Heidenheim Paul Hartmann AG verdient fast 100 Millionen Euro

Inkontinenzprodukte sind mit 665,4 Millionen Euro die umsatzstärkste Sparte der Paul Hartmann AG. In Herbrechtingen verlassen jährlich 800 Millionen Inkontinenzprodukte das Werk mit seinen elf Fertigungsstraßen. Ausgangsmaterial ist Zellulose.
Inkontinenzprodukte sind mit 665,4 Millionen Euro die umsatzstärkste Sparte der Paul Hartmann AG. In Herbrechtingen verlassen jährlich 800 Millionen Inkontinenzprodukte das Werk mit seinen elf Fertigungsstraßen. Ausgangsmaterial ist Zellulose. © Foto: Privat
Heidenheim / Günter Trittner 14.03.2018
Vor dem 200. Jahr seines Bestehens schafft Hartmann beim Umsatz den Sprung über die Zwei-Milliarden-Schranke und verdient fast 100 Millionen Euro.

Rekord an Rekord: Zum Jubiläumsjahr der Paul Hartmann AG legt der Vorstand die passenden Geschäftszahlen vor. Zum 200. Jahr des Bestehens wurde beim Umsatz um 58 Millionen Euro erstmals die 2-Milliarden-Schwelle übersprungen, ist der Gewinn um vier Prozent auf 93,7 Millionen Euro gestiegen. Investiert hat das in der Medizinalbranche tätige Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr 198,5 Millionen Euro. Auch dies, so Finanzvorstand Stephan Schulz, „ein echter Rekord“.

Dividende stabil

Nicht ganz in Rekordlaune könnten die Aktionäre sein. Für sie bleibt die Dividende gleich bei 7 Euro je Aktie, die Rendite sinkt damit leicht von 1,7 auf 1,6 Prozent. „Das Hartmann-Papier ist keine Aktie zum spekulieren“ verteidigt Vorstandsprecher Andreas Joehle die Dividendenempfehlung. auch bei der Aktie setze man auf Stabilität

Internationale geworden

Belohnt hat sich mit diesen Zahlen auch Joehle selbst, für den es gestern seine letzte Bilanzpressekonferenz war. Der 57-Jährige scheidet zum Jahresende aus privaten Gründen aus dem Unternehmen aus. In den fünf Jahren, in denen er im Vorstand das Heft in der Hand hatte, ist Hartmann internationaler geworden, in der Erfolgsspur ein gutes Stück weiter voran gekommen und nach wie vor schwäbisch solide finanziert. „Wir haben keine Bankschulden“, so Schulz, im Gegenteil, wir haben etwas aus der hohen Kante.“

Freude an Kneipp

Sogar das „hässliche Entlein“ im Haus, der zuerst so wenig beliebte Zukauf von Kneipp, hat sich kräftig gemausert. „Kneipp macht uns viel Freude“, sagt Schulz heute. Mit 40 bis 60 neuen Produkten im Jahr beweise das Unternehmen seine Innovationskraft.

Einen kräftigen Schub für die Bilanz des Geschäftsjahrs 2017 hat der Kauf des spanischen Unternehmens Lindor bewirkt, eines Herstellers von Hygieneprodukten. Aus Spanien transferiert man aber nicht nur Geld in die Unternehmensbilanz, „wir gewinnen auch Erfahrung“, sagt Joehle, der Lindor in dieser Hinsicht mit einem Sparring-Partner vergleicht.

Umbau geht weiter

Bestehen am Markt: Für Joehle heißt das, sich immer wieder neu erfinden. Das heißt konkret für Hartmann. „Wir bauen weiter um“. Im vergangen Jahr bereits wurde die Unternehmensstruktur an der Spitze umgebaut, um näher am Kunden zu sein und es gibt auch weiter Personalentwicklungskonzepte, damit die richtige Person am richtigen Platz arbeitet. Angesichts eines dauerhaft unter Kostendruck stehenden öffentlichen Gesundheitswesens spricht man bei Hartmann verstärkt private Kunden an und versucht bei diesen mit neuen Produkten wie etwa Geräten zur Selbstdiagnose zu punkten.

Digitalisierung allerorten

Digitalisierung ist eine Leitidee bei allem Tun. Hartmann betreibt im Internet eine der größten Plattformen auf der Experten über Wundversorgung konferieren und versieht Medizinal-Produkte mit Apps, weil dies mittlerweile vielerorts als Entscheidungskriterium bei deren Einkauf ist. Speziell für Kliniken hat Hartmann eine App entwickelt, welche die Einhaltung der Desinfektionsregeln erleichtert. In der Schweiz testet man gerade die digitale Logistik von der Bestellung bis zu Rechnung. Hartmann tritt dabei als Volllieferant auch mit Produkten anderer Hersteller auf.

Sekunden schneller angelegt

Den wachsenden personellen Engpässen in der Pflege sucht Hartmann durch Produkte und Angebote entgegenzukommen. Um 23 Sekunden lässt sich die neue Inkontinenz-Windel Molicare Premium Elastic schneller anlegen. „Pro Nachtschicht in einem Heim macht das einen Unterschied“, sagt Joehle, der hier ganz als Praktiker sprechen kann. Der ausgebildete Pfleger macht auch heute noch ein bis zweimal im Jahr eine Nachtschicht mit“, damit ich wieder geerdet bleibe.“

Wachstum in allen Bereichen

Gewachsen ist Hartmann 2017 in allen Geschäftsbereichen Inkontinenz, Wundversorgung und Infektion. Gewachsen ist man national (plus 1,6) und vor allem international (plus 4,7) . Auf dem amerikanischen Markt ist man nach wie vor auf dem Horchposten und generell reicht die Kasse bei einer Eigenkapitalquote von 59,7 Prozent für einen strategischen Zukauf. Auch die Mitarbeiterzahl ist mit 10?372 auf Rekordhöhe. 1630 davon arbeiten in Heidenheim, 520 in Herbrechtingen, wo jährlich 800 Millionen Inkontinenz-Produkte gefertigt und ausgeliefert werden.

Ein erfolgreiches Jahr

„Es war ein sehr erfolgreiches Jahr“, sagt Finanzvorstand Schulz, das sich für Joehle aus Hartmann-Perspektive auch so ausdrücken lässt: 1,3 Millionen Menschen eine bessere Lebensqualität beschert, 6.7 Millionen Menschen sicher operiert, 67 Millionen Wunden geheilt und 128 Millionen Menschen vor Infektionen geschützt.

EU-Vorgaben kosten Hartmann viele Millionen

Eine CE-Kennzeichnung ist zwingend erforderlich, wenn man Medizinprodukte in der EU in den Verkehr bringen will. Diese erhält man, wenn man diese konform zu Regelungen der Sicherheit, Qualität und Leistungsfähigkeit produziert. Die neuen, verschärften Vorgaben betreffen bei Hartmann 125 Produktfamilien. Sie kosten das Unternehmen über mehrere Jahre jeweils einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag und haben dazu geführt, dass Hartmann erstmals in seiner Geschichte im vergangenen Jahr eine Gewinnwarnung aussprechen musste. „Teilweise“, so Vorstandsvorsitzender Andreas Joehle, „ist das völlig überzogen“.

Auf zwischen fünf und acht Prozent des Umsatzes bezifferte Joehle branchenweit den finanziellen Aufwand. Prüfverfahren und Dokumentation füllen bei Hartmann zigtausende Seiten. Nach einer bundesweiten Umfrage in der Branche gehören die Heidenheimer zu den 18 Prozent der Unternehmen, welche bereits mit der Umsetzung begonnen haben. Alle anderen haben noch Rückstand. Was Joehle nicht wundert. Von kleinen bis mittleren Firmen seien diese Vorgaben kaum beherrschbar. Joehle geht sogar davon aus, dass Unternehmen schließen oder zum Verkauf stehen werden.

Allein für die neue Bewertung von seit vielen Jahre bewährter und unbedenklicher Klarsichtverbände sind bei Hartmann 2500 Seiten Papier erstellt worden, mussten 600 Stunden Arbeit aufgewandt werden. „Ein Moloch“, so Joehle. Dem der Vorstandsvorsitzende aber doch noch etwas Gutes abgewinnen kann. „Wir hinterfragen unsere Strukturen und schauen, wie wir noch effizienter werden können.“ Und zu guter letzt könnten die bestandenen Prüfungen auch noch zu einem Wettbewerbsvorteil werden.

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