Herbrechtingen Heidenheim aus Sicht chinesischer Gäste

Herbrechtingen / Manuela Wolf 05.08.2018
Im Eselsburger Tal halten sich während der Ferienzeit zahlreiche Touristen aus den unterschiedlichsten Nationen auf – Darunter auch eine Familie aus China. Sie wägt die Vorzüge zweier Welten ab.

Hongkong oder Heidenheim? Vor sieben Jahren haben sich Dong Xia und seine Frau Yi Chen diese Frage schon mal gestellt. Die Entscheidung war nicht einfach, galt es doch, vieles abzuwägen: Wo gibt es die interessanteren Jobs? In welchem Kulturkreis sollen die Kinder aufwachsen? Wo und vor allem was ist Heimat?

Gemeinsam mit den Töchtern Lenja und Lilian kehrte das Paar zurück nach China. In Hongkong lebt die Familie in einem Hochhaus-Appartement. 120 Quadratmeter, 53. Stock, „sehr komfortabel für die dortigen Verhältnisse“, sagt Papa Dong. Aber was ist da los vor der Haustüre! Sieben Millionen Menschen, 25 Grad Durchschnittstemperatur, Luftfeuchte 80 Prozent, Betonwüste, laut, hektisch.

„Papa ich kann mein eigenes Herz schlagen hören.“

Der traditionelle Sommerurlaub in Deutschland ist wie eine Reise in eine andere Welt. Am ersten Abend saß die Familie auf der Terrasse ihrer Ferienwohnung im Eselsburger Tal, blickte über die Wiesen und hörte der Stille zu. Plötzlich geriet die kleine Lilian in Panik. „Papa, ich kann mein eigenes Herz schlagen hören“, rief sie. „Nicht schlimm“, sagte Dong Xia. „Da gewöhnt man sich dran.“

Tatsächlich gewöhnt sich die ganze Familie jedes Jahr aufs Neue innerhalb kürzester Zeit an das Leben in Heidenheim. Waldbad, Kletterpark, Lalo-Center, die Stadt und die Umgebung habe sehr viel zu bieten. „Und wir haben fantastisches Wetter erwischt“, sagt Papa Dong, der 16 Jahre in Deutschland studiert und gearbeitet hat. Nach Siemens, Nokia, Apple und Blackberry wechselte er schließlich in die Spielzeugindustrie. „Da gibt's einfach die besseren Jobs.“

Auch im Urlaub immer erreichbar

Aber die haben es auch in sich. Drei Wochen Deutschland, das bedeutet für den 45-Jährigen trotz Urlaub drei Wochen Hektik. Mitten in der Nacht steht er auf, um sich mit Honkong abzustimmen. Dann schläft er ein paar Stunden und ist ab dem Frühstück immer erreichbar, führt Telefonate rund um den Globus. Dass in der Ferienwohnung das W-Lan manchmal streikt, dass er dann mit keinem seiner drei Handys ins Internet kommt, ist für ihn keine Erholung. Es ist eine Katastrophe. Im schlimmsten Fall, sagt er, könne ihn das den Job kosten.

Wieviel Stress also ist die Karriere wert? Wo ist die Lebensqualität, wo sind die Perspektiven auf Dauer besser? Wo und was ist Heimat? Die sieben Jahre alte Frage ist wie jeden Sommerurlaub aktuell, doch bevor die zwölfjährige Lenja ins Teenie-Alter kommt, wollen die Eltern für Stabilität sorgen. Und so hatte Yi Chen, die nach dem Studium in Reutlingen viele Jahre bei Hartmann als Produktmanagerin gearbeitet hat, nun ein Gespräch mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Auch für Dong Xia gibt es Jobangebote in der Region.

Die Brezel schmeckt nach Heimat

Die Mädchen kümmern solche Überlegungen freilich wenig. Kinder haben andere Maßstäbe. In Honkong besuchen sie eine deutsche Privatschule, dort haben sie Freundschaften geschlossen, dort gibt es sogar ein Disney Land. In Heidenheim aber ist ihr Herz zuhause. Die Brezel beim Frühstück schmeckt nach Heimat, das Krähen eines Hahns im Nachbargarten sorgt für Begeisterung. Ruhe, Platz, Natur, und alle sprechen hier deutsch, die Sprache, in der sich auch die beiden Schwestern immer unterhalten. Prima!

Papa Dong macht sich zu Fuß auf den Weg zum Eselsburger Biohofladen. Die paar Minuten hin und zurück nutzt er, um in sich hinein zu spüren. Seine amerikanischen Arbeitskollegen behaupten, dass er Englisch mit deutschem Akzent spricht. „Ich sage dann immer, wenn, dann ist es Englisch mit schwäbischem Akzent.“

Heimat ist kein bestimmter Ort

Wo und was ist Heimat? Geboren und aufgewachsen in China, anderthalb Jahrzehnte Deutschland, sieben Jahre Honkong, Dong Xia sagt, dass er Heimat nicht mehr an einem bestimmten Ort festmacht. Heimat, das ist für ihn da, wo er sich zu Hause fühlt. „Und nach diesen wundervollen Tagen hier in Heidenheim muss ich schon zugeben: Auch mein Gefühl ist hier zuhause.“ In ein paar Tagen geht es für die Familie erst mal zurück nach Honkong. „Auch gut“, findet Töchterchen Lilian. Nach fast drei Wochen Brezelessen hat sie genug von Laugengebäck. Sie sehnt sie sich nach asiatischer Küche.

Naturschönheit Eselsburger Tal

Das Eselsburger Tal ist als ausgewiesenes Naturschutzgebiet vor allem für seine Naturschönheiten bekannt. Das wohl eindrücklichste Merkmal ist die Felsengruppe der Steinernen Jungfrauen, zwei schlanken Felsnadeln, um deren Entstehung sich eine mystische Sage rankt.

Für historisch Interessierte finden sich im Eselsburger Tal 13 Kulturdenkmäler mit Zeugnissen aus der Vor- und Frühgeschichte - darunter die Überreste der mittelalterlichen Bauten Eselsburg, Falkenstein, Hirgenstein und Buigenwall sowie Fundstellen in Felsen und Höhlen, wie Malerfels und Spitzbubenhöhle.

Wanderern bietet das Tal viele leicht erreichbare Hügelspitzen und Aussichtspunkte, Kletterern tolle Felsformationen. Ökologische Schmuckstücke sind die Wacholderheiden sowie die Hangwälder zur Blütezeit von Märzenbecher, Leberblümchen und Lerchensporn.

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