Geologie Heldenfinger Kliff - die Küste des Urmeers

„Strandbesuch“ in Heldenfingen: Der pensionierte Geologe Prof. Winfried Reiff, Ehrenbürger Steinheims und früher Leiter des Geologischen Landesamtes, erläutert die Bedeutung des Heldenfinger Kliffs „Hier hätte man man vor 20 Millionen Jahren wunderbar baden können“, ist er überzeugt.
„Strandbesuch“ in Heldenfingen: Der pensionierte Geologe Prof. Winfried Reiff, Ehrenbürger Steinheims und früher Leiter des Geologischen Landesamtes, erläutert die Bedeutung des Heldenfinger Kliffs „Hier hätte man man vor 20 Millionen Jahren wunderbar baden können“, ist er überzeugt. © Foto: Jens Eber
Heldenfinge / jens eber 31.05.2013
Die Geologie des Landkreises Heidenheim kennt wohl kaum jemand so genau wie Prof. Winfried Reiff. Was das Besondere am Heldenfinger Kliff ist, verriet er bei einem Forschertreffen.

Hin und wieder lugt die Sonne zwischen den Wolken hindurch, aber es weht eine spürbar frische Brise. „Haben Sie denn keine Badehose dabei?“, fragt Prof. Winfried Reiff und lächelt verschmitzt. Einen Strandbesuch stellt man sich gemeinhin anders vor. Wo Sand sein sollte, wächst Gras; wo man Wellen erwartete, stehen Einfamilienhäusern, dahinter Getreidefelder. Dennoch: Vor 20 Millionen Jahren hätte man hier, am Strand des Molassemeers, wunderbar baden können, lässt Reiff wissen. Das Heldenfinger Kliff ist dabei die einzige Stelle, an der die Küste des Urmeers so genau zu betrachten ist. Und wenn der 82-Jährige erzählt, meint der Zuhörer, die Wellen ans Kliff donnern zu hören.

1955 stand Winfried Reiff erstmals am Kliff. Dem jungen Geologen war damals nahegelegt worden, für seine Doktorarbeit doch den Landkreis Heidenheim zu kartieren. „Seitdem laufe ich auf der Ostalb herum“, sagt Reiff den rund zwei Dutzend Interessierten. Der Untergrund auf der Alb mag spröde und brüchig sein, der Humor des Professors ist das sicher nicht.

Er stellt sich schlicht als pensionierter Geologe vor („Geologe bleibt man, solange man laufen kann, danach kann man immer noch drüber nachdenken“), dabei brachte es der gebürtige Stuttgarter in seiner Karriere zum Leiter des Geologischen Landesamtes, er ist bis heute Honorarprofessor an der Uni Stuttgart, die Gemeinde Steinheim hat ihn zum Ehrenbürger ernannt.

Als er vor fast genau 58 Jahren erstmals vor dem Kliff stand, habe er dessen Bedeutung noch nicht „in vollem Umfang“ erkannt, sagt Winfried Reiff später im Gespräch. Vor allem sei ihm nicht bewusst gewesen, dass die Steilküste des längst verschwundenen Meeres an keiner anderen Stelle so deutlich zu sehen ist. Damals, erzählt er, habe er noch uralten Meeressand in den Löchern gefunden, die die Bohrmuscheln hinterließen. Auf die Frage, wie es den Muscheln gelang, unzählige Löcher ins Gestein zu „bohren“, äußert Reiff die Theorie, sie hätten wohl mit Säure gearbeitet, dazu vielleicht mit Drehbewegungen – und sehr viel Zeit. „Wir vergessen immer, wie viel Zeit die Natur im Gegensatz zu uns hat.“

So beharrlich die Urwesen sich am Stein abarbeiteten, so unermüdlich arbeitete Reiff an der Kartierung. Mehr als 140 Quadratkilometer schritt er zu Fuß ab. „Man muss das engmaschig machen“, erklärt er und zieht ein Exemplar der Karte hervor. Vermutlich könnte er wahllos auf einen Punkt tippen und eine Anekdote dazu erzählen. Von Bohrungen, die 600 Meter in die Tiefe gingen, von den Steinheimern, die ihm den Friedhofsbagger liehen, damit er sich den Untergrund erschließen konnte. Oder von jenem Landwirt aus Gnannenweiler, der mit seinem Traktor ausgerechnet in ein frisch verfülltes Loch fuhr, sich den Anhänger beschädigte und, als Reiff kurz darauf den Schaden begleichen wollte, nur sagte: „Des hend mir scho gmacht.“

Es sei wichtig, sagt Reiff, mit den Menschen zu reden, wenn man ihre Region erkunde. Ohne das Verständnis und das Wissen vor Ort gehe das nicht. „Mit einigermaßen Erziehung ist das eigentlich selbstverständlich.“ Heutige junge Forscher vernachlässigten das bisweilen, verließen sich zu viel auf die Technik.

Den größten Teil der Erkundung bewältigte Reiff zwischen 1955 und 1957, doch auch als Amtsleiter fuhr er immer wieder auf die Ostalb, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und einzuarbeiten – Fundstellen gab es im Zuge von Bauarbeiten schließlich gehäuft. So kam es, dass er zwar seine Dissertation „Beiträge zur Geologie des Albuchs und der Heidenheimer Alb“ bereits 1958 vorlegen konnte, die erste Auflage der Geologischen Karte von Baden-Württemberg, Blatt 7326, erst 2004 erschien. „Es soll ja ordentlich sein“, erklärt Reiff die schier unendliche Arbeit mit einem Lachen.

Die Freude an der Ostalb riss dabei nie ab. Kurzerhand erklärte sich der 82-Jährige bereit, nach der Exkursion am Donnerstagabend auch noch einen Vortrag bei der Tagung des Verbands- der deutschen Höhlen- und Karstforscher in Hürben zu halten, und natürlich hatte er nachmittags bereits das Sontheimer Meteorkrater-Museum besucht, das er bis heute eng begleitet.

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