Königsbronn Landtagspräsidentin Aras spricht über Antisemitismus

Beim Besuch in Königsbronn besichtigt Landtagspräsidentin Muhterem Aras auch die Georg-Elser-Gedenkstätte.
Beim Besuch in Königsbronn besichtigt Landtagspräsidentin Muhterem Aras auch die Georg-Elser-Gedenkstätte. © Foto: Archiv/Landtag
Königsbronn / Laura Strahl 20.01.2018
Beim Besuch der baden-württembergischen Landtagspräsidentin in Königsbronn spielt auch NS-Widerstandskämpfer Georg Elser eine Rolle.

Seit 2016 ist Muhterem Aras (Bündnis 90/Die Grünen) Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Am Freitag stattete sie Königsbronn einen Besuch ab: Beim Neujahrsempfang der Gemeinde sprach die 52-Jährige. Zuvor besuchte sie die Gedenkstätte für den Widerstandskämpfer Georg Elser.

Im Interview berichtet Aras über Antisemitismus im Landtag, deutsche Gedenkkultur – und beschreibt, was uns Georg Elser heute noch lehren kann.

Frau Aras, in Deutschland haben rechtspopulistische Parteien seit der Flüchtlingswelle Zulauf. Spüren Sie diesen Stimmungsumschwung auch bei Ihrer Arbeit im Landtag, etwa bei Sitzungen?

Der Ton ist deutlich rauer geworden – stellenweise sogar verächtlich. Ich hätte es mir vor der Wahl 2016 auch nicht vorstellen können, im Landtag über antisemitische Verschwörungstheorien diskutieren zu müssen. Dadurch ist eine Streitkultur im Landtag entstanden, die der Würde des Parlaments widerspricht – und gesellschaftlich ein schlechtes Beispiel gibt. Debatten im Parlament sollten lebhaft sein. Kontroverse Diskussionen gehören dazu. Aber der Umgang mit dem politischen Gegner muss immer von Fairness und Respekt geprägt sein. Das ist eine große Herausforderung für uns alle.

Wie begegnen Sie diesen Vorfällen?

Als Präsidentin will und muss ich dafür sorgen, dass Debatten respektvoll verlaufen. Ich habe seit Amtsantritt insgesamt fünf Ordnungsrufe ausgesprochen. Alle betrafen AfD-Mandatsträger. In der vorherigen Wahlperiode gab es keinen einzigen Ordnungsruf. Auch das zeigt, dass sich der Ton tatsächlich verändert hat. Leider war auch schon ein Sitzungsausschluss nötig.

Was kann uns Georg Elser in solchen Momenten lehren? Welche Rolle spielt er heute noch?

Auf die Frage „Was kann ich als Einzelner schon tun?“ war die Antwort von Georg Elser: Alles! Diese Kraft aufzubringen ist eine gigantische persönliche Herausforderung. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hass und Ausgrenzung Macht über unser Leben, über unsere Gesellschaft bekommen. Diese Verantwortung richtet sich nach dem Vorbild von Georg Elser an uns alle.

Wird denn in Baden-Württemberg heute genug getan, um das Wissen über die Gräuel des Dritten Reichs und aufrecht zu erhalten?

Das Gedenken an unsere Geschichte nimmt einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft ein. Es war und ist wichtig. Wir müssen uns aber bewusst machen, dass die Herausforderungen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines erstarkenden Antisemitismus – größer werden und sich wandeln. Deshalb war es richtig, dass der Landtag die Mittel für Gedenkstätten von 200 000 Euro 2011 auf aktuell über eine Millionen Euro pro Jahr erhöht hat. Gedenkkultur ist ausgerichtet auf die Würde des Einzelnen und den Schutz von Minderheiten. Sie wird damit in Zukunft noch wichtiger werden.

Denken Sie denn, dass Schüler heutzutage wissen, wer Georg Elser war?

Ja. Die Gedenkstätte legt einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Schulklassen. Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler aus der Region besucht sie. Elsers Leben und Handeln halte ich für besonders geeignet, um jungen Menschen Geschichte nahe zu bringen. Georg Elser war ein normaler Bürger. Seine Tat zeigt: Der Einzelne ist nicht ohnmächtig. Damit können sich junge Menschen identifizieren. Das zeigt ja auch die positive Resonanz auf die Bildungsangebote der Gedenkstätte.

Wann haben Sie zum ersten Mal von Georg Elser gehört?

Als ich 1978 als Zwölfjährige aus Anatolien nach Sielmingen bei Filderstadt kam, wusste ich nichts von der Geschichte Deutschlands. Natürlich war die NS-Vergangenheit Thema in der Schule. Mit den Lehren aus dieser Zeit habe ich mich intensiv Anfang der 90er Jahre auseinandergesetzt, als es eine Welle von Anschlägen gegen Asylunterkünfte und Migranten gab. Ich fing an, mich politisch zu engagieren. Mir war bewusst geworden, dass Deutschland meine Heimat ist. Diese offene Gesellschaft wollte ich gegen rechte Gewalttäter verteidigen. Allerdings war Georg Elser damals eine Randnotiz der Geschichte des Widerstands. Heute erkläre ich mir das so, dass man ihn als Einzeltäter nicht so recht einzuordnen wusste.

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