Gerstetten Gerstetten: Einheitsfeier als Spiegel der Ansichten in Europa

Feierstunde im Gerstetter Bahnhotel zum Tag der Deutschen Einheit (von links): der Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, Franz Nerad, stellvertretender Bürgermeister Gábor Pandi (Ungarn), Bürgermeister Flavien Neuvy (Frankreich) und Bürgermeister Roland Polaschek.
Feierstunde im Gerstetter Bahnhotel zum Tag der Deutschen Einheit (von links): der Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, Franz Nerad, stellvertretender Bürgermeister Gábor Pandi (Ungarn), Bürgermeister Flavien Neuvy (Frankreich) und Bürgermeister Roland Polaschek. © Foto: Erika Schiele
Gerstetten / Ulrich Bischoff 03.10.2018
Seit 26 Jahren findet in Gerstetten ein Festakt zum Nationalfeiertag statt. Auch gestern waren Vertreter der Partnergemeinden angereist.

Musikalisch eröffneten Linda Rau und Rafael Filzek mit vierhändigem Spiel am Flügel die Feierstunde. Stürmischen Beifall konnten die beiden Bundes- und Landessieger im Wettbewerb „Jugend musiziert“ am Ende der Veranstaltung entgegennehmen.

Bürgermeister Roland Polaschek würdigte das Werk der Deutschen Einheit, kam aber auch auf die Unzufriedenheit über die derzeitige politische Entwicklung in Europa zu sprechen. Während in Deutschland um die Regierungsbildung gerungen wurde, habe Emmanuel Macron in Frankreich seine viel beachteten Visionen eines künftigen Europas entwickelt. Statt sich nun endlich den Sachthemen zu widmen, wurden in Deutschland Konflikte unter den Koalitionspartnern ausgetragen. Die Auseinandersetzung um den Fall Maaßen zeige, wie weit sich inzwischen Teile der Politik vom Bürger entfernt hätten.

Einwanderungsgesetz gefordert

Sei die Aufnahme von Flüchtlingen aus humanitären Gründen 2015 vielleicht noch nachvollziehbar, so sei seit langem ein vernünftiges Einwanderungsgesetz überfällig. Kanada und Australien präsentierten gelungene Beispiele hierfür. Die Regierungen Frankreichs und Deutschlands stünden für eine Verteilung der Flüchtlinge auf alle europäischen Länder. Abgelehnt werde dies von den ehemaligen Ostblockländern. Jetzt stehe die Europäische Union am Scheideweg. Im Blick auf die anstehenden Wahlen in Deutschland gehe es um stabile Mehrheiten. Freiheit und Frieden gelte es zu verteidigen.

Flavien Neuvy, Cébazats Bürgermeister, sah die Probleme in Europa ähnlich. Er sprach von einer schwierigen Phase, nannte Putin und Trump und glaubte, dass vor dem Hintergrund dieser beiden Männer die Karten auch in Europa neu gemischt würden. Umso geschlossener, so Neuvy, müssten Merkel und Macron das Heft in die Hand nehmen. Leider stießen die anstehenden Europawahlen in Frankreich auf ein nur seichtes Interesse, umso mehr hoffe er auf Deutschland. Das Trina-Orchester und mit ihm die Zusammenarbeit der drei Musikschulen würdigte Neuvy als „sehr schönes Projekt“.

Zwischen den Reden trat der gemischte Chor „nota bene“ unter Leitung von Kristin Geisler auf und stimmte mit Wärme die Nationalhymne an.

Kritik aus Ungarn

Für Bürgermeister István Gromon aus dem ungarischen Werischwar war dessen Stellvertreter Gábor Pándi gekommen. Pándi bewertete die Migration als „größte Herausforderung für uns“. Die europäische Kultur fuße auf griechischen, römischen und christlichen Fundamenten, stellte er fest. Das Publikum zuckte unwillkürlich zusammen, als der Redner es bestürzend fand, „dass Europa einen kulturellen Selbstmord begeht“. In 30 bis 40 Jahren sei der Anteil der Muslime zuerst in den Kindergärten, dann in den Schulen und ganz zum Schluss in der ganzen Gesellschaft höher als der der Einheimischen, befürchtete er.

Ein musikalischer Schluss beendete dann die Feierstunde.

Brezeln für die Reise

Der Bürgermeister von Cébazat, Flavien Neuvy, hatte es nach seinem Auftritt gestern im Stucksaal des Gerstetter Bahnhotels eilig, denn nach seiner Rede aus Anlass der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit wurde Neuvy am gleichen Tag um 18 Uhr in Paris für eine Aufzeichnung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte erwartet. Sechs Stunden blieben ihm für die Fahrt. Im Laufschritt war ihm Franz Nerad, der Komiteevorsitzende der deutsch-französischen Partnerschaft, hinterher geeilt und hatte dem Hungrigen als Reiseproviant noch drei Brezeln zustecken können.

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