Kreis Heidenheim Atommüll: Macht der Ur-Ur-Enkel das Endlager zu?

Im Inneren des Zwischenlagers auf dem Gelände des AKW Gundremmingen. Wie lange die Castor-Behälter mit den abgebrannten Brennelementen dort noch lagern werden, ist völlig ungewiss. Ein Endlager ist noch nicht in Sicht.
Im Inneren des Zwischenlagers auf dem Gelände des AKW Gundremmingen. Wie lange die Castor-Behälter mit den abgebrannten Brennelementen dort noch lagern werden, ist völlig ungewiss. Ein Endlager ist noch nicht in Sicht. © Foto: Oliver Schulz/Archiv
Kreis Heidenheim / Catrin Weykopf 07.12.2018
Wie lange dauert es noch, bis ein Endlager für die abgebrannten Brennstäbe zu Verfügung steht und was könnte bis dahin mit den Zwischenlagern - darunter mit dem in Gundremmingen - passieren?

Wer bei dem Vortrag des Schweizer Geologen Marcos Buser auf Abhandlungen über Gesteinsdichten, Erdschichten und Plattenverscheibungen gehofft hatte, der dürfte enttäuscht gewesen sein. Der Abend brachte andere Einblicke – und mitunter die ein oder andere Meinungsverschiedenheit.

Auf Einladung der Bürgerinitiative „Forum – Gemeinsam gegen das Zwischenlager“ (BI) war Buser nach Gundelfingen gekommen. Buser, der nicht nur Geologe, sondern auch Sozialwissenschaftler ist, zeigte im Lauf des Abends, warum die Suche nach einem Endlager bisher in Deutschland (und im Rest der Welt) aus gesellschaftspolitischen Gründen gescheitert sei.

Deutschland als Positiv-Beispiel?

Dass die Atomkraft zur Energiegewinnung unterm Strich ein finanzielles Verlustgeschäft sei – weil die Kosten der Entsorgung unkalkulierbar hoch seien – das habe sich zwar vielerorts als Erkenntnis etabliert. Die Atommüllfrage aber spiele weltweit keine bedeutende Rolle.

Marcos Buser ist Geologe und Sozialwissenschaftler.
Marcos Buser ist Geologe und Sozialwissenschaftler. © Foto: Catrin Weykopf

Deutschland sei demgegenüber als Positivbeispiel zu werten, so der Schweizer. Denn hierzulande sei man immerhin auf dem Weg „der Bewusstseinswerdung“ – dank eines Standortauswahlgesetzes und dank der Entscheidung, die Atommüllfrage ab 2019 in die Hände des Bunds zu legen. „Deutschland hat hier einen großen Schritt gemacht“, so Buser.

Standortfrage erst 2030 geklärt

Doch warum dauert es trotzdem so lange, bis ein Standort für ein Endlager gefunden wird und bis der hochradioaktive Müll aller deutschen AKW dort eingelagert werden kann? Aktuelle Planungen sehen den Anfang der 2030er Jahre für die Festlegung auf einen Standort vor.

Für Buser liegt der Grund in dem Weg voller Irrtümer, den man bisher gegangen sei. Weil man aus Fehlern wie der „Asse“ aber lernen müsse, sei es nicht machbar – nicht einmal vom heutigen Stand der Technik aus – binnen eines Jahrzehnts ein verlässliches Endlager zu bauen, selbst wenn ein geeigneter Ort bereits gefunden wäre.

Um eins bauen zu können, brauche es noch viele Langzeitstudien und die Bereitschaft, zu lernen. In der Schweiz etwa forsche man seit gerade einmal zehn Jahren an einem Stollen. „Zehn Jahre – das ist, gemessen an den Zeiträumen, um die es geht, nichts“, so Buser.

Bauzeit so lange wie beim Kölner Dom?

Überhaupt: Die Zeitfrage. Zur Verwunderung einiger anwesender Mitglieder der BI zog Buser den Vergleich mit großen europäischen Kirchenbauten, die teils über Jahrhunderte hinweg errichtet wurden. „Wir müssen auch beim Endlager in Maßstäben von fünf bis zehn Generationen denken“, so der Geologe. „Wenn wir jetzt anfangen zu bauen, macht vielleicht der Ur-Ur-Enkel das Endlager zu“.

Eine Zwischenlösung hatte Buser jedoch auch parat: Ihm zufolge stellen die aktuellen Zwischenlager, wie dasjenige in Gundremmingen, bis zur Fertigstellung eines Endlagers die größte Gefahr dar – zumal über ganz Europa verteilt an Dutzenden Standorten oberirdisch Atommüll gelagert werde. „Das ist ein Problem, das in 20 Jahren immanent wird.“

Buser schlägt vor, stattdessen zentrale Zwischenlager zu errichten und zwar unterirdisch. Nicht tief im Inneren eines Bergwerks, sondern gerade so tief, dass die Gefahr für die Außenwelt minimiert werde und man den Müll nach Fertigstellung eines Endlagers wieder rückholen und endlagern könne.

Die Zwischenlager werden bleiben müssen

Dieser Vorschlag wiederum rief bei Dagmar Dehmer Widerworte hervor. Dehmer ist Sprecherin der Bundesgesellschaft für Endlagerung und war ebenfalls auf Einladung der BI zum Diskussionsabend gekommen. Ihr Einwand: Die Suche nach einem Standort für ein längerfristiges zentrales Zwischenlager zusätzlich zur aktuell laufenden Suche nach einem Endlager würde die Kapazitäten überschreiten.

Es bleibe nichts anderes übrig als die bestehenden Zwischenlager sicher zu machen und so lange zu nutzen, bis sich eine bessere Möglichkeit finde oder das Endlager bereitstehe. „Das ist keine schöne Alternative“, so Dehmer. „Aber man muss mit den Kräften haushalten.“

Dagmar Dehmer ist Sprecherin der Bundesgesellschaft für Endlagerung
Dagmar Dehmer ist Sprecherin der Bundesgesellschaft für Endlagerung

Überzeugt zeigte sie sich zudem vom jetzt eingeschlagenen deutschen Weg: In den kommenden Jahren sollen verschiedene Gebiete und Gesteinsformationen geprüft werden. Dann werde man sich für den Ort entscheiden, der die „bestmögliche Sicherheit“ gewährleiste, wie es im Gesetz heiße. Auf dem Weg dahin seien Bürger, Wissenschaftler und Politik eingebunden. Und: Das Gesetz sehe vor, aus Fehlern zu lernen und Rücksprünge zuzulassen. „So haben Ingenieure auf diesem Feld bisher nicht gearbeitet. Das ist ein ganz neuer Ansatz“, so Dehmer.

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