attraktiver mache und einen Engpass am Wohnungsmarkt entschärfe. „Wir haben eine hohe Nachfrage nach Wohnungen.“ Wie Hof lobte auch Mader, dass nicht im Grünen gebaut werde, sondern eine Industriebrache für den Wohnungsbau genutzt werde. Zudem ging Mader davon aus, dass jeder Bauherr im neuen Baugebiet gewusst habe, „dass vorne an der Straße noch etwas kommt.“

Gebaut werden von Sturm 43 Wohnungen im Format von 1,5 bis vier Zimmer plus zurückgesetzte Penthäuser. Um die von der Herbrechtinger Stadtverwaltung geforderten zwei Stellplätze pro Wohneinheit bieten zu können, wird unter dem Innenhof eine Tiefgarage mit 56 Plätzen errichtet. Diese trägt freilich auch dazu bei, dass das Gebäudeensemble höher zu liegen kommt. Mader, der generell die Zwei-Stellplätze-Regelung in Frage stellt, da sie doppelt so viel Parkraum vorschreibt wie die Landesbauordnung vorgibt, ging davon aus, dass die Gebäude ohne Tiefgarage drei Meter tiefer stehen könnten.

Von den drei Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss der Häuser nutzt Sturm-Immobilien eine für sich, in die zweite zieht ein Tagescafé ein und die dritte steht noch frei. Betreffs des Tagescafé, das in Richtung Eselsburger Tal liegt, meinte Matthias Sturm, dass dieses nicht zu einer Lärmbelästigung führen werde. „Das wollen wir auch nicht.“

Baustart könnte im September sein

Mitte der Jahres möchte Sturm-Immobilien mit dem Abriss der bestehenden Liegenschaften auf dem Gelände beginnen. Baustart könnte im September sein. Das erste Haus soll Ende 2019 bezugsfertig sein, die anderen vier Häuser Ende 2020. Generalunternehmer beim Bau ist die Staiber Projektbau GmbH aus Schwäbisch Gmünd, die zusammen mit Hüper-Plan als Architekten den Wettbewerb für sich entscheiden konnten.

Bürgermeister Sipple bat den Gemeinderat abschließend darum, trotz der Neigung des Schwaben zum Nörgeln, Bauvorhaben nicht nur negativ zu diskutieren. Der anhaltende Zuzug von Neubürgern zeige doch, „den Leuten gefällt diese Stadt.“

Infos zur Familie Sturm

Der Name Sturm ist in Herbrechtingen eng mit dem Sägewerk verbunden, das Matthäus Sturm im Jahr 1914 an der Eselsburger Straße gekauft und im Lauf der Zeit erheblich erweitert hatte. Gesägt worden war hier an der Brenz bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Das jetzige Heimatmuseum war damals eine Sägemühle. In den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhundert expandierte das Unternehmen MIt Hermann Sturm in der zweiten Generation nach Österreich und mit dem Rundholzplatz und später einem Hochleistungssägewerk ins Gewerbegebiet Vohenstein. Sturm zählte ausgangs der 90er Jahre zu den zehn größten größten Holzverarbeitungsbetrieben im Land. Mit der Anschaffung einer Maschine, welche die Holzdichte in einem industriellen Prozess messen kann, war das Unternehmen sogar europaweit führend. Nach fast 100 Jahren musste sich Sturm einem verzerrten Wettbewerb geschlagen geben. 2011 wurde das Sägewerk Herbrechtingen und später auch dies in Lenzing/ Österreich stillgelegt und liquidiert. Mit der Vermietung von Immobilien hatte das Unternehmen in den 60er Jahren ein zweites Standbein entwickelt.

Kommentar

Dumm gelaufen?

Die Bauplätze im Wohngebiet an der Eselsburger Straße gingen weg wie warme Semmeln – trotz der für Herbrechtingen ungewohnt hohen Preise für die Hanglage am Eingang zum Eselsburger Tal. Einigen Häuslesbauern in der unteren Reihe dürfte die Freude übers neue Haus womöglich bald verdorben sein. Ihre Sicht in die Stadt verstellt in absehbarer Zeit ein Ensemble aus fünf mehrgeschossigen Häusern. Dumm gelaufen? Ja und Nein.

Nichts an dem neuen Bauvorhaben verstößt gegen Recht und Gesetz. Die Gebäude sind auch nicht höher als die gegenüber liegende Seniorenresidenz Haus Benedikt. Die Stadtverwaltung war seit zwei Jahren in Kenntnis gesetzt, dass die Familie Sturm ihre nicht mehr benötigten Liegenschaften aus dem früheren Holzbaubetrieb für den Bau von Wohnungen nutzen möchte.

Aber wusste jeder Bauherr davon, der bei der Stadt Schlange stand, um eins dieser Grundstücke am Hang zu bekommen? Man darf das bezweifeln. Was bewegt denn Menschen, die mehrere 100?000 Euro für ein neues Haus ausgeben möchten? Dass die Bank gute Kreditbedingungen gibt, dass der Architekt etwas Schönes zu Papier bringt, wie die Zimmer eingerichtet und der Garten angelegt wird, ob die Kinder eine neue Schule besuchen müssen und wer vielleicht der neue Nachbar wird. Kann man wirklich unterstellen, dass in diesem Gemenge von Vorfreude und dem üblichen Ärger im Alltag einer Bauplanung jemand aufs Rathaus geht, um sich dort einen Bebauungsplan erläutern zu lassen, dessen Vorgaben ihm nur ein Fachmann erläutern kann. Nein, das kann man nicht.

Es bleibt zu hoffen, dass die Verwaltung vor Abschluss des Kaufvertrags für die Grundstücke die neuen Eigentümer darauf aufmerksam gemacht hat, dass es unten an der Eselsburger Straße noch gebaut werden kann und dass der gültige Bebauungsplan größere Formate als das eines Einfamilien-Hauses hergibt. Das wäre fair gewesen. Und nichts hätte dumm laufen können.

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