Dettingen / Annika Raunecker Alle Zeichen stehen auf Durchbruch: Kevin Gerstmeier aus Dettingen entwirft Möbel – und hat in den vergangenen zwei Jahren einige bedeutende Design-Preise gewonnen.

Kiefernweg, Dettingen. Na, die Adresse passt schon mal. Volltreffer, oder Weisheit des Schicksals, wenn man bedenkt, dass der 26-Jährige Schreinermeister ist und Möbel entwirft. Die Straßen in der Siedlung werden schmaler, irgendwann erblickt man es, dieses schnuckelige Häuschen, das mit Holzschindeln verkleidet ist. Ungewöhnlich auf der Ostalb. Hier muss er wohnen. Und es stimmt: Es ist Kevins Elternhaus.

Alte, mit Sprüchen beschriebene Fenster sind am Eingang drapiert, ein Blümchen hier, ein Blümchen dort. Liebe zum Detail erkennt man bereits an der Eingangstür. Auch dahinter wird man nicht enttäuscht.

Kevin Gerstmeier, groß, schlank, braunhaarig, Jeans, schlichtes Jersey-Shirt, öffnet die Tür. Die rund geformten Brillengläser fügen sich perfekt ein in das Bild, das man von einem Jung-Designer im Kopf haben könnte. Ja, so weit passt der Eindruck. Aber wer denkt, bei Kevin Gerstmeier komme man mit Stereotypen aus, liegt falsch.

Früh kreativ tätig

Doch von Anfang. Kevin Gerstmeier ist 26 Jahre alt. Er wurde in Kanada geboren, nachdem seine Eltern dorthin ausgewandert waren. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in Kanada – dort wagte er seine ersten Schritte, sprach seine ersten Worte. Vor dem Kindergartenalter erfolgte der Umzug nach Deutschland, nach einer Zwischenstation bezogen die Gerstmeiers – neben Mutter Verena und Vater Jürgen gehören auch Bruder Marvin und Schwester Vanessa zur Familie – in Dettingen ihr neues Zuhause. Hier fühlen sie sich bis heute wohl. Doch der junge Kevin Gerstmeier streckt seine Fühler aus. Ordnet man seine Erfolge ein, so könnte ihm eine große Karriere bevorstehen. Er steht kurz vor dem Durchbruch sozusagen.

Kevins Eltern setzten früh auf individuelle Förderung und schickten den Erstgeborenen auf die Waldorfschule. „Ich glaube, dass die Freiheiten auf dieser Schule sehr wichtig für meine Entwicklung waren“, sagt Kevin. Früh war er kreativ tätig, hat viel gebastelt und gebaut. Und: „Ich war oft in der Werkstatt unseres damaligen Nachbarn. Er ist Schreinermeister.“ So war es nicht verwunderlich, dass sich Kevin nach dem Abschluss an der Waldorfschule für einen handwerklichen Beruf entschieden hat. Schreiner wollte er werden. In Bissingen fand er einen Ausbildungsbetrieb. „Mein Ausbilder hat viel Wert auf Gestaltung gelegt, ich konnte mich hier früh einbringen“, erzählt Kevin. Der Grundstein war gelegt.

Was folgte, ist ein schicksalhaftes Zusammenspiel zwischen Zufall, Leidenschaft und Zielstrebigkeit. „Ich habe in meiner Ausbildung gemerkt, dass ich mehr in Richtung Gestaltung gehen möchte“, so der Dettinger. Seinen Schreinermeister absolvierte er in Garmisch-Partenkirchen – an einer Meisterschule mit Schwerpunkt auf Design. Hier schloss Kevin auch sein Studium an. Im Juni wird er die Fachakademie für Raum- und Objektdesign verlassen. Vielleicht sogar als kleiner Star.

Zahlreiche Preise

Denn in den vergangenen beiden Jahren hat Kevin Gerstmeier einige Preise für seine Arbeiten gewonnen. Nicht etwa irgendwelche Preise. Seine Auszeichnungen gehören zu den bedeutendsten der Szene. Für sein Bett ohne Gestell und für seinen Steharbeitsplatz (Meisterstück) etwa hat er den Oberbayerischen Förderpreis für angewandte Kunst bekommen, mit seinem Armlehnstuhl „mahu“ gelang ihm der Durchbruch. Er wurde mit dem „German Design Award 2019“ prämiert. Das ist neben dem „Red-Dot-Design-Award“ einer der wichtigsten Preise der Branche. Mit dem Stuhl und weiteren Stücken gewann Gerstmeier zudem den „Future Forward 2018“, den Nachwuchswettbewerb der Designmesse „blickfang“.

Die Jury lobte, der Stuhl sei ein „Zusammenspiel aus optischer Leichtigkeit, organischer Struktur und moderner Fertigungstechnik“. Auf der internationalen Möbelmesse in Köln im Januar dieses Jahres war Kevin beim „Pure Talents Contest“ unter den besten 20 Nachwuchsdesignern und konnte sich einem noch größeren Publikum zeigen. Mittlerweile ist der Jung-Designer in Kontakt mit Leuten aus der Szene, wird sogar auf Fachmessen erkannt und angesprochen, Verhandlungen mit interessierten und namhaften Möbel-Produzenten laufen.

Warum ein Stuhl?

Ein Stuhl also war der Initialzünder, der Türöffner. Nun könnte man die Frage stellen: Warum ein Stuhl? „Ein Dozent meinte, dass jeder namhafte Designer einen Stuhl entwerfen muss. Und der Architekt Ludwig Mies van der Rohe hat mal gesagt, es sei schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer. Also hab ich mich drangemacht.“ Das Besondere an seinem „mahu“, wie er das Werk genannt hat: „Es gibt keinen vergleichbaren Stuhl, bei dem die Beine aus der Rückenlehne herauswachsen. Deshalb habe ich es versucht“, so Kevin Gerstmeier. Er habe sich die Lehne als Baumstamm vorgestellt, dessen Äste dann die Beine des Stuhls darstellen.

Seine Möbel sollen kreativ und praktisch zugleich sein. Er möchte die Grenze zwischen Kunst und Gebrauchsgegenstand aufheben, kunstvolle Einrichtungsgegenstände schaffen, die seriell produziert werden können. „Es gibt ganz wenige Designer, die das machen.“ Ja, Kevin Gerstmeier versucht, seine Nische zu finden. Er sagt: „Ich wage Dinge, die andere lange nicht mehr gemacht haben.“ Er arbeite viel mit Formsprache. Mit neuen Elementen, aber auch mit bereits Bekanntem. Eines ist ihm wichtig: „Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden.“

Spannend bei alldem ist, dass Kevin Gerstmeier seine Ziele nie verbissen verfolgt hat. „Das ist alles irgendwie so passiert“, sagt er. Schulterzucken, ein verlegenes Lächeln, dann wendet er den Blick ab – die eigene Verblüfftheit darüber ist ihm im Gesicht anzusehen. „Ich habe einfach schon immer das getan, was ich gerne tue. So ist eines zum anderen gekommen.“ Es sei nie sein Ziel gewesen, einen Preis nach dem anderen abzuräumen. Nur „sein eigenes Ding machen“ wollte er schon immer, wie er sagt.

Kevin Gerstmeier wählt seine Worte mit Bedacht, er lässt sich Zeit mit seinen Antworten, manchmal auch ungewöhnlich lange. Von für so manchen schwer auszuhaltenden Gesprächspausen lässt er sich nicht beeindrucken. „Ich denke, hier liegt meine Stärke. Ich lasse mir Zeit. Ich schaue mir die Dinge an und überlege, was man warum besser machen kann.“

So kommen ihm seine Ideen – beim Spaziergang, beim Mittagessen, beim Betrachten des Alltags. „Die meisten Ideen kommen, wenn ich Sachen bewusst anschaue“, sagt er. Hier wird der 26-Jährige auch Kritiker unserer Gesellschaft: „In Städten wie München etwa gibt es kaum noch jemanden, der einem in die Augen schaut, alle starren auf ihr Smartphone.“

Weitere Ziele

Bleibt der Blick in die Zukunft. Kevin Gerstmeier möchte nach seinem Abschluss an der Fachakademie ein eigenes Studio eröffnen. Sein mittelfristiges Ziel: Der Dettinger hat sich vorgenommen, nächstes Jahr seine erste eigene Möbelkollektion zu präsentieren. Derzeit arbeitet er an seiner Studien-Abschlussarbeit für ein Berliner Label: Es soll eine Couch werden. Zentrum seines Wirkens soll die Schwäbische Alb bleiben. „Hier bin ich zu Hause“, sagt er.

Ein Mann, ein Stuhl, eine Vision – so könnte man die Geschichte von Kevin Gerstmeier abkürzen. Ein junger Mann mit Begabung und Bescheidenheit. Ein 26-Jähriger, dem der Bleistift näher ist als das Smartphone. Das Schönste für den Jung-Designer: „Dass man abends sieht, was man tagsüber geschafft hat.“ Klingt irgendwie altmodisch. Aber auch beruhigend.

Bildergalerie Kevin Gerstmeier ist ausgezeichneter Jung-Designer