Pferde Leben in der Freiluft-WG

Martina Dissingers Pferde sind das ganze Jahr über draußen. Bei der Laufstall-Haltung muss darauf geachtet werden, dass genügend Fressplätze vorhanden sind, um Streitereien zu vermeiden.
Martina Dissingers Pferde sind das ganze Jahr über draußen. Bei der Laufstall-Haltung muss darauf geachtet werden, dass genügend Fressplätze vorhanden sind, um Streitereien zu vermeiden. © Foto: Foto: Christine Weinschenk
Bächingen/Schrezheim / Christine Weinschenk 06.02.2014
Sie sind zu acht: zwei Ponys, zwei Wallache und vier Stuten. Eine kleine Herde, die das ganze Jahr über draußen lebt. Martina Dissinger wollte sich bei der Haltung ihrer Pferde an deren natürlichen Bedürfnissen orientieren. Die Tiere entscheiden selbst, wie und wo sie die Tage und Nächte verbringen.

Draußen bei Wind und Wetter? Tag und Nacht? Kann das gesund sein? Das fragen sich immer wieder besorgte Spaziergänger, wenn sie an der weitläufigen Koppel am Rande von Gundelfingen vorbeigehen. „Manche Leute meinen, die Tiere seien vergessen worden und verwahrlost“, sagt die Bächingerin Martina Dissinger. Besonders im Winter werde sie häufig von Passanten angesprochen. Dabei versucht Martina Dissinger mit dem Offenstall-Konzept, die natürlichen Bedürfnisse der Pferde zu erfüllen. Aus ihrer Sicht sind das: Kontakt zu Artgenossen, frische Luft, freie Sicht und ständige Bewegung.

Auf fünf Hektar Land hält Dissinger ihre Pferde-WG, unterteilt in mehrere Koppeln, die abwechselnd geöffnet werden. Natürlich haben die Pferde auch einen richtigen Stall: 90 Quadratmeter groß, überdacht, windgeschützt und rund um die Uhr offen. Die Pferde nutzen den Unterschlupf allerdings eher im Sommer als im Winter, um vor Insekten Zuflucht zu finden, so Dissinger. Die derzeitige Kälte scheint ihnen nichts auszumachen. „Pferde können Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad problemlos verkraften. Auch bei Schnee sind sie lieber draußen und schlafen auch dort.“

Im Winter draußen? Kein Problem!

Prinzipiell könnten alle Rassen im Winter draußen bleiben, so Dissinger. Schutz vor Wind und Wetter biete das Winterfell und die beim Wälzen aufgetragene Schlammschicht. Wichtig sei, dass die Tiere Zeit haben, ein Winterfell zu entwickeln. „Man kann sie nicht von einem Tag auf den anderen im Winter einfach raus stellen.“
Seit 28 Jahren hält die 49-Jährige Pferde im Offenstall. Seit zehn Jahren existiert der Stall bei Gundelfingen, der bereits von der Laufstall-Arbeitsgemeinschaft (LAG) ausgezeichnet wurde. Die LAG setzt sich seit 25 Jahren für eine artgerechte Pferdehaltung ein. Und steht auch privaten Pferdehaltern mit Rat zur Seite.

„Ein Pferd, das den ganzen Tag allein in einer Box steht – artgerecht ist das nicht“, sagt Martina Dissinger.  Ein Pferd ist ein Herdentier. Es brauche Gesellschaft. Außerdem seien die Tiere in freier Wildbahn gut 14 Stunden täglich in Bewegung – unterwegs auf Futtersuche. Deshalb hat Dissinger ihren Offenstall zum Laufstall weiterentwickelt. Die Pferde sollen sich zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse von einem Ort zum anderen bewegen. Das bedeutet: Wasserstellen, Futterplätze sowie Gelegenheiten zum Kratzen und Wälzen sind voneinander getrennt. Dissingers Pferde müssen zwischen Futterplatz und Wasserstelle rund 600 Meter zurücklegen. „Ihre Knochen, Sehnen und Muskeln sind dafür ausgelegt und brauchen das.“

"Mensch, ist das Pferd cool"

Dissinger hat mit 14 angefangen zu reiten – auf einem „Boxenstall-Pulverfass“, wie sie sagt. „Jahre später bin ich auf einem Pferd geritten, dass im Laufstall gehalten wurde und dachte nur: Mensch, ist das Pferd cool.“ Die Tiere seien ruhiger und ausgeglichener. „Das macht die dauernde Bewegung. Bei der Boxenhaltung stehen die Tiere im schlimmsten Fall 23 Stunden täglich auf engem Raum und dann kommen sie raus und stehen völlig unter Strom und Anspannung.“ Zudem seien Pferde in Offenhaltung an alle möglichen Störgeräusche und Umwelteinflüsse gewöhnt.

Warum werden dann die meisten Pferde in Boxen gehalten? „Bequemlichkeit“, sagt Dissinger. Bevor sie auf einen Pferderücken steigen könne, müsse sie das Pferd abholen und ein paar Hundert Meter weit laufen, während ein Pferd in der Box natürlich sofort bereitsteht. Natürlich sei der Aufwand beim Misten auch größer. Viele Halter seien aber auch zu ängstlich und überfürsorglich. „Mir hat mal jemand erzählt, dass sein Pferd im Winter nicht auf die Koppel kommt, sondern nur in der Halle geritten wird, weil es ausrutschen und sich verletzten könnte.“ Absurd, findet das Martina Dissinger. Krank oder verletzt seien ihre Pferde eigentlich nie. Ihre älteste Stute ist 33 Jahre alt – vor 26 Jahren hat Dissinger sie gekauft. „Auch daran sieht man, dass diese Form der Haltung nicht schlecht sein kann.“

Mehr Vor- als Nachteile

Auch in Dischingen-Schrezheim gibt es einen Offenstall, zertifiziert von der Laufstall-Arbeitsgemeinschaft. Auf dem Pferdehof Zum Fliegenberg hat Sonja Wolter drei eigene und derzeit zwei Pensionspferde stehen. Platz wäre für zehn Tiere. 2009 hat Familie Wolter auf diese Haltungsform umgestellt und nur positive Erfahrungen gemacht. „Meine Pferde husten nicht mehr, haben keine geschwollenen Beine. Auch Verhaltensauffälligkeiten kommen bei dieser Art der Haltung nicht vor. Pferde gehören einfach nicht in eine Box“, sagt Sonja Wolter. 2000 Quadratmeter Auslauf haben die Pferde immer zur Verfügung. Dazu zwei große Ställe. Zusätzlich werden die Koppeln für mehrere Stunden täglich geöffnet. Insgesamt hat der Pferdehof 4,5 Hektar Fläche.

Die offene Haltung habe Vorteile für Mensch und Tier: „Wenn der Reiter drei Wochen im Urlaub ist, ist das nicht schlimm. Das Pferd bewegt sich ja selbst und muss nicht zwangsläufig täglich geritten werden“, sagt Wolter. „Und es ist einfach schön zu sehen, wenn die Pferde im Sommer dösend in der Sonne liegen oder auf der Koppel gemeinsam spielen.“ Nach einem Hundeleben hört sich das nicht an.
 

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