Trauma Nach dem Einbruch kommt die Angst

In 83 Wohnungen wurde vergangenes Jahr im Landkreis Heidenheim eingebrochen. Die Täter werden meist nicht gefasst. Die Aufklärungsquote lag bei 15,7 Prozent.
In 83 Wohnungen wurde vergangenes Jahr im Landkreis Heidenheim eingebrochen. Die Täter werden meist nicht gefasst. Die Aufklärungsquote lag bei 15,7 Prozent. © Foto: Foto: Fotolia
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 01.02.2014
In der dunklen Jahreszeit nimmt die Zahl der Einbrüche zu. Der materielle Schaden kann meist behoben werden. Doch das Gefühl der verletzten Privatsphäre bleibt. Damit haben auch Walter und Gerda F. aus dem Landkreis Heidenheim zu kämpfen.

Die Schränke waren durchwühlt, die Schubladen standen offen, die Wäsche lag auf dem Boden. Der Schmuck, den sie von der Mutter und der Tante geerbt hatte, war weg. „Silberschmuck haben sie dagelassen, aber alles, was aus Gold war, haben sie mitgenommen“, sagt Gerda F. (Namen wurden von der Redaktion geändert). Geschätzter Gegenwert: mehrere tausend Euro.

Vergangenen November hat der Einbruch stattgefunden. Irgendwann in der Nacht von Freitag auf Samstag. Die Eheleute waren im Urlaub. Zutritt verschafften sich die Einbrecher durch ein Fenster, das sie aufhebelten. „An der Balkontür waren sie gescheitert“, sagt Walter F. „Wir haben auf mehreren Fenstern runde Glassauger-Abdrücke gefunden. Sie waren offenbar gut ausgerüstet.“

Besonders bitter: Walter und Gerda F. hatten eigentlich alles richtig gemacht. Die Fenster waren durch Zusatzschlösser geschützt. „Allerdings nicht zertifiziert, sondern Marke Eigenbau“, sagt Walter F. Und: Eine Nachbarin hütete das Haus. Sie leerte täglich den Briefkasten, öffnete und schloss die Rollläden, ließ auch mal ein Licht brennen. „So, als wäre das Haus bewohnt“, sagt Nachbarin Inge W.

Enorme psychische Folgen

Sie hat den Einbruch dann auch am Samstagmorgen entdeckt. „Im Flur lag ein Wattebausch auf dem Boden und ich wusste genau, dass ich ihn dort nicht hingelegt hatte“, sagt Inge W. Die Gewissheit kam mit dem Blick ins Schlafzimmer. „Bettwäsche und Handtücher lagen auf dem Boden, die Schubladen waren durchwühlt und die Schranktüren standen offen. Ich dachte nur: Das gibt's doch nicht.“ Während sie erzählt, schüttelt sie den Kopf. Es waren Momente, die sie lieber nicht erlebt hätte. „Die psychischen Folgen sind enorm. Ich wache nachts mit Herzklopfen auf, habe Angst und höre auf jedes Geräusch. Ich hoffe, dass mein normales Denken irgendwann wieder zurückkommt.“

Natürlich macht das Ehepaar F. der Nachbarin keine Vorwürfe, ganz im Gegenteil: „Inge hat uns den ersten Schock abgenommen“, sagt Walter F. „Sie war die erste vor Ort, hat die Polizei verständigt und uns vorsichtig darauf vorbereitet. Für uns hat es das leichter gemacht, für sie aber schwerer.“

Der Wohnungseinbruch war einer von insgesamt 83, die im Landkreis Heidenheim im vergangenen Jahr verübt wurden. 64 waren es noch im Jahr 2011 und 77 im Jahr 2012. „Wir verzeichnen einen stetigen leichten Anstieg“, sagt Horst Baur, Pressesprecher der Polizei Heidenheim. „Das ist ein landesweiter Trend.“

Beute verschwindet oft schneller als der Täter

Nach dem Einbruch verbrachte die Polizei Stunden mit der Spurensuche. „Wir haben uns gut aufgehoben gefühlt“, sagt Walter F. Aber große Hoffnung konnten die Beamten dem Ehepaar nicht machen. „Möglicherweise war es eine Bande aus Osteuropa. Die machen sich hier ein paar Wochen breit und verschwinden dann wieder“, sagt Walter F. Dazu Polizei-Pressesprecher Baur: „Es gibt immer wieder Hinweise auf reisende Täter, die gern auch Orte mit Autobahnanbindung für ihre Streifzüge nutzen.“ Noch schneller als die Täter verschwindet allerdings oft die Beute. Innerhalb von Stunden wird sie weitergegeben und lässt sich keinem Täter mehr zuordnen.

Dementsprechend niedrig fällt die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen aus: Sie lag im Landkreis Heidenheim im vergangenen Jahr bei 15,7 Prozent. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg lag sie im Jahr 2012 bei 12,7 Prozent (Bundesschnitt: 15,7 Prozent). In Stuttgart konnten sogar nur rund sechs Prozent aller Wohnungseinbrüche aufgeklärt werden.

Die Erbstücke der Familie F. sind wohl unwiederbringlich verloren. Zerstört haben die Einbrecher nichts, elektronische Geräte ließen sie liegen. „Wir haben eine gute Hausratversicherung und haben den Einbruch finanziell gut durchgestanden“, sagt Walter F. Der emotionale Schaden wiege aber schwerer. Obwohl der Einbruch fast drei Monate zurückliegt, sei sie noch immer zornig und schlafe nachts schlecht, sagt Gerda F. „Man wird misstrauisch gegenüber Fremden und guckt sich jedes Auto, das vorbeifährt, genauer an.“

Das ganze Haus desinfiziert

Das Ehepaar übt sich in Pragmatismus. Sie putzten und desinfizierten das komplette Haus, wuschen Kleidung, Bettwäsche und Handtücher. „Man weiß ja nicht, was das für Leute waren“, sagt Gerda F. „Die Erbstücke habe ich abgehakt. Aber man fühlt sich einfach nicht mehr sicher. Das Grundvertrauen ist gestört.“ Dennoch wolle man sich nicht einschließen oder verkriechen. „Ich hoffe, dass sich die Angst legt. Irgendwann wollen wir ja auch wieder in den Urlaub.“

Aus diesem Grund soll in Sachen Sicherheit weiter aufgerüstet werden. „Ich weiß jetzt, dass unsere Hindernisse keine waren“, sagt Walter F. „Dann müssen jetzt eben vier Schlösser an jedes Fenster. Es ist schade, dass das nötig ist, aber das Wichtigste ist ja, dass kein Mensch zu Schaden kam.“

Ein Einbruch ist für viele Opfer eine Zäsur im Leben. Immer wieder wenden sich Traumatisierte an die Kriminalitätsopferhilfe Weißer Ring. „Es gab einen Fall, bei dem das Ehepaar aus der Wohnung ausgezogen ist, weil sie es nicht ausgehalten haben, dass jemand in ihrem geschützten Raum war“, sagt Wolfgang Maß vom Weißen Ring Heidenheim. Eine andere alleinstehende Frau verbrachte nach einem Einbruch wegen Panikattacken mehrere Wochen in der Psychiatrie. „Der materielle Schaden ist das eine. Schlimmer ist aber die Angst, die nach einem Einbruch kommt.“ Maß warnt deshalb vor falscher Scham. „Verdrängen ist nicht das richtige Mittel. Es ist besser, über das Erlebte zu sprechen und sich professionelle Hilfe zu holen.“

Das rät die Polizei: So sichert man die eigenen vier Wände

Entgegen landläufiger Meinung findet weit über ein Drittel aller Einbrüche während des Tages statt. Dass man sich vor einem Einbruch schützen kann, zeigt die Erfahrung der Polizei: Bei fast 40 Prozent der Taten bleibt es beim Versuch – nicht zuletzt wegen technischer Sicherungen an Fenstern oder Türen.

Die Polizei rät deshalb: Wohnungstüren immer richtig abschließen, auch wenn man nur kurz das Haus verlässt. Gekippte Fenster sind eine Einladung für Einbrecher, denn: ein gekipptes Fenster ist ein offenes Fenster. Niemals einen Schlüssel draußen verstecken; bei Haustüren mit Glaseinsatz sollte man den Schlüssel nicht innen stecken lassen.

Die Gefahr eines Einbruchs ist im Erdgeschoss größer. Aber auch in höhere Stockwerke gelangen Einbrecher oft problemlos. Leitern, Gartenmöbel, Mülltonnen oder Rankgerüste dienen als Kletterhilfen. Vor einer Reise sollte man Nachbarn darüber informieren und sie bitten, Augen und Ohren offen zu halten. Auf Reiseankündigungen in sozialen Netzwerken oder Abwesenheitsmitteilungen auf dem Anrufbeantworter sollte verzichtet werden.

Schwachstellen am Haus können nachträglich gesichert werden. Normale Fenster lassen sich binnen Sekunden aufhebeln. Deshalb sollten Türen und Fenster mit mechanischen Sicherungen wie Pilzkopfverriegelungen oder Winkelschließbleche ausgestattet sein. Gut gesicherte Fenster und Türen zu öffnen, erfordert in der Regel einen hohen Zeitaufwand und verursacht Lärm. Davor schrecken auch „Profis“ zurück.

Auch Lampen mit Zeitschaltuhren im Haus und von Bewegungsmeldern gesteuerte Lichter im Garten und auf dem Balkon können Einbrecher abschrecken.

In der polizeilichen Beratungsstelle Heidenheim kann man sich kostenlos und fachkundig über Sicherheitstechnik beraten lassen. Ansprechpartner ist Harald Wenzel unter Tel. 07321.322270. Weitere Infos gibt es auch auf www.polizei-beratung.de

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