Herbrechtingen Kunkelstube: Das Schwätzen steht an erster Stelle

Jutta Mack strickt auch gerne mal alleine, beispielsweise vor dem Fernseher. In großer Runde macht ihr Handarbeit aber viel mehr Spaß.
Jutta Mack strickt auch gerne mal alleine, beispielsweise vor dem Fernseher. In großer Runde macht ihr Handarbeit aber viel mehr Spaß. © Foto: Manuela Wolf
Herbrechtingen / Manuela Wolf 07.09.2018
Auf vielfachen Wunsch gibt es in Herbrechtingen an der Mühlstraße nun eine Kunkelstube. Wer will, kann hier Handarbeit von Grund auf lernen – kostenlos.

Kunkelstuben waren früher der soziale Treffpunkt im Ort. Neben Handarbeitstechniken wurde hier auch Frauenwissen weitergegeben. Im Winter trafen sich unverheiratete Männer und Frauen zu Tanzveranstaltungen und gemütlichem Beieinandersitzen. Und die Absprachen, die in großer Damenrunde getroffen wurden, reichten so weit hinein ins gesellschaftliche Leben, dass sie von der männlichen Obrigkeit mancherorts sogar verboten wurden.

Auch Jutta Mack plant vom Nebenzimmer der Herbrechtinger Begegnungsstätte aus eine kleine Revolution. Sie will versuchen, alleinstehenden älteren Frauen das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen, runter vom heimischen Sofa, raus aus der Einsamkeit, zurück in die Mitte der Gesellschaft. „Manchmal hilft es schon, einfach eine Runde um den Blick zu spazieren. Da fällt das Heimkommen gleich viel leichter“, sagt sie.

In ihrer Kunkelstube wird natürlich nicht spaziert. Nähen, häkeln, stricken, sticken, all diese Techniken aus längst vergangenen Tagen sollen in geselliger Runde gepflegt werden. Willkommen sind alle Frauen, auch die, die nicht mehr in Übung sind oder gar mal wieder etwas Neues lernen wollen. Tipps und Anleitung gibt es wie den selbstgebackenen Zopf von Jutta Mack an diesem Nachmittag umsonst.

Die Kunkelstube ist jeden ersten Donnerstag im Monat ab 16 Uhr geöffnet. Zum ersten Treffen am vergangenen Donnerstag kamen eine gute Handvoll Frauen, darunter Christa Frey, die seit einigen Monaten Witwe ist. Schwer sei die Anfangszeit gewesen, es galt, den Alltag neu zu ordnen und sich daran zu gewöhnen, auch ohne festen Partner an der Seite etwas zu unternehmen.

Die 76-Jährige trat die Flucht nach vorne an. Sie besucht inzwischen verschiedene offene Angebote für Senioren und hat so schon einige Bekanntschaften gemacht. Zusammen sein statt einsam sein, das ist jetzt ihr Motto. Christa Frey: „Manchmal fragen mich die Leute, wie ich nach dem Tod meines Mannes so viel unterwegs sein kann. Ich sage dann nur, dass ich mir nicht ausgesucht habe, alleine zu sein und dass mein Leben noch nicht zu Ende ist.“

Kunkelstuben-Leiterin Jutta Mack hat das Talent, Menschen immer wieder aufs Neue zu motivieren, inklusive sich selbst. Sie ist eine umtriebige, herzliche Frau, die sich ihre Freizeit mit Tatkraft und dem Mut, auch mal zu scheitern, so gestaltet, wie es ihr gefällt. Geht nicht? Gibt's nicht? Na dann!

Vor ein paar Jahren schaute die frühere Verwaltungsleiterin des Pflegezentrums Hansegisreute zufällig eine Unterrichtsstunde Qui Gong im Fernsehen an. Sie war sofort begeistert von dieser meditativen Bewegungslehre aus Fernost. Kurzerhand ließ sie sich zur Übungsleiterin ausbilden – seitdem gibt es Qui Gong auch in der Begegnungsstätte.

Auf ähnliche Art und Weise könnte sich auch das Angebot der Kunkelstube verändern. Der Bewegungspark hinterm Haus wartet auf Nutzer, Tänze könnten getanzt, Lieder könnten gesungen werden, erlaubt ist, was interessiert und Spaß macht. Hildegard Locher und Maria Helmer haben nicht vor, jemals wieder Socken zu stricken.

So viele Jahre hätten sie die eigenen Kinder und später die Enkelkinder mit Kleidung versorgt, nun seien sie in Rente, was genug ist, ist genug. „Und heutzutage ist kaufen fast billiger“, gibt Hildegard Locher zu bedenken. „Wenn man überlegt, was alleine ein Reißverschluss kostet!“ Aber zum Schwätzen, da kommt sie nun wohl öfter vorbei. Auch sie hat sich fest vorgenommen, wieder ein bisschen mehr Fröhlichkeit zuzulassen.

Jutta Mack besorgt die geringe Teilnehmerzahl des ersten Treffens nicht weiter. Solche Angebote müssten sich rumsprechen, müssten wachsen. Bestes Beispiel sei das monatliche Frühstück mit reichhaltigem Büfett auf Spendenbasis. Kürzlich kamen mal fast 50 Gäste und brachten die freiwilligen Helfer an ihre Grenzen.

Mack: „Ziel ist bei der Kunkelstube sicher nicht, dass wir eine möglichst große Gruppe werden. Es geht darum, in der Gemeinschaft etwas zu erleben. Egal, was auf dem Programm steht, das Schwätzen steht im Vordergrund.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel