Nattheim / Timo Landenberger Neuer Wind in der Windkraft-Debatte rund um Nattheim: Ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Schall-Gutachten brachte nun eine bislang unberücksichtigte Vorbelastung in Fleinheim hervor. Auch auf der Friedenshöhe werden zumindest während der Nacht Grenzwert-Überschreitungen erwartet.

Die Diskussion reicht weit zurück. Seit Jahren liefern sich Befürworter und Gegner der Windkraft-Planungen rund um Nattheim einen Schlagabtausch mit stets neuen Erkenntnissen und Wendungen. Eine Bürgerinitiative wurde ins Leben gerufen, zahlreiche Bewohner engagieren sich privat, und selten ist die Gemeindehalle so voll wie bei den entsprechenden Infoveranstaltungen. Kurzum: Das Thema bewegt die Gemüter wie kaum ein anderes in der Kommune.

Nicht nachlassender Widerstand gegen die vorgesehenen Anlagen auf dem Dischinger Ohrberg kommt insbesondere aus den Teilorten Auernheim und Fleinheim. „Uns geht es hauptsächlich um die Schallbelastung“, sagt Fleinheims Ortsvorsteher Wolfgang Hetzel. Zwei der fünf Anlagen werden vom Ortschaftsrat deshalb vehement abgelehnt. 1050 Meter Abstand zur nächsten Wohnbebauung, das sei zu wenig. Zumal der Betreiber im Frühjahr einen Wechsel des ursprünglich vorgesehenen Anlagentyps beantragte. Entscheidender Unterschied: eine höhere Leistung und damit höhere Lautstärke. Einem entsprechenden Schallgutachten zufolge sind die Auswirkungen auf die Bevölkerung allerdings im zulässigen Bereich.

Neues Gutachten mit Folgen?

Doch genau daran hatte sowohl der Fleinheimer Ortschaftsrat als auch der Nattheimer Gemeinderat seine Zweifel. Ein eigenes Gutachten wurde in Auftrag gegeben – womöglich mit weitreichenden Folgen. Zwar wird bislang ein ziemliches Geheimnis um die tatsächlichen Zahlen gemacht, klar ist aber: Die Messungen brachten eine nicht unerhebliche Vorbelastung hervor, die von einer Biogasanlage herrührt und die zuvor nicht berücksichtigt wurde. „Die Gasanlage wurde genehmigt mit einer Obergrenze von 39 Dezibel in der Nacht“, erklärt Wolfgang Hetzel. „40 sind im allgemeinen Wohngebiet erlaubt. Wenn die Windräder laufen, dann sind wir da sicherlich drüber. Jedenfalls an mehr als zehn Tagen im Jahr, was maximal zulässig wäre.“

Davon ist auch Sven Johannsen, Geschäftsführer des Gutachter- und Sachverständigen-Zentrums für Umweltmessungen, überzeugt. Er hat das neue Gutachten erstellt und spricht noch eine weiteren Punkt an: Infraschall. Also Töne, die so tief sind, dass der Mensch sie nicht hören aber ab einer gewissen Intensität sehr wohl spüren kann. Die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus sind umstritten. Johannsen aber ist überzeugt: Infraschall macht krank.

"Vergleichbar mit starkem Seegang"

„Der kommt zwar auch in der Natur vor, aber zumeist antizyklisch und das ist ausschlaggebend“, sagt der Gutachter. „Wenn der Flügel des Windrads am Mast vorbei schwingt entsteht eine zyklische, also gleichmäßige Schall-Emission, die sich auf den menschlichen Körper überträgt. Die Belastung ist vergleichbar mit einer Schifffahrt bei starkem Seegang. Manche kommen besser, manche schlechter damit klar. Aber sie kann zu Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen führen. Das ist auch in Deutschland schon mehrfach vorgekommen.“

Auch die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) beschäftigt sich mit dem Phänomen Infraschall. Aufzeichnungen ergaben: „In 700 Metern Abstand zur Windenergieanlage war zu beobachten, dass sich beim Einschalten der Anlage der gemessene Infraschall-Pegel nicht mehr nennenswert erhöht. Der Infraschall wurde im Wesentlichen vom Wind erzeugt und nicht vom Betrieb der Anlage.“ Erheblich höher seien die Werte etwa in einem mit 130 Kilometer pro Stunde fahrenden Mittelklasse-Auto.

"Vorschriften völlig veraltet"

„Aber die Frage ist doch, wo gemessen wird“, setzt Johannsen dagegen. „Messungen im Außenbereich sind nicht sonderlich aussagekräftig, da sich die meisten Menschen nachts im Schlafzimmer aufhalten. Und da sieht die Sache ganz anders aus, da sich der Schall als Körperschall vom Windrad über den Boden und die Wände der Häuser überträgt. Die wirken dann wie ein Resonanzkörper.“ Messungen in Häusern seien in den „völlig veralteten“ Vorschriften allerdings nicht vorgesehen. Grenzwerte gibt es aber auch da, festgelegt in der technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm).

„Und die liegen für die Nachtzeit bei nur 25 Dezibel. Egal ob nun hörbar oder nicht“, sagt Johannsen. Zum Vergleich: Ein Gespräch in gemäßigter Lautstärke verursacht etwa 50 Dezibel. „Durch die Vorbelastung haben wir in Fleinheim schon jetzt verstärkt tieffrequentige Anteile in Häusern gemessen. Ich gehe davon aus, dass mit Inbetriebnahme des Windparks der Grenzwert auch hier überschritten wird.“ Messungen im Haus seien zwar für die Planungen nicht vorgeschrieben. „Hausbesitzer können die Betreiber aber im Nachhinein verklagen, wenn sie nachweisen können, das eine Überschreitung des Grenzwerts vom Windpark herrührt“, so Johannsen.

Friedenshöhe: In der Nacht zu laut?

Die Ergebnisse des Gutachtens wurden von der Gemeinde inzwischen an die Genehmigungsbehörde beim Landratsamt übermittelt. Und die teilt auf Anfrage lediglich mit: „Das Schallgutachten wurde entsprechend dem Wunsch der Gemeinde Nattheim fortgeschrieben und dabei die Vorbelastung durch die Biogasanlage in Fleinheim berücksichtigt.“ Gründe, warum diese Belastung bislang eben nicht berücksichtigt wurde, werden nicht genannt. Auch zum Stand des Genehmigungsverfahrens werden keine Angaben gemacht.

Derweil wirft auch der geplante Windpark westlich der A7 Fragen im Nattheimer Gemeinderat auf. Die Stadtwerke Heidenheim wollen dort elf Anlagen aufstellen und betreiben, fünf davon auf Nattheimer Gemarkung und zwei so nah an der nächsten Wohnbebauung (1180 Meter), dass der Grenzwert von 35 Dezibel nachts dort wohl nicht eingehalten werden kann. Hintergrund ist eine Klassifizierung als „reines Wohngebiet“, weshalb es auf der Friedenshöhe in Nattheim leiser sein muss als etwa in Fleinheim.

Die angedachte Lösung: Eine gezielte Reduktion der Leistung der beiden Generatoren zwischen 22 und 6 Uhr morgens. „Uns ist schon wichtig, den grünen Daumen nach außen zu tragen, aber an dieser Stelle gibt es noch Erklärungsbedarf“, sagte CDU/BWV-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Bernhard in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. So lange könne für die beiden betroffenen Anlagen keine Zustimmung erteilt werden. Doch das obliegt ohnehin der Genehmigungsbehörde. Und die schreibt: „Bei einer Reduzierung der Nennleistung werden auch die Schallemissionen geringer, so dass gegebenenfalls dann die zulässigen Grenzwerte eingehalten werden können.“