Herbrechtingen Klettern im Eselsburger Tal: viele Anfänger, wenig Abstürze

Beim Klettern braucht man nicht nur Kraft, Koordination und Konzentration - man muss sich auch auf seinen Kletterpartner verlassen können.
Beim Klettern braucht man nicht nur Kraft, Koordination und Konzentration - man muss sich auch auf seinen Kletterpartner verlassen können. © Foto: Markus Brandhuber
Herbrechtingen / Stefanie Kirsamer 04.05.2018
Im Eselsburger Tal in Herbrechtingen sind die Bedingungen günstig, deshalb klettern an den Felsen dort viele Anfänger – besonders schwere Unfälle passieren dennoch eher selten.

Am 18. Mai 2017 musste die Bergwacht Herbrechtingen zu einem besonders schweren Kletterunfall ins Eselsburger Tal ausrücken. Eine junge Frau war aus sechs Metern Höhe abgestürzt. Sie wurde mit einem Schädel-Hirn-Trauma und einer Wirbelsäulenverletzung ins Klinikum Heidenheim gebracht.

Das war der einzige schwere Kletterunfall, zu dem die Bergwacht Herbrechtingen 2017 ausrücken musste. Im August gab es noch einen kleineren Vorfall: Eine junge Frau war ebenfalls aus sechs Metern Höhe abgestürzt, aber ihr war nichts passiert, deshalb konnte der Einsatz der Bergwacht wieder abgebrochen werden. „Ich wundere mich schon, dass nicht mehr passiert“, sagt Armin Fritsche, Pressesprecher der Bergwacht Herbrechtingen. Der 55-Jährige kletterte selbst seit 16 Jahren und ist seit über 40 Jahren bei der Bergwacht. Über die Jahre beobachtete er, dass heute definitiv mehr geklettert wird – auch im Eselsburger Tal.

Viele Kletterer, wenig Ahnung

Das spiegeln auch die Mitgliederzahlen der größten Bergsportvereinigung, dem Deutschen Alpenverein (DAV), wieder. Seit 2004 hat sich die Zahl der Kletterer im DAV vervierfacht. Heute klettern etwa 500 000 der knapp 1,2 Millionen Mitglieder. „Doch zum Teil haben die Leute, die im Eselsburger Tal klettern, nicht viel Ahnung“, so Fritsche. Der Gerstetter hat den Eindruck, dass sich viele zwar die passende Ausrüstung kaufen, dann am Felsen aber klettern wollen, ohne die Grundlagen zu beherrschen.

Das bestätigt Thomas Aumüller, der 43-Jährige ist Fachübungsleiter für Alpinklettern bei der DAV-Sektion Brenztal und klettert selbst seit 1995. Der Bolheimer sieht viele unerfahrene Kletterer draußen an den Felsen. „Das sind Leute, die kennen irgendeinen, der mal klettern war – und dann gehen sie mit dieser Person mit – ohne, dass jemand wirklich weiß, wie es geht“, beschreibt Aumüller die Situation im Eselsburger Tal.

Aber kein Wunder: Gerade für Anfänger bietet das Tal optimale Bedingungen. Bei den „Steinernen Jungfrauen“ gibt es gleich drei Felsformationen, an denen geklettert werden kann: am „Wilden Hund“, an der „Mittleren Wand“ und am „Jungfrauenfels“. Die durchschnittliche Höhe der Felsen beträgt in etwa 13 Meter, viele Kletterrouten sind laut DAV auch kinderfreundlich. Außerdem sind die drei Felsen nur wenige Gehminuten vom Parkplatz beim Jurawell in Herbrechtingen entfernt. Also ein sehr guter Platz, um sich zum ersten Mal am Fels zu probieren.

Wenn aber die Erfahrung fehlt, kann es gefährlich werden. Aumüller hat schon oft beobachtet, dass Personen am Fels stehen und die richtigen Sicherungsknoten nicht beherrschen. Ein weiteres Problem seien neue Sicherungsgeräte, die mehr oder weniger automatisch die am Seil hängende Person sichern.

„Man sollte sich aber nicht nur darauf verlassen, man muss schon aufmerksam sein“, mahnt Aumüller. Nach Untersuchungen des DAV ereignen sich 18 Prozent der Unfälle wegen Fehlern beim Sichern. „Am Seil hängt dein Leben beziehungsweise das Leben deines Kletterpartners“, bringt Aumüller das Dilemma auf den Punkt. Einige Unfälle hat er schon selbst miterlebt und erste Hilfe geleistet. Oft wurden diese durch Fehlverhalten der Kletterer verursacht – gerade deshalb wundert auch er sich, dass nicht mehr passiert.

Klettern ist ein Extremsport

Das Interesse am Klettern steigt vor allem auch durch die vielen neuen Kletterhallen. Mittlerweile werden in Deutschland etwa 400 Kletterhallen betrieben – Tendenz steigend. Auch um Heidenheim herum sprießen immer mehr Hallen aus dem Boden – unter anderem in Ulm, Neu-Ulm, Schwäbisch-Gmünd, Günzburg und Augsburg sowie in Aalen, Göppingen und Krumbach. Gerade die vielen neuen Kletterhallen in der Gegend sorgen für den Aufschwung auch draußen an den Felsen im Eselsburger Tal. Dieser Meinung ist Thomas Aumüller und Janina Schicht, Pressesprecherin des DAV bestätigt dies. Man dürfe aber nicht vergessen: „Klettern ist ein Extremsport – viele unterschätzen das“, so Aumüller.

Gerade die, die in Hallen das Klettern gelernt haben, würden laut Aumüller die Bedingungen am Felsen falsch bewerten. „In den Kletterhallen herrschen kontrollierte Bedingungen“, erklärt Aumüller. So sind die Routen und Griffe vom Tüv geprüft, der Abstand zwischen den einzelnen Haken ist kürzer und oft hängt ein Sicherungsseil bereits von der Decke. Dazu kommt, dass die Griffe und Tritte in der Halle farblich markiert sind. „In der Halle sieht man jeden Griff, am Fels muss man erst suchen“, sagt er. Das kostet Kraft und was die meisten vergessen: „Draußen muss man nicht nur körperlich, sondern auch psychisch fit sein.“ Es hängt eben kein Seil von der Decke, es gibt keine Schaumstoffmatte, die einen auffängt. Man muss sich selbst und seine Kräfte und seine Grenzen kennen.

Draußen kommen noch die äußeren Bedingungen dazu, das Wetter kann sich ändern, der Fels kann nass sein oder Steine können sich lockern. Man solle sich immer Bewusst machen: „Vom richtigen Verhalten hängt mein Leben ab“, sagt Armin Fritsche aus eigener Erfahrung. Klettern erfordert hohe Konzentration, auch erfahrene Kletterer können Fehler machen. So ist Fritsche selbst vor einigen Jahren beim Klettern schwer abgestürzt.

Mehr Sicherheit, weniger Abstürze

2020 in Tokio wird Sportklettern zum ersten Mal olympische Disziplin sein. Danach könnte sich das Interesse für den Sport vermutlich noch verstärken. Mehr Anfänger, weniger Erfahrung und eine erhöhte Unfallgefahr – um das zu vermeiden, empfiehlt Aumüller: „Es gibt sehr gute Kurse, in denen man lernt, wie man draußen klettert.“ Auch die Sektion Brenztal bietet Schnupperkurse an, bei denen man sich telefonisch anmelden kann.

2009 hat der DAV die Aktion „Sicher Klettern“ gestartet. In den Kursen wird das Ablassen, richtige Anseilen und das richtige Sichern gelernt. Nach erfolgreicher Prüfung wird ein Kletterschein vergeben. Ähnlich wie beim Pkw-Führerschein gibt es unterschiedliche Klassen, die einen für das Klettern draußen oder drinnen befähigen. In manchen Kletterhallen wird ein Kletterschein an der Kasse als Nachweis verlangt.

Klettert man draußen, wird am Felsen nicht kontrolliert, ob man einen Kletterschein hat. Das wäre in den Augen von Aumüller und Fritsche ein falsches Signal. „Es ist gut, dass nicht alles reglementiert wird.“

Klettern geht die DAV-Sektion Brenztal in der Gruppe freitags und mittwochs www.dav-brenztal.de