Küpfendorf Köhlerei: Schüler haben Freude an uraltem Handwerk

Köhler Martin van Heydebrand (Mitte) zeigt Ravensburger Waldorfschülern sein Handwerk.
Köhler Martin van Heydebrand (Mitte) zeigt Ravensburger Waldorfschülern sein Handwerk. © Foto: Jens Eber
Küpfendorf / Jens Eber 17.07.2018
Seit 29 Jahren ist Martin von Heydebrand Köhler. Seit 2016 zeigt er an der Sachsenhardthütte bei Küpfendorf Schülern sein Handwerk, indem sie selbst mitarbeiten dürfen.

Ein Junge schleppt einen zur Hälfte mit Kohlenstücken gefüllten Blecheimer heran und kippt den Inhalt auf die Erde. Er wischt sich mit dem Handschuh übers Gesicht und hinterlässt dort eine schwarze Spur. Der Köhler gießt behutsam Wasser über die knisternde Kohle, um letzte Glutreste abzulöschen. Eimer um Eimer tragen die Kinder herbei, und langsam wird das Ergebnis von anderthalb Tagen Arbeit sichtbar: etwa zwei Zentner Holzkohle.

Kinder, die zwischen rauchenden Meilern arbeiten, das könnte eine düstere Szene aus der Frühzeit der Industrialisierung sein. Aber die Kinder hier sind keine billigen Arbeitskräfte, sondern Viertklässler der Freien Waldorfschule Ravensburg, die zwei Tage lang bei Köhler Martin von Heydebrand („Alle nennen mich nur Köhler Martin“) einen Einblick in das Handwerk der Holzkohleherstellung erhalten haben.

Bis zum Beginn der Sommerferien werden es allein in diesem Jahr 21 Waldorfklassen gewesen sein, die bei Köhler Martin zwei oder drei Tage lang die Verwandlung von Holz in Kohle erlebt haben. Manche Schulen kommen seit mehr als 20 Jahren zu von Heydebrand.

Die Beschäftigung mit Ur-Handwerk gehört an den Waldorfschulen zum Konzept. „Wir haben schon geschmiedet, gezimmert und Getreide angebaut“, erzählt Lehrerin Michaela Siebert, die am vergangenen Sonntag mit ihrer Klasse und etlichen Eltern an die Sachsenhardthütte bei Küpfendorf gereist war. Dort errichtet Martin von Heydebrand seit 2016 zwischen Mai und Juli mit den Kindern kleine Meiler. Köhler sei er aber bereits seit 29 Jahren.

Vom Helfer zum Köhler

Der gelernte Sozialtherapeut und frühere Mitarbeiter der heilpädagogischen Berufsausbildungsstätte in Aufhausen las eines Tages in der Zeitung von einem Köhler, der sich den Arm gebrochen hatte und nun Hilfe suchte. Von Heydebrand half ihm mit tatkräftiger Unterstützung mehrerer behinderter Menschen aus und fand Gefallen an diesem alten Handwerk.

Ab 1989 fügte die Berufsausbildungsstätte das Köhlern ihrem Konzept hinzu und betrieb im Wald nahe Zang eine Köhlerei. Nach der Insolvenz der Einrichtung machte sich Köhler Martin selbstständig, betreibt heute mit seiner Frau Franziska den Grill- und Holzkohlehandel Heidenheim-Aufhausen. Dabei importieren sie auch Meilerkohle, die dann von Hand für verschiedene Nutzungen sortiert wird.

Ein Jahr konnte von Heydebrand eine Kohlplatte auf dem Schnaitheimer Moldenberg nutzen, als besser geeignet erschien schließlich aber die Freifläche bei Küpfendorf, die im Revier von Matthias Roller liegt. Der Förster sieht auch zu, dass die Köhlerei genügend Holz in der Umgebung findet. Aktuell ist das ganz einfach: Auf der anderen Seite des Waldwegs hat das Eschentriebsterben zugeschlagen und mehrere Eschen dahingerafft. Buchenholz wäre für die Grillkohle zwar ideal, aber mit der Esche ist der Köhler angesichts der kurzen Transportwege völlig einverstanden.

Die zwei Tage im Wald sind für die Schulklassen ein bisschen wie Abenteuerurlaub. Am ersten Tag bauen die Kinder und Eltern unter Anleitung die kunstvollen Mini-Meiler auf und entzünden sie. Danach ist es mit Warten allein aber nicht getan: Alle zwei Stunden müssen sie die Meiler kontrollieren und vorsichtig nachverdichten. Die Nachtschicht übernehmen hierfür die Eltern.

Nach etwa einem Tag ist das Holz verschwelt und hat zwei Drittel seines Volumens verloren. Köhler Martin erklärt die nächsten Schritte, das behutsame Bergen der hochwertigen Kohle, das Aussortieren nicht völlig verkohlter Stücke und das Ablöschen noch glühender Kohlen.

Am Ende nimmt jedes Kind ein Säckchen Grillkohle mit nach Hause. Martin von Heydebrand erzählt von Kindern, die so stolz auf ihre Kohlen waren, dass sie unter keinen Umständen ins Grillfeuer gegeben werden dürften.

Köhlerei auf der Ostalb: ein altes Handwerk

Holzkohle wird seit dem Mittelalter handwerklich hergestellt. Sie wurde zum Beispiel für die Eisenverhüttung genutzt, aber auch in Schmieden war sie begehrt. Die Schwäbischen Hüttenwerke in Königsbronn waren einst ein großer Abnehmer für Holzkohle aus der Region.

Entsprechend „leergeräumt“ waren vor einigen hundert Jahren auch die Wälder auf der Ostalb. Bezeichnungen wie „Kohlplatten“ für den Parkplatz an der A 7 deuten heute noch auf solche früheren Nutzungen hin.

Kohlenmeiler haben einen Durchmesser von mehreren Metern und schwelen, je nach Witterung, über mehrere Tage hinweg.

Hochwertige Grillholzkohle gibt deutlich mehr Hitze ab und führt auch nicht zu Funkenflug.

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