Kreis Heidenheim Hornissen – viel besser als ihr Ruf?

Andreas Müller ist seit zehn Jahren Hornissenbeauftragter im Landkreis. Er weiß, wie ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Hornisse funktioniert.
Andreas Müller ist seit zehn Jahren Hornissenbeauftragter im Landkreis. Er weiß, wie ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Hornisse funktioniert. © Foto: Markus Brandhuber
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 02.08.2018
Andreas Müller ist seit zehn Jahren Hornissenbeauftragter des Landkreises. Er sagt: Viele Menschen fürchten die geschützten Tiere, aber ihre Angst ist meist unbegründet.

Für manche sind sie ein Ärgernis, andere reagieren geradezu hysterisch, wenn sie als ungebetener Gast beim Grillen im Garten auftauchen: Hornissen. Andreas Müller ist einer von drei ehrenamtlichen Hornissenbeauftragten im Landkreis Heidenheim. Der Heuchlinger setzt sich für den Schutz der großen Wespenart ein, räumt mit Vorurteilen auf und erklärt, wie ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Hornisse funktioniert.

Herr Müller, können drei Hornissenstiche einen Menschen und sieben ein Pferd töten?

Das ist ein Märchen. Das Hornissengift ist nicht giftiger als Bienen- oder Wespengift. Natürlich ist das Tier größer, der Stachel länger und daher ist ein Stich unangenehmer. Außerdem kann eine Hornisse mehrfach stechen. Aber wenn man kein Allergiker ist, hat man eigentlich nichts zu befürchten.

Wie viele Stiche wären denn lebensgefährlich?

Das hängt von mehreren Faktoren, etwa dem Körpergewicht, ab. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass man nach 50 Stichen reif für den Notarzt ist. Das gleiche gilt aber auch für Bienen und Wespen.

Sie sind seit zehn Jahren Hornissenbeauftragter. Wurden Sie schon häufig gestochen?

Vielleicht fünf oder sechs Mal. Alle Beauftragten sind erfahrene Imker und wissen, wie man sich beim Umgang mit wehrhaften Insekten richtig verhält und schützt.

Wie verhält man sich denn richtig?

Wenn eine einzelne Hornisse im Anflug ist, sollte man Ruhe bewahren und nicht nach ihr schlagen. Hornissen sind eigentlich nicht aggressiv. Es sei denn, sie verteidigen ihr Nest, ihre Brut und Königin. Wenn man etwa vier bis sechs Meter Abstand zum Nest hält, gibt es eigentlich keine Probleme.

Was, wenn man ein Nest auf der Terrasse hat?

Wenn die Hornissen etwa im Rolladenkasten nisten, kann es zu Konflikten kommen, denn Hornissen sind Allesfresser und setzen sich gern auch auf die Wurst oder den Käse. Aber auch hier gilt: ruhig bleiben. Im Übrigen kann man sich auch vor einem Nest schützen. Wenn sich die Königinnen im April auf die Suche nach einem geeigneten Platz begeben und ständig den Rolladenkasten anfliegen, kann schon etwas Klebeband helfen, um zu verhindern, dass dort gebaut wird.

Und wenn das Nest da ist und jemanden stört, dann kommen Sie, um die Hornissen umzusiedeln?

Umgesiedelt wird nur in Ausnahmefällen. Und für eine Abtötung braucht es sogar eine Ausnahmegenehmigung des Landratsamtes. Die Leute haben oft Angst, aber meist ist das unbegründet. Wenn man mit ihnen redet, findet man in der Regel eine individuelle Lösung, die gut für Mensch und Hornisse ist. Da ist manchmal etwas Phantasie gefragt. Wenn allerdings jemand gefährdet ist und sich das Nest etwa auf einem Spielplatz oder bei einem Kindergarten befindet, dann hilft nur eine Umsiedlung.

Wie funktioniert das?

Man saugt die Hornissen mit einem Staubsauger ein, der an einen Fangkasten angeschlossen ist. Dann montiere ich das Nest ab und setze es anschließend mit einer Heißklebepistole in einem Hornissenkasten wieder zusammen. Es wird an einem anderen Platz, etwa im Wald, aufgehängt. Die Hornissen nehmen es aber nur an, wenn man auch die Königin erwischt hat. Grundsätzlich ist eine Umsiedlung ein Abwägungsprozess. Ich denke, man muss schon tolerierten, dass ein unter Artenschutz stehendes Tier eben auch geschützt werden muss und die Natur Rechte hat.

Warum ist der Bestand zurückgegangen?

Weil der Lebensraum immer eingeschränkter ist. Wo gibt es noch hohle Bäume? Wenn ein Baum dürr wird, nimmt der Schwabe die Motorsäge und räumt auf. Dazu kommt der Einsatz von Insektiziden und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Es sind ja auch nicht nur die Hornissen. Es gibt immer weniger Hummeln und Wildbienen. Und wenn die Insekten verschwinden, verschwinden auch die Vögel, die sich von Insekten ernähren.

Trägt die intensive Landwirtschaft die Hauptschuld am Insektensterben?

Sie hat ihren Anteil, aber wir dürfen nicht nur auf die Landwirte schimpfen. Es geht auch um unser Verhalten. Die besiedelten Räume werden größer und unsere Gärten verwandeln sich immer mehr zu Steinwüsten. Wenn etwas gepflanzt wird, sind es Geranien und Tagetes. Die leuchten zwar schön, aber sind ökologisch völlig wertlos, weil sie für kein Insekt Nahrung bieten.

Für manche Menschen haben Tiere nur eine Daseinsberechtigung und gelten als schützenswert, wenn sie für uns nützlich sind. Sind Hornissen nützlich?

Auf jeden Fall. Sie sind die Gesundheitspolizei der Natur. Sie holen Läuse von den Bäumen und wenn eine Spitzmaus im Garten gestorben ist, wird die von den Hornissen regelrecht skelettiert. Und natürlich bestäuben sie auch Pflanzen und sind selbst Futter für Singvögel.

Wie viele Einsätze hatten Sie dieses Jahr schon?

Ungefähr zehn. Ende August wird es sich häufen, wenn die Leute aus dem Urlaub zurückkommen und sehen, dass aus dem Nestchen ein Nest mit 200 oder 300 Hornissen geworden ist. Aber da sage ich häufig: ,Jetzt lebt Ihr schon seit Mai mit den Tieren, dann lebt halt nochmal sechs Wochen mit ihnen.€ Die Population bricht nämlich mit den kühler werdenden Nächten zusammen und nur die junge, frisch geschlüpfte Königin überwintert. An derselben Stelle wird es im nächsten Jahr kein Nest geben. Im Idealfall sollte man sich so früh wie möglich an uns wenden, wenn es Probleme gibt – solange die Population noch klein ist.

Andreas Müller - einer von drei Hornissenbeauftragten im Landkreis

Andreas Müller hat nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung Umweltschutz und Landespflege studiert. 40 Jahre war er beim Landkreis Heidenheim beschäftigt. Zunächst bei der Unteren Naturschutzbehörde, dann als technischer Leiter des Kreisabfallwirtschaftsbetriebes. Der 68-Jährige sitzt im Gerstetter Gemeinderat für die CDU. Müller ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Die Imkerei ist seine große Leidenschaft. Seit Mitte der 1980er hält der Heuchlinger Bienenvölker, derzeit sind es 60 mit jeweils rund 50 000 Tieren. Wer Rat rund um Hornissen braucht, kann sich beim Landratsamt melden unter Tel. 07321.321-1322. Infos gibt es auch auf landkreis-heidenheim.de. Die Beratung durch einen Hornissenbeauftragten ist kostenlos.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel