Ellwangen Mordprozess: Sachverständiger schließt psychische Erkrankung aus

Ellwangen / Carolin Wöhrle 13.02.2019
Der wegen Mordes angeklagte Heidenheimer beschrieb am zweiten Verhandlungstag seine Version des Tathergangs. Der Sachverständige schließt eine psychische Erkrankung aus.

Warum tötete ein 46-jähriger Heidenheimer am 19. September 2018 seinen Nachbarn auf einem Firmenparkplatz in Steinheim? Auch beim zweiten, fast elf Stunden währenden Prozesstag stand diese Frage im Zentrum. Eine Antwort, die das Gericht vollständig zufriedenstellen kann, blieb erneut aus. Daran änderte auch die Aussage des psychiatrischen Sachverständigen nicht viel, der mit dem Angeklagten über seine Tat gesprochen hatte.

Dessen Einschätzung nach könne der Angeklagte nur schwer mit Zurückweisung umgehen, sei generell misstrauisch und habe durchaus auch paranoide Wesenszüge, sodass er eigentlich harmlose Begebenheiten ins Schlechte umdeuten könnte.

Das passt zu den bisherigen Aussagen, dass er die angeblichen Beleidigungen gegen und Gerüchte über sich, vor allem an seinem Arbeitsplatz, nur schwer ertragen konnte. Schwer traf ihn beispielsweise, dass ihm sein Vorgesetzter am Tag vor der Tat die Hand nicht reichte. Für den Angeklagten ein Zeichen, dass sich Gerüchte, er sei schwul, vom Nachbarn bis in die Firma verbreitet haben. Ob das tatsächlich so war, ist nach Aussagen seiner Kollegen, die davon nichts gewusst haben wollen, aber fraglich.

Eine generelle Persönlichkeitsstörung wie eine paranoide Schizophrenie, die eine solch massive Reaktion wie die Tötung des Nachbarn erklären könnte, liegt laut Sachverständigem nicht vor. Der Gutachter geht zudem davon aus, dass der Angeklagte – trotz Alkoholkonsums - während der Tötung genau wusste, was er tat. Dafür spreche unter anderem auch, dass er sich heute noch recht gut an den Ablauf, an die Vorgeschichte und an seine Flucht und Festnahme erinnern kann.

Eine Psychose-Erkrankung kann der Psychiater ebenfalls ausschließen: Der Groll gegen seinen Nachbarn könne mit dem Charakter des Angeklagten und dessen Überzeugungen erklärt werden.

Er gehe generell davon aus, dass keine verminderte Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt vorlag.

Was genau den Angeklagten dann aber tatsächlich zur Tat getrieben hat, konnte auch der Psychiater nicht erklären.

Was geschah auf dem Parkplatz?

Der Aussage des Sachverständigen vorausgegangen war ein Marathon an Zeugenbefragungen. Darunter auch welche, die Aufschluss darüber gaben, was unmittelbar nach der Tat, kurz nach 21 Uhr abends, auf dem Firmenparkplatz geschah und was sich nahezu zeitgleich bei der Familie des Angeklagten zugetragen haben muss.

Ein Mitarbeiter derselben Firma, in der auch das Opfer gearbeitet hatte, verließ eigenen Aussagen zufolge kurz nach ihm seinen Arbeitsplatz. Was er danach beobachtete, schilderte er erstaunlich präzise: Auf dem Firmenparkplatz unterhielt er sich noch kurz mit einem Kollegen. Beide hörten dann plötzlich zwei dicht aufeinander folgende Schreie – in etwa 25 Metern Entfernung. Der erste Schrei, so interpretierte es der Zeuge, sei einer gewesen, der überrascht klang. „Der zweite Schrei war eindeutig Schmerz“, sagte er vor Gericht.

Als beide Zeugen in die Richtung der Schreie liefen, sahen sie eine Person, die sich hinter seinem Wagen aufrichtete, zur Fahrertür ging und einstieg: „Ich sah, dass er einen ganz starren Blick hatte,“ beschrieb der Mitarbeiter vor Gericht seinen Eindruck vom Täter.

Obwohl er ihn angesprochen habe, sei der Mann einfach davon gefahren. Geistesgegenwärtig merkte er sich das Kennzeichen, sein Kollege machte mit dem Handy ein Foto von dem davon fahrenden Pkw. „Gerade als er aus der Parklücke fuhr, sah ich das Opfer hinter dem Auto auf dem Boden liegen“, erklärte der Zeuge weiter. Er sei auf den Mann zugegangen und vor ihm stehen geblieben. Kurz danach verlor das Opfer offenbar das Bewusstsein.

Wichtig für die Bewertung des Mordmerkmals der Heimtücke dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass den Schreien des Opfers zumindest den Aussagen der Zeugen zufolge kein verbaler Streit unmittelbar vorausgegangen war. Daraus könnte das Gericht schließen, dass der Angeklagte seinem Nachbarn aufgelauert und ihn überraschend attackiert hatte.

Angeklagter schildert die Tat

Anders schilderte am Dienstag der Angeklagte selbst den Tathergang: Er habe zwischen seinem Smart und dem Auto seines Nachbarn gewartet, um mit ihm über die Beleidigungen und Gerüchte zu sprechen. Als dieser auf ihn zukam, habe es sehr wohl eine verbale Auseinandersetzung gegeben, bei der ihn das Opfer unter anderem als „russisches Schwein“ bezeichnet haben soll. Dann habe das Opfer den Angeklagten gepackt und durch das offene Beifahrer-Fenster mit einem Arm und der Schulter voraus ins Innere seines Smart gedrückt. Dabei habe der 46-Jährige das Messer, das auf dem Sitz lag, zu Fassen bekommen, seinen Nachbarn weggedrückt und ihm einen Stich in den Bauch versetzt. Als sich dieser von ihm wegdrehte, habe er weiter auf ihn eingestochen.

Warum, das kann sich der 46-Jährige heute selbst nicht mehr erklären: „Ich weiß es nicht. Wenn mich jemand anfasst, dann zögere ich keine Sekunde und setze mich zur Wehr.“ Er selbst führe das auch auf Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend zurück. „Ich kann gar nicht mehr erklären, wie das Messer in meine Hand kam. Ich bedaure das sehr.“

Fest steht aber vor allem nach der Aussage der Rechtsmedizinerin, dass der Angeklagte äußerst brutal 15 Mal auch auf Hals, Nacken, Rücken und Brust des Opfers einstach - sogar noch während es bereits zu Boden sackte. Ein Stich verletzte dabei die Halsvene: Der Notarzt hätte laut der Rechtsmedizinerin den 53-Jährigen nicht mehr retten können.

Die Schilderungen des Angeklagten, das Opfer habe ihn selbst zunächst durch ein geöffnetes Auto-Fenster gedrückt, konnte sie wegen fehlender entsprechender Verletzungen des Beschuldigten nicht nachvollziehen.

Was zeitgleich bei der Familie des Angeklagten geschah, erzählten die Ehefrau und die Tochter vor Gericht, die beide nicht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten:

Die Ehefrau sei gegen 20.45 Uhr aufgewacht und habe bemerkt, dass ihr Mann verschwunden war. Sie begann, sich Sorgen zu machen, versuchte mehrmals ihn zu erreichen. Als das scheiterte, informierte sie ihre Tochter, die daraufhin von ihrer Wohnung zu ihrem Elternhaus fuhr. Auch sie versuchte vergeblich, ihren Vater zu erreichen. Das belegen die Auswertungen der Handydaten.

Kurz nach der Tat rief der Angeklagte, zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht, seine Ehefrau an und sprach kurz mit ihr. Als sie den Inhalt des kurzes Gesprächs am Dienstag vor Gericht erläuterte, brach die Frau in Tränen aus: „Er sagte nur ,Ich liebe dich, verzeih.' Dann hat er aufgelegt.“

Nur wenig später stand die Polizei vor der Tür und suchte nach ihrem Mann. Kurz nach Mitternacht ließ dieser sich in der Nähe von Unterkochen widerstandslos festnehmen.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Erwartet werden neben weiterer Zeugenaussagen auch die Plädoyers und das Urteil.

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