Härtsfeld Wie tickt eigentlich das Härtsfeld?

Tina Brüggemann ist in Kiel geboren und aufgewachsen. Seit fünf Jahren lebt die 45-Jährige mit ihrer Familie auf der Ostalb und ist Regisseurin und Chefdramaturgin am Theater der Stadt Aalen. Zuvor war sie zehn Jahre in Rottweil am Theater tätig.
Tina Brüggemann ist in Kiel geboren und aufgewachsen. Seit fünf Jahren lebt die 45-Jährige mit ihrer Familie auf der Ostalb und ist Regisseurin und Chefdramaturgin am Theater der Stadt Aalen. Zuvor war sie zehn Jahre in Rottweil am Theater tätig. © Foto: privat
Härtsfeld / Christine Weinschenk 13.01.2019
Was treibt das Härtsfeld um? Wie lebt man dort? Wie ticken die Menschen? Das herauszufinden ist ein Ziel des Kulturprojekts „Wir sind das Härtsfeld“. Es gibt erste Erkenntnisse.

In ländliche Gebiete investieren. Diese Aussage kennt man aus der Politik. Doch auch Kulturschaffende haben das Land für sich entdeckt. Das Theater der Stadt Aalen hat im vergangenen Jahr das Projekt „Wir sind das Härtsfeld“ gestartet. Über zwei Jahre soll es laufen. Auf die Fahnen geschrieben hat man sich die Stärkung des Wir-Gefühls und kulturelle Vernetzung. Im vergangenen Sommer wurde eine Reihe von Interviews und Gesprächen geführt mit Menschen aus Nattheim, Dischingen und Neresheim. Man wollte herausfinden, was das Härtsfeld ausmacht, wie es ist dort zu leben, worauf man stolz ist. Entstanden ist unter anderem der Text „Härtsklopfen – ein Härtsfelder Bürgerchor auf der Suche nach Heimat“. Tina Brüggemann ist Regisseurin und Dramaturgin am Theater der Stadt Aalen. Im Interview erklärt sie, was man bereits über das Härtsfeld gelernt hat.

Frau Brüggemann, das Theater der Stadt Aalen beschäftigt sich seit Monaten mit dem Härtsfeld. Sie wollten etwas über die Region und die Menschen herausfinden. Was bedeutet der Begriff Härtsfeld überhaupt für die, die dort leben?

Wir waren mit verschiedensten Menschen, die auf dem Härtsfeld agieren, in Kontakt – darunter Imker, Polizisten, Köhler, Politiker, Segelflieger, Schäfer, Blasmusiker. Unser Eindruck ist, dass das Härtsfeld für viele eher ein geografischer Begriff ist und die Menschen, die dort wohnen, ihre Identität mehr in Neresheim, Nattheim, Dischingen oder Dunstelkingen sehen.

Also gibt es gar kein Härtsfeld-Gefühl?

Ich unterstelle, dass es das schon gibt. Es gibt Gemeinsamkeiten, nur offenbar fällt es nicht immer leicht, diese festzustellen. Aber wenn man die Identität fürs Härtsfeld gefunden hat, sucht man die Abgrenzung von der Umgebung, von der Ostalb.

Das Härtsfeld liegt doch auf der Ostalb . . .

Das Härtsfeld grenzt sich ab vom Rest der Ostalb. Es wurde immer wieder betont, dass das Härtsfeld etwas ganz Eigenes ist. Schwäbisch Sibirien sagt man ja auch so klingend. Es ist auf jeden Fall spürbar, was das Härtsfeld ausmacht und das kann man auch benennen.

Und was ist das?

Historisch gesehen ist es das Erz, die Zisterzienser. Auch die Kriege scheinen sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt zu haben – der Dreißigjährige Krieg, die Koalitionskriege und der Zweite Weltkrieg. Man weiß noch, wo die Gefechte stattgefunden haben, wo die Schlachtfelder waren. Es ist erstaunlich, wie präsent das ist. Durchgängig haben wir ein großes Geschichtsbewusstsein bemerkt.

Welche gemeinsamen Nenner gibt es in der Gegenwart?

Heute sind es große Unternehmen, also Zukunftstechnologie. Und die Windräder. Außerdem die Nähe zur Natur.

Was haben Sie noch herausgefunden?

Durch die Korallenfunde interessiert man sich sehr stark für Gesteinsschichten, sozusagen die Herkunft des Bodens.

Das Härtsfeld ist landwirtschaftlich geprägt, aber aufgrund der kargen Böden es ist schwerer Landwirtschaft zu betreiben als in anderen Regionen . . .

Ein schöner Satz, der in einem Interview gefallen ist, war: Wir sind reich, reich an Steinen. Das prägt die Landwirtschaft und damit auch die Menschen und ihre Mentalität. Es ist ein Bild für eine gewisse Härte, die die Härtsfelder wohl selber empfinden, aber produktiv damit umgehen.

Wie beschreiben sich die Härtsfelder selbst?

Als unverstellt, als rau, aber herzlich. Das ist auch eine Gemeinsamkeit. Sie sagen von sich, dass sie im ersten Moment etwas unzugänglich sind oder auch maulfaul, hackerbierig sagt man dort. Aber wenn man ehrliches Interesse aufbringt und etwas Geduld hat, dann kann man sie für sich gewinnen. Es gibt ein Gefühl, dass die Menschen, die dort wohnen, ein Revier haben und es gewissermaßen behaupten. Wenn man von außen hinzukommt, muss man es ein Stück weit erobern.

Liegt dieses Revierdenken an den Gemarkungs- und Landkreisgrenzen, die das Härtsfeld quasi teilt?

Ich glaube, das rührt auch vom starken Naturempfinden. Zum Beispiel beschreibt ein Schäfer, wie schön es ist, seine eigenen Felder und Wiesen zu kennen. Zu wissen, wo jeder Busch steht und wo welche Blumen wachsen. Das schafft eine starke Bindung an den Ort, aber auch ein starkes Empfinden für die Grenze.

Was trennt die Härtsfelder?

Die einen sind stärker katholisch geprägt, die anderen stärker protestantisch. Es wurde auch gesagt, dass man in Neresheim stärker Richtung Ulm guckt und sich städtischer fühlt und sich darauf womöglich etwas einbildet. Die Nattheimer und Dischinger blicken eher auf die andere Seite Richtung Ostalb. Wir als Theatermenschen möchten, dass man sich weiter nähert und miteinander ins Gespräch kommt. Aber das Härtsfeld wurde auch als Multikultigesellschaft bezeichnet. Das erstaunt vielleicht im ersten Moment.

Das erstaunt tatsächlich . . .

Aber es wird so empfunden. Auch Menschen, die neu dazukommen, gehören dazu.

Wird das generationsübergreifend so gesehen?

Auf jeden Fall. Und es ist nicht unbedingt die jüngere Generation, die sich für weltoffen hält. Eine ganz junge Gesprächspartnerin hat gesagt: Da wohnt jemand Neues, aber man sieht ihn nicht und er macht in keinem Verein mit.

Das stört?

Ja, das stört. Die Aussage war: Mitmachen kann man ja wohl schon. Das ist uns aufgefallen ist, dass durchaus auch die junge Generation ihre Heimat und ihre Vereinskultur behaupten will.

Wie tickt die junge Generation sonst?

Offenbar sind die jüngeren sehr nah am Empfinden der Eltern oder der älteren Generation. Sie sind stark eingebunden ins Vereinsleben.

Die Jüngeren möchten also nicht weg, sondern fühlen sich verwurzelt?

Den Eindruck macht es. Wir hatten nicht das Gefühl, dass es eine Landflucht gibt. Die Jungen sind modern, laufen mit Kopfhörern herum und gucken auf ihr Smartphones, aber es gibt nicht unbedingt den Wunsch wegzuziehen, sondern eher den Wunsch da zu bleiben.

Das Härtsfeld hat geographisch eine Randlage. Fühlt man sich deshalb abgehängt?

Einer der Interviewpartner hat das so beschrieben: Wir sind der hinterste Winkel. Trotzdem hält das die Härtsfelder nicht davon ab zu sehen, dass sie Spuren in der weiten Welt hinterlassen haben. In New York kann man beispielsweise in einem Museum Korallen von hier finden. Und am Triumphbogen in Paris gibt es einen Hinweis auf die Schlacht bei Neresheim im Zuge der Koalitionskriege. Das weiß man auf dem Härtsfeld und auf diese Weise fühlt man sich auch nicht abgehängt. Vielleicht gibt es aber das Gefühl, sich etwas stärker behaupten zu müssen.

Warum wurde das Härtsfeld überhaupt für das Projekt ausgewählt?

Wir vom Theater warten nicht im Kulturpalast darauf, dass man zu uns kommt, um unsere Stücke zu sehen. Wir gehen auch selbst an die Orte und sind neugierig auf die Menschen. Das Härtsfeld als interessante Region wurde mehrfach an uns herangetragen. Wir wollen zeigen, dass man nicht der hinterste Winkel ist, zu dem man sich verirren muss, sondern dass man sich einfach dafür interessieren kann.

Wie war die Bereitschaft der Leute, mitzumachen?

Bisher sehr groß. Bei der Recherche war es aber schon ein bisschen so, wie sich die Härtsfelder selbst beschreiben: Man musste etwas dranbleiben, Interesse haben und immer wieder nachfragen.

Was möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Das Projekt soll einen verbindenden Charakter haben. Ich wünsche mir, dass die Leute danach leichten Herzens sagen: Wir sind das Härtsfeld.

Bürgerchor sucht Mitmacher

m Samstag, 26. Januar, wird um 14.30 Uhr in der Brauereigaststätte Hald in Dunstelkingen der Text „Härtsklopfen – ein Härtsfelder Bürgerchor auf der Suche nach Heimat“ von Regisseurin Tina Brüggemann vorgestellt. Bürgerchor bedeutet nicht, dass gesungen wird. Stattdessen werden Passagen aus den Interviews, die vergangenen Sommer vor Ort geführt wurden und auf denen der Text basiert, gesprochen. Gesprochen werden soll der Text von Härtsfeldern. Interessierte sind eingeladen, mitzumachen oder einfach nur zuzuhören. Eine Aufführung ist für Sommer geplant. Mehr Infos unter www.wir-sind-das-haertsfeld.de

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