Ellwangen Urteil ist gefallen: Kein Mord, sondern Totschlag

Im September sicherte die Polizei am Tatort Spuren, jetzt wurde der Täter verurteilt.
Im September sicherte die Polizei am Tatort Spuren, jetzt wurde der Täter verurteilt. © Foto: Archiv/mb
Ellwangen / Carolin Wöhrle 13.02.2019
Der Heidenheimer, der seinen Nachbarn auf einem Steinheimer Firmenparkplatz getötet hat, wurde am Mittwoch verurteilt – aber nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags.

Zehn Jahre Haft: Für Prozessbeobachter dürfte es ein überraschendes Urteil gewesen sein, das im Ellwanger Landgericht am Mittwoch gefällt wurde: Der 46-Jährige, der seinen Nachbarn am 19. September 2018 auf einem Steinheimer Firmenparkplatz mit 15 Messerstichen getötet hat, wurde nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt.

Der Grund: Das Gericht sah die beiden zur Debatte stehenden Mordmerkmale niedere Beweggründe und Heimtücke nicht verwirklicht.

Der Heidenheimer hat seinen 53-Jährigen Nachbarn nach Überzeugung des Gerichts nicht töten wollen, als er sich an jenem Abend gegen 20 Uhr auf den Weg zum Arbeitsplatz des späteren Opfers machte. Seine Absicht sei es lediglich gewesen, den Mann, von dem er überzeugt war, dass er Gerüchte über ihn verbreitete, zur Rede zu stellen. Als die beiden dann kurz nach 21 Uhr aufeinander trafen, kam es zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf das Opfer den Täter von sich wegdrückte. Dieser reagierte über und Griff zu dem Messer, das auf seinem Beifahrersitz lag.

Diese Version des Geschehens jedenfalls legte das Gericht zu Grunde. Es war weitestgehend die des Angeklagten. Es war die Version, die Heimtücke ausschloss: Zwar sei das Opfer in dieser Situation arglos und spätestens nach dem ersten Stich in den Bauch wehrlos gewesen. Um das Mordmerkmal der Heimtücke zu erfüllen, fehle aber ein ganz entscheidendes Element, so der vorsitzende Richter Gerhard Ilg: das Bewusstsein des Täters darüber, dass er die wehrlose Situation seines Opfers ausnutzt. Deshalb habe er in diesem Moment nicht heimtückisch gehandelt. Gleichwohl habe spätestens nach dem ersten Stich, auf den bekanntlich 14 weitere Stiche folgten, ein Tötungsvorsatz bestanden.

Zu den niederen Beweggründen erkannte das Gericht an, dass rein objektiv ein krasses Missverhältnis zwischen dem Anlass auf der einen Seite und der Tat an sich auf der anderen Seite herrsche. „Das gilt aber nur, wenn wir von einem völlig gesunden Menschen ausgehen“, so Richter Gerhard Ilg.

Er nahm Bezug auf das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen, der zwar eine psychische Erkrankung ausgeschlossen, wohl aber „paranoide und wahnhafte Wesenszüge“ beim Täter erkannt haben will.

„Beinahe schicksalhafter Tod“

Der 46-Jährige hat sich nach Überzeugung des Gerichts in eine Situation hineinmanövriert und -gesteigert, in der er sich sowohl von seinem Nachbarn als auch in der Folge am Arbeitsplatz beobachtet, diffamiert und geradezu verfolgt sah. Die Folge war laut Ilg „der beinahe schon schicksalhafte Tod eines Menschen, der überhaupt nichts dafür konnte“.

In zahlreichen Punkten folgte das Gericht in seiner Urteilsbegründung den Plädoyers der Verteidigung, wobei sich diese maßgeblich auf den Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten, gestützt hatten: Es sei nicht nachweisbar, dass der Heidenheimer mit der Absicht zum Parkplatz gefahren sei, seinen Nachbarn zu töten. Wie die Tat genau ablief, sei ebenfalls unklar, weshalb Heimtücke nicht nachweisbar sein könne. Zudem sei ein richtiges Motiv nicht erkennbar, weshalb auch kein Urteil über niedere Beweggründe gefällt werden könne.

Dass der Täter seinem Opfer also mit dem Messer in der Hand aufgelauert hat, er im Laufe des Tages den Plan geschmiedet hatte, seinen Nachbarn zu töten, wovon die Staatsanwaltschaft ausgegangen war, glaubten die Richter nicht.

Es ist davon auszugehen, dass die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil Revision einlegen wird. Genau wie die beiden Nebenkläger-Anwälte, die Schwester und Vater des Getöteten vertreten hatten, hatte Staatsanwalt Martin Hengstler auf eine Verurteilung wegen Mordes und auf eine lebenslange Freiheitsstrafe plädiert.

Er hatte hervorgehoben, dass der Angeklagte von Beginn an widersprüchliche Angaben gemacht hat: zu seinem Alkoholkonsum an jenem Tag, zur Anzahl der Stiche, die er seinem Opfer versetzt hat, zum Tatablauf an sich.

„Seine Version der Geschehnisse ist eine reine Schutzbehauptung, weil er – und das glaube ich ihm – bis heute nicht über seine eigene Tat hinweg kommt“, so Hengstler. Außer Frage stand für die Staatsanwaltschaft, dass der Täter auf dem Parkplatz nicht nur mit seinem Nachbarn reden wollte. „Das hätte er genauso gut vor dem Haus tun können.“ Stattdessen habe er sein Opfer gezielt abgepasst – „und zwar mit dem Messer in der Hand“.

Und selbst wenn man die Version des Angeklagten unterstelle, so wäre das Opfer immer noch in der expliziten Situation arg- und wehrlos gewesen, weil es nicht mit dem Messer-Angriff rechnen und sich nach dem ersten Stich in den Bauch nicht mehr hätte wehren können. „Es war eine Handlung mit absolutem Vernichtungswillen“, so der Staatsanwalt.

Die letzten Worte des Angeklagten vor seiner Verurteilung hatten den Familienmitgliedern des Opfers gegolten, die den Prozess von Beginn an verfolgt hatten und auch als Nebenkläger aufgetreten waren: „Ich werde mich gar nicht erst entschuldigen, denn ich weiß: Wenn es meine Familie gewesen wäre, dann könnte ich es nicht verzeihen.“

Eine Tat, zwei Versionen

Was genau ist am Abend des 19. September 2018 kurz nach 21 Uhr auf dem Firmenparkplatz an der Hellensteinstraße in Steinheim passiert? Es gibt hierzu zwei Versionen: die des Täters und die, die von der Staatsanwaltschaft zugrunde gelegt wurde.

In der Version der Staatsanwaltschaft fasste der 46-jährige Täter spätestens im Laufe des 19. Septembers den Entschluss, seinen ungeliebten Nachbarn zu töten. Gegen 20 Uhr verließ er sein Haus in Heidenheim, ohne dass seine Frau es mitbekam. Er begab sich auf den Parkplatz der Firma, in der sein Opfer arbeitete. Dort parkte er seinen Smart direkt neben dem Auto seines Nachbarn und wartete - vermutlich mit dem Messer in der Hand. Als das spätere Opfer kurz nach 21 Uhr in sein Auto steigen wollte, attackierte er es und stach 15 Mal zu.

In der Version des Angeklagten fuhr er zum Parkplatz, um seinen Nachbarn, der einem Gespräch bislang immer aus dem Weg gegangen war, zu Rede zu stellen. Das Messer lag auf dem Beifahrersitz, weil er damit immer wieder, die defekte Beifahrertür reparieren musste. Als sein Nachbar auf ihn zukam, gab es eine kurze verbale Auseinandersetzung. Der Täter versuchte den 53-Jährigen am Einsteigen zu hindern, woraufhin der ihn packte und durch das offene Beifahrerfenster in den Smart drückte. Dort bekam er das Messer zu fassen und stach auf sein Gegenüber ein.

Das Gericht glaubte weitestgehend den Angaben des jetzt Verurteilten: Es geht davon aus, dass es eine kurze tätliche Auseinandersetzung gab, glaubte aber nicht, dass das Opfer den Täter durch das Fenster gedrückt hat. Laut Gericht sei dieses Detail „schlichtweg bewusst gelogen“.

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