Dischingen Kabarett: Warum denken, wenn man schunkeln kann?

Greift auch gut und gern zum Akkordeon: Jess Jochimsen bei seinem Dischinger Gastspiel.
Greift auch gut und gern zum Akkordeon: Jess Jochimsen bei seinem Dischinger Gastspiel. © Foto: Oliver Vogel
Dischingen / Marita Kasischke 09.10.2018
„Heute wegen gestern geschlossen“ lautet der Titel des neuen Programms von Jess Jochimsen, mit dem dieser am Sonntagabend in der „Arche“ in Dischingen vorbeigeschaut hat.

Was will der Mensch? Fußball, Tatort, Volksmusik. Punkt. Mehr braucht es nicht zum Glücklichsein, jedenfalls für die Mehrheit der Menschen. Und was, wenn diese Mehrheit recht hätte? Wenn die Antwort auf all die drängenden Fragen der Zeit einfach hieße „Herzilein, du musst nicht traurig sein“?

Warum denken, wenn man auch schunkeln kann? Kabarettist Jess Jochimsen, am Sonntagabend zum wiederholten Mal Gast in der „Arche“ in Dischingen, beruhigte seine rund 120 Zuhörer nach solchen Provokationen aber sogleich: „Ihr seid ja die Guten, ihr geht ja ins Kabarett.“ Dass er aber auch mit jedem Satz noch was zu kauen mitgeben muss, der Jochimsen, obwohl er doch immer wieder fast drohend wiederholt „Wir machen es uns schön heute Abend“.

Ohne Regierung lief's ganz gut

Dafür hat er Interaktionen vorbereitet, die zumindest schön mulmig machen: So scheinbar heitere Ideen wie „Komm, wir stellen jetzt die Bundestagswahl nach“ oder „Wir spielen reich sein, aber so dass es der andere merkt“. Dabei hat der Freiburger mit Münchner Migrationshintergrund und haufenweise Auszeichnungen die Ruhe weg und das Publikum ganz schön zu tun, denn was er in Wort, Lied und Dias bot, das ist keinesfalls so harmlos, wie es häufig daherkam.

Und er verliert auch nicht die Ruhe, wenn er in Bezug auf Trump, AfD, Brexit und deren Befürworter nichts zu deuteln übrig lässt: „Es wird nicht mehr reichen, dass wir darauf runterschauen. Wir müssen schon runtergehen und sehen, was da läuft.“

Und dabei habe das Jahr doch so gut angefangen: „Drei Monate ohne Regierung und davor auch drei Monate. Es lief nicht so schlecht.“ Und jetzt? Ratlos ist er angesichts der zerstrittenen Großen Koalition, die sich ohnehin so anfühlte, als zöge man mit 30 Jahren noch mal bei den Eltern ein, und angesichts eines Heimatministers, den keiner liebevoll von der Bildfläche nimmt, wie es doch sonst üblich ist in Bayern, „wenn Opa mal wieder wirres Zeug redet“.

„Nur so zum Mitgrooven“

In Heimatlied für den Heimatminister, mitreißend auf der Harmonika begleitet, dazwischen auf dem Glockenspiel immer mal wieder „Freude, schöner Götterfunken“ anklingen lassen, und auf der Gitarre das Lied vom Bauern und vom Schmied – „ganz ohne Sinn, nur so zum Mitgrooven“.

Wenn man es ihm doch nur glauben könnte, dass er etwas gänzlich ohne Sinn macht in diesem Programm mit dem Titel „Heute wegen gestern geschlossen“, ein Titel, für Jochimsen signifikant für den Zustand im Kleinen wie im Großen: Weil gestern alles zu viel war, wird jetzt der Laden dicht gemacht, oder eben auch die Grenzen. Wegen zu viel Kultur, Willkommenskultur in diesem Fall, die längst übergegangen ist in die Angst. „Aber wovor?“ Nicht nur einmal stellte er diese Frage. Und: „Ist die Angst weg, wenn man zusperrt?“

Früher ist 'rum

Überhaupt müsse man viel mehr infrage stellen, ermunterte er sein Publikum. Wie viele Talk-Show-Sofas wollen wir noch aufstellen? Warum werden Intellektuelle im Fernsehen immer vor Bücherregalen interviewt? Und warum suppen immer mehr Verbalkaskaden und Worthülsen zu uns herüber? Warum dürfen Verfassungsschutzpräsidenten keine Reue zeigen, Özil aber nicht? Was bringt die „Früher-war-alles-besser“-Mäkelei, wenn doch früher vor allem eins ist: rum?

Ja, wie geht's einem nach so einem Abend, an denen ein blitzgescheiter und geradezu kindlich neugieriger Protagonist einem ordentlich die Leviten gelesen hat? Erstaunlicherweise hat das sogar richtig gut amüsiert, es war witzig und brillant und es wurde viel gelacht. Glücklicherweise hat Jess Jochimsen aber bereits am Anfang darauf hingewiesen: „Nachdenken müssen Sie fei schon noch, gell.“

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