Kreis Heidenheim 15-Jährige sexuell missbraucht – 23-Jähriger auf Bewährung

Ein schwieriger Fall wurde am Heidenheimer Amtsgericht verhandelt. Tagesfüllend war daher auch die Jugendschöffensitzung.
Ein schwieriger Fall wurde am Heidenheimer Amtsgericht verhandelt. Tagesfüllend war daher auch die Jugendschöffensitzung. © Foto: Archiv
Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk 08.06.2018
Ein 23-jähriger Gerstetter wurde wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung.

Bei Sexualstrafdelikten steht oft Aussage gegen Aussage. Das macht die Wahrheitsfindung mitunter schwierig. So war es auch im Fall, der am Donnerstag am Heidenheimer Amtsgericht verhandelt wurde. Tagesfüllend war daher auch die Jugendschöffensitzung.

Die Zeugenbefragung des heute 16-jährigen Opfers fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Laut Anklageschrift hatte sie den Angeklagten Ende 2016 kennengelernt. Am Eglensee bei Gerstetten habe man sich zum ersten Mal getroffen. Es kam zum einvernehmlichen Kuss. Unvermittelt soll der heute 23-jährige Angeklagte dann aber seine Hose heruntergezogen, ihren Kopf niedergedrückt und sie zum Oralverkehr gezwungen haben. Zwei Tage später habe man sich erneut am See getroffen, wo es dann zu einer analen Vergewaltigung gekommen sei. In der Folgezeit gab es weitere Treffen.

Handy kontrolliert

Um herauszufinden, ob sich das Mädchen mit anderen Männern trifft, habe der Angeklagte zunehmend ihr Handy kontrolliert und schließlich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Im Mai 2017 soll dann erneut eine mehrwöchige Liebesbeziehung zwischen den beiden begonnen haben.

Dass er das Mädchen zu Geschlechtsverkehr jedweder Art gezwungen habe, bestritt der Beschuldigte vor Gericht. Die Praktik habe sie selbst vorgeschlagen und nie geäußert, dass sie nicht mit ihm schlafen wolle. Als Beleg dafür führte er den nach ihren Treffen regen Austausch von Liebesbotschaften via Handy an.

Eine Polizeibeamtin, die mit dem Auswerten der beiden Mobiltelefone betraut war, schilderte als Zeugin ihren Eindruck: „Die beiden hatten eine Beziehung und mochten sich gegenseitig. Aber es gab auch massive Bedrohungen von ihm.“ Kurz vor der Trennung schickte der Angeklagte dem Mädchen bis zu 160 Nachrichten am Tag. „Er hat sie massiv unter Druck gesetzt, damit sie sich weiterhin mit ihm trifft.“

Videos als Druckmittel

Als Druckmittel nutzte der Angeklagte Videos und Fotos, die er beim Geschlechtsverkehr angefertigt hatte. Er drohte damit, sie ihren Eltern zu zeigen oder im Internet zu veröffentlichen. Mehrere Sprachnachrichten vom Angeklagten wurden vor Gericht vorgespielt: „Wenn du mit mir Schluss machst, musst du 8000 Euro bezahlen“, war in etwa zu hören. Oder: „Wenn du dich nicht mit mir triffst, bist du tot.“ Die Drohungen fielen teils auf fruchtbaren Boden. Laut Anklageschrift fühlte sich das Mädchen mindestens einmal gezwungen, sich mit dem Angeklagten zu treffen und mit ihm zu schlafen. Allerdings zeigten die Chatverläufe auch, dass teilweise das Mädchen treibende Kraft für weitere Treffen war.

Dass er Videos und Fotos angefertigt hatte, bestritt der Angeklagte nicht. Allerdings habe das Mädchen darin eingewilligt. Die Bedrohungen räumte er ebenfalls ein – und er bereue sein Verhalten. Als Begründung führte er an, eifersüchtig gewesen zu sein. Auch weil das Mädchen vor ihm bereits mit seinem Cousin liiert gewesen sei. Er habe sie sehr geliebt und mit den Drohungen an sich binden wollen.

Nötigung und Erpressung

Dies sei kein klassischer Sexual-Straffall resümierte Staatsanwalt Ulrich Karst. Liebe, Unerfahrenheit, Eifersucht – all das spiele hier eine Rolle. In drei Fällen sah er den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt. Ebenso die versuchte Nötigung in Form der Todesdrohung sowie die versuchte Erpressung in Form der Geldforderung. Er plädierte für eine Freiheitsstrafe in Höhe von drei Jahren.

Der Verteidiger forderte, dass die Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgesetzt werde. Es sei nicht nachvollziehbar, dass das Mädchen nach einem erzwungenen Verkehr den Beschuldigten zwei Tage später wieder treffe. Er ging auf die familiäre Situation des Opfers ein: Das Verhältnis zum Cousin des Angeklagten sei durch den Vater des Mädchens strikt unterbunden worden. „Einen Freund zu haben, war ihr nicht möglich.“ Womöglich sei die Opferrolle im Elternhaus leichter darstellbar gewesen als zu sagen „ich wollte es auch“.

Es blieben Zweifel

Der Angeklagte habe sich benommen wie ein Stalker und zumindest versucht, die Geschädigte sexuell und materiell auszubeuten, sagte Richter Dr. Christoph Edler. Allerdings sei das Gericht nicht davon überzeugt, dass sich die Vergewaltigungen zu Beginn der Beziehung so ereignet hatten. „Es ist nicht erklärlich, dass man eine Beziehung eingeht und es zu Liebesbekundungen kommt, wenn man so etwas erlebt hat. Wir hatten Zweifel, deshalb sprechen wir den Angeklagten in diesen Punkten frei. Aber es gab Bedrohungen. Der Angeklagte hat das Mädchen in eine Zwangslage versetzt und diese ausgenutzt.“ Allerdings sei man vom finalen Zusammenhang zwischen Drohung und Geschlechtsverkehr nicht überzeugt.

Das Gericht sprach den 23-Jährigen des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen in zwei Fällen schuldig sowie der versuchten Nötigung und versuchten Erpressung. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung.

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