Kreis Heidenheim / Michael Brendel  Uhr
Wie funktioniert das Zeitungsmachen? Wie arbeitet die HZ-Redaktion? Was erleben die Redakteure in ihrem Alltag? Einmal in der Woche bietet „Zwischen den Zeilen“ einen Blick hinter die Kulissen.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran. Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss. Mit 66 ist noch lange nicht Schluss.“

Treffen diese einst von Udo Jürgens mit viel Lebenserfahrung in den Schlagerhimmel geträllerten Zeilen zu, dann müsste alles, was auf die berühmte 66 folgt, durchweg Positives mit sich bringen.

Nachgefragt bei einer, die es wissen muss: bei unserer Verfassung. Nicht weniger als 70 Jahre hat sie mittlerweile auf dem Buckel, und aus diesem Anlass war jüngst quer durch die Republik ausgiebig die Rede von der Geburtshilfe durch die 65 stimmberechtigten Verfassungsväter und -mütter, die einst dem Parlamentarischen Rat angehörten.

Von den Angriffen, derer sich das am 23. Mai 1949 von Konrad Adenauer verkündete und tags darauf in Kraft getretene Werk ausgesetzt sah, das seither Fundament unserer Demokratie ist; man denke nur an die „Spiegel“-Affäre und die Notstandsgesetzgebung. Von den mehreren Dutzend nach teils erbitterten Debatten vollzogenen Änderungen. Und von den zuletzt immer unverhohlener vorgetragenen Versuchen, die einst als Provisorium gedachte, mittlerweile aber längst etablierte Verfassung als schwach und hinfällig zu verunglimpfen. Das gilt in besonderem Maße für die Meinungs-, Presse- und Medienfreiheit. Bestrebungen, in diesem Bereich die Axt anzusetzen, gehen meist auf das Konto von Lautsprechern, die sich dabei aber gerne und ganz selbstverständlich auf Artikel 5 berufen – verbunden mit dem ultimativen Hinweis, in Wort, Schrift und Bild dürfe selbstverständlich jeder seine Meinung äußern, sofern sie nur mit ihrer eigenen übereinstimme.

Ein wahrhaft seltsames Rechtsverständnis, mit dem sich auch unsere Redaktion immer wieder konfrontiert sieht. Die Fragen gleichen sich dabei: Wie kann man nur diesem Leserbriefschreiber Platz einräumen? Oder jene Ansicht in einem Kommentar äußern?

Zur Beruhigung: Derartige Beeinflussungsversuche oder gar Drohungen laufen regelmäßig ins Leere. Denn die Meinungsfreiheit ist kein Privileg besonders beredter, lautstarker, dominanter oder rücksichtsloser Menschen. Das müssen alle aushalten, die von den Segnungen des Grundgesetzes und der Demokratie profitieren. Heute wie seit 70 Jahren. Udo Jürgens könnte ein Lied davon singen.