Herbrechtingen Na sowas: Von null auf zwei Maibäume in einer Nacht

Herbrechtingen / Catrin Weykopf 01.05.2018
Eigentlich werden in der Mainacht Maibäume geklaut. In Herbrechtingen fand stattdessen eine wundersame Vermehrung statt.

Montag, 30. April 2018: Gähnende Leere auf dem Rathausplatz. Kein Maibaum, nirgends... Ein trauriger Anblick.

Szenenwechsel: Dienstag, 1. Mai, früher Morgen, selber Ort, selbe Stelle: Plötzlich stehen da zwei Maibäume. Zwei! Von null auf zwei in einer Nacht? Was ist da los?

Waren etwa die Heinzelmänchen am Werk? Verbirgt sich unter dem sorgfältig sanierten, gefälle-betreppten, rotbank-umrundeten und LED-ausgeleuchteten Rathausplatz-Bodenbelag eine bisher ungekannte Maibaum-Aufzuchstation, aus der - pünktlich zum Maibeginn - die Bäume wie Spargel aus dem Boden wachsen?

Eher unwahrscheinlich. Immerhin gab es im Vorfeld dieses Maibeginns ein regelrechtes Schwarzer-Peter-Spiel darum, wer und wann und mit wessen Hilfe den Baum aufstellt. Ende vom Lied: niemand. So zumindest war der Stand bis zum letzten Tag des Aprils.

Offenbar ziemlich unhaltbar fanden diesen Zustand einige Bürger der Stadt und machten sich ans Werk. Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren ist, sei das Ganze eine ziemlich spontane Aktion gewesen.

Erst gegen Mittag des 30. Aprils habe sich die Gruppe zusammengefunden, die die Maibaum-Leere am Rathausplatz nicht mehr hinnehmen wollte. Im Geiste des Mottos „das kann doch nicht sein“ und „das ist doch kein Hexenwerk“ habe man sich aufgemacht, um einen Baum zu fällen. Von etwa 15 Leuten ist die Rede, die diese schwere Arbeit auf sich nahmen und eine - sage und schreibe - 26 Meter lange Birke umlegten, entasteten, zum Rathausplatz brachten und dort aufstellten. Mit seiner Länge überrage der Baum das Vorjahresmodell um vier Meter, so heißt es. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.

Doch nicht nur die Tatsache, dass überhaupt ein Baum steht, ist schon als ein Seitenhieb auf das Hick-Hack im Vorfeld und die Vorgeschichte zu verstehen. Auch die Botschaft auf dem Schild des Maibaums, macht klar, warum er dort steht, wo er steht: „Nach dem langen Hin und Her, fällt es manchen gar nicht schwer, man nimmt an Baum, stellt ihn ins Loch. Den Maibaum gibt’s ja doch!“

Konspirativ aus dem Untergrund gehandelt

Die Gruppe der Baumsteller hat konspirativ aus dem Untergrund gehandelt und will anonym bleiben. Beim Akt des Aufstellens, freilich, wurden die Brauchtumsbewahrer dann allerdings entdeckt und beobachtet.

Wie es heißt, seien ihnen bei ihrer schweren Arbeit dann hopfenhaltige und hochprozentige Getränke aus der Bürgerschaft gereicht worden - ja ein regelrechtes spontanes Fest soll sich entfaltet haben - fast besser besucht und ausgelassener als das offizielle Baumstellen der zurückliegenden Jahre soll es gewesen sein. So zumindest wird es in der Stadt kolportiert. Vielleicht auch dies ein Seitenhieb?

Zweiter Baum kam über Nacht

Und damit nicht genug - unabhängig vom ersten Maibaum, gesellte sich später in der Mainacht noch ein zweiter hinzu. Dieser allerdings scheint - zumindest optisch - ein eher historisches Gehölz zu sein. In der Stadt wird bereits gewitzelt: Man sei nicht nur die einzige Gemeinde im Kreis, die statt null nun zwei Bäume habe - nein, man sei bestimmt auch die Gemeinde mit dem hässlichsten Zweit-Maibaum weit und breit.

Woher der zweite Baum kommt, ist (noch) allerdings unklarer als die Herkunft des ersten.

Der Beginn einer neuen Tradition?

Doch so oder so: Doppelt hält besser und vielleicht ist dies ja der Beginn einer wunderbaren neuen Tradition in der Stadt? Vielleicht wird man sich noch in Jahrzehnten jedes Jahr an diese Mainacht des Jahres 2018 erinnern - jene Nacht, in der zum ersten Mal unter dem Schein des Mondes und unter den reichlichen, hopfenhaltigen Gaben aus der Bürgerschaft zuerst ein prächtiger und später ein zweiter, dürrer Maibaum aufgestellt wurde. Das wäre doch was, oder? Die Anleitung dafür gibt’s ja nun auch schwarz auf weiß: ...Man nimmt an Baum, stellt ihn ins Loch...

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