Erpfenhausen Kultursommer Erpfenhausen: Sebastian Krämer in Höllenfahrt

Wortgewaltig und etwas schräg gestaltete Sebastian Krämer den Chansonabend beim Kultursommer in Erpfenhausen.
Wortgewaltig und etwas schräg gestaltete Sebastian Krämer den Chansonabend beim Kultursommer in Erpfenhausen. © Foto: Christian Thumm
Erpfenhausen / Marita Kasischke 20.08.2018
Virtuos, wortgewaltig und ziemlich gaga: Sebastian Krämer forderte Geist und Zwerchfell gleichermaßen am letzten Abend des Kultursommers in Erpfenhausen.

„Diesen Gedanken finde ich besonders sexy“: Das ist die von Sebastian Krämer empfohlene Haltung des möglicherweise überforderten Zuschauers angesichts seines wieder mal – wie aus einer Kritik herauszulesen war – zu intellektuell geratenen Programms, und diese Empfehlung gab er auch am Sonntagabend im Kulturhof Erpfenhausen als „Bedienungsanleitung“ mit auf den Weg, zusammen mit dem Trost: „Intellektuelle haben auch keinen Schimmer, aber Spaß dabei“.

Die rund 150 Zuhörer in der Kulturscheune wussten nun also schon zu Beginn des Abends, was sie darüber denken sollten. Ob sie allerdings dazu kamen, Gedanken besonders sexy zu finden, das darf bezweifelt werden. Denn erstens mussten sie immer auf Zack sein, den fein gedrechselten und dabei mindestens ebenso viele Windungen wie Krämers Krawatte nehmenden Texte zu folgen, zweitens konnten sie gar nicht umhin, seine unerhörte Virtuosität am Flügel zu bewundern, und mittenrein in Bewunderung für Text und Musik platzten immer wieder Lachanfälle, derer man sich nicht erwehren konnte.

Der aus der Reihe tanzt

Was Goethe mit seinem „Faust“ – aus dem Krämer ebenfalls Zitate vertonte, denn nach Meinung des Künstlers müsse neben Gesellschaftskritik, Satire, Beziehungsproblemen auch immer ein wenig Pathos dabei sein – erreichte, das will Krämer sein für das Genre des Chansons. Soweit sein selbsterhobener Anspruch. Mit Chanson ist das, was Sebastian Krämer bietet, allerdings auch nur unzureichend beschrieben. Denn eigentlich ist es viel mehr.

Klassisch kommt seine Musik daher, um dann doch an irgendeiner völlig unvorhersehbaren Stelle die Melodien auf die Schippe zu nehmen. Solche Volten schlägt Krämer auch in seinen Texten, in denen er den schöngeistigen Formulierungen und wohlgesetzten Reimen ganz plötzlich ein „Sackgesicht“ oder ein „in die Fresse schlagen“ zur Seite stellt, um dann dem Publikum ganz harmlos entgegenzuhalten: „Klar, jetzt werden Sie sagen, wo ist denn da der Unterschied zum Kitsch?“ Und darauf, Kitsch mit Mülleimern zu erklären, wie Krämer es tat, darauf muss man auch erst einmal kommen.

Was im Übrigen für seine Themenauswahl überhaupt gilt: Feinsmädchen verliebt sich in ein Pokemon in Bonn, Gespräche unter Krähen, Herzensbrecherinnern, die den Schwanenhals nicht vollkriegen, die aussterbende Gattung der Videotheken, Flötenunterricht als Ausrede, ein Waldgeist muss zum Therapeuten, Kontakt zum Totenreich mit frischer Stille, ein Heimatlied aus Kalletal, das ziemlich auf den Hund kommt, hausgemachter Kuschelrock, in dem letztlich sämtliche Gäule in Tempo und Tastenfluss durchgehen, die Angst des Fahrgastes auf dem Volksfest oder Höllenfahrt im Hell-Express, Philosophien über Borschtsch.

Den Vogel aber schoss Sebastian Krämer mit dem Reggae über die beim Unterwasserhäkeln gewonnene Goldmedaille ab, bei dem die Lachsalvendichte ihren Höhepunkt erreichte.

Schräg auf höchstem Niveau

Dass Krämer dann und wann nicht so ganz textsicher war – das Publikum verzieh es ihm augenblicklich. Denn so viel Einfallsreichtum in Wort, Musik und den harmlos beginnenden, aber doch immer ins Skurrile mündenden Moderationen erlebt man wahrlich nicht alle Tage.

Und wenn Krämer auch gerne ein wenig gaga daherkommt, so geschieht das doch alles auf höchstem Niveau. Er sei, so Krämer über Krämer, „so etwas wie die Stones, nur mit Musik“. Soll recht sein. Denn dann wird er ja noch ganz lange auf der Bühne stehen.

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