Kreis Heidenheim Blitzen im Landkreis Heidenheim: Wir waren dabei

Kreis Heidenheim / Nadine Rau 11.07.2018
Jeden Tag sind etliche Autofahrer im Kreis zu schnell unterwegs. Fast jeden Tag kontrollieren deshalb Polizei, Städte und das Landratsamt. Wir haben die Mitarbeiter des Landratsamtes einen Vormittag lang begleitet.

Unauffällig ist der graue Container nicht. Versteckt wird er auch nicht. Stattdessen stellt ihn ein Mitarbeiter des Landratsamtes an diesem Morgen parallel zur Fahrbahn gegenüber der Zanger Grundschule auf. Es ist kurz nach sieben Uhr, in der Regel blitzen die Bediensteten hier bis um neun und damit in der Zeit, in der Kinder an der Straße unterwegs sind. Der Container ist nur eines der Messgeräte, die das Landratsamt zur Verfügung hat, die zwei sogenannten Leivtecs mit Laser kommen später zum Einsatz.

Erste Station ist die Zanger Grundschule

Durch die drei Geräte könnte zeitgleich an mehreren Stellen geblitzt werden, dafür reicht den drei Außendienstlern aber nicht immer die Zeit: Sie blitzen nicht nur, sondern sind zusätzlich für die Zwangsabmeldung von Fahrzeugen und für Aufbewahrungskontrollen von Waffen zuständig – nicht gerade angenehme Arbeiten.

Mitarbeiter werden angefeindet

„Ich werde oft angefeindet, auch beim Blitzen. Es kommt immer der Vorwurf, dass das Abzocke sei“, erzählt der Mitarbeiter, der heute im Einsatz ist. Wird eine Kontrolle massiv gestört, baue er ab und fahre wo anders hin, im Notfall schalte er die Polizei ein. Ob Abzocke oder nicht, dazu mehr an späterer Stelle.

Heute in Zang wird niemand ausfällig. Ein Schüler nach dem anderen verschwindet im Schulhaus, ein Autofahrer nach dem anderen wird geblitzt. Nach einer halben Stunde sind 23 Verstöße notiert. Der Mitarbeiter sitzt ein paar Meter von der Straße entfernt in einem Bus, wo er sich die Aufnahmen ansieht, und trägt die Geschwindigkeitsüberschreitungen in eine Tabelle ein. Daneben liegt das Messprotokoll, das er ausfüllen und später gemeinsam mit den Aufnahmen in der Bußgeldstelle abgeben muss.

Alles muss protokolliert werden

Wo wird geblitzt? Wann wird geblitzt? Wie viel ist erlaubt? Alles wird genauestens erfasst. Bevor ein Messgerät aufgestellt wird, muss auch überprüft werden, ob das 30er-Schild einwandfrei lesbar ist – vorher und nachher. „Das kostet mich nur wenige Sekunden und wir sind auf der sicheren Seite“, erklärt der Mitarbeiter. Er wird regelmäßig geschult, um die Aufnahmen der Messgeräte selbst auswerten zu dürfen, die Geräte wiederum werden regelmäßig geeicht.

Nicht einfach Blitzer, sondern Traffipax-Speedophot

Der Container, in der Fachsprache Traffipax-Speedophot genannt, funktioniert mit Radarstrahlen, die in einem Zwanzig-Grad-Winkel zur Straße ausgesendet werden. Mit einem Testbild wird vor jeder Messung die Funktionalität überprüft. Das Landratsamt blitzt jeden Werktag und manchmal am Wochenende. Nicht zuständig ist es für Giengen und Heidenheim. In Heidenheim übernehmen das vier städtische Mitarbeiter, in Giengen eine externe Firma. Auch in Gerstetten und Herbrechtingen kommt das Landratsamt nur auf Bitte der Gemeinden zum Einsatz. Dritte und letzte Kontrollinstanz ist die Polizei, die auch mit der Laserpistole arbeiten und Raser direkt anhalten kann. Abgewickelt werden die Verstöße, die die Polizei feststellt, aber ebenfalls auf dem Landratsamt.

Bei Schnee unr Regen wird nicht geblitzt

Angewiesen sind die Mitarbeiter des Landratsamtes aufs Wetter: „Bei Regen und Schnee haben wir manchmal Probleme damit, verwertbare Bilder zu bekommen.“ Heute aber scheint die Sonne, die Bilder sind klar erkennbar. „Weiblich, wie immer“, sagt der Mitarbeiter, als das nächste Foto auftaucht. Später in der Bußgeldstelle erzählt eine Mitarbeiterin, dass immer die Männer geblitzt würden. Wer Recht hat, bleibt ein Geheimnis.

Kein Geheimnis soll es indes sein, dass oft die Eltern mehr Kontrollen an den Schulen fordern, aber selbst diejenigen sind, die geblitzt werden – die Kinder oft nicht angeschnallt. Das zumindest erzählen die beiden Mitarbeiter, während immer wieder neue Bilder auftauchen. Wird es in dem Bus eigentlich nicht langweilig? „Überhaupt nicht, ich habe ja zu tun“, so die Antwort. Die zwei Stunden, die an den Schulen meist geblitzt werden, sind übrigens eine ziemlich kurze Zeit. Außerorts dauert ein solcher Einsatz vier Stunden. Ein Glück, dass der Bus für die kalten Tage eine Standheizung hat.

Bilder werden verschlüsselt

Logischerweise kommt es immer wieder vor, dass auf dem Schirm ein bekanntes Gesicht auftaucht. Nicht selten eines vom Kollegen oder gar eins vom eigenen Chef Stefan Endler, der Fachbereichsleiter für Sicherheit und Ordnung am Landratsamt ist. Könnte so ein Foto gelöscht werden? „Nein, da haben wir keine Chance“, versichert der Mitarbeiter. Alle Bilder werden verschlüsselt auf einem Stick abgespeichert. Heißt: Wenn den jemand in die Finger kriegen würde, bringt ihm das nichts.

Keins der Bilder wird gelöscht

Im Landratsamt können die Bilder mit einem bestimmten Programm angesehen werden. Und selbst wenn dann jemand ein Bild löschen würde, fiele das später in der Nummerierung auf. „Gelöscht wird grundsätzlich kein Foto, auch nicht vom Krankenwagen. Das wird nur vermerkt“, so die Erklärung.

Mittlerweile sind eineinhalb Stunden vergangenen. Von den 221 vorbeifahrenden Autofahrern sind 52 geblitzt worden. Einer davon mit 64 Stundenkilometern auf der Anzeige, der bekommt für einen Monat Fahrverbot (siehe Infokasten). „Also wieder ein Gerichtstermin“, stöhnt der Außendienstler. Fast immer, wenn es um Fahrverbote gehe, würden die Autofahrer einen Anwalt hinzuziehen und gerichtlich dagegen vorgehen wollen. Die zuständigen Mitarbeiter wissen das, schließlich müssen auch sie aussagen. Immer mehr externe Juristen, zum Beispiel aus Berlin, die ihre Mandanten bis zur Anhörung nicht einmal gesehen haben, würden zum Einsatz kommen, so die Erzählungen.

Forensiker vor Gericht im Einsatz

Die Fahrer würden mit allen Mitteln versuchen, sich gegen die Strafe zu wehren. Oft seien es bei den öffentlichen Verhandlungen am Ende sogar Forensiker, die anhand bestimmter Übereinstimmungsmerkmale zweifelsfrei den Kläger als den Autofahrer entlarven.

Es ist und bleibt ein Ärgernis für Autofahrer, wenn sie beim Rasen erwischt werden. Ein Fahrverbot in Kauf oder viel zahlen zu müssen, löst Unmut aus, der Vorwurf der Abzocke ist kein seltener. Doch der Sicherheits- und Ordnungschef Stefan Endler wehrt sich dagegen. „Unser Auftrag lautet Sicherheit“, sagt er.

Auftrag lautet Sicherheit

Gemessen würde nicht dort, wo besonders viele Autofahrer ins Netz gehen würden – das bestätigt auch sein Mitarbeiter. „Wir wechseln die Messstellen immer durch und kommen nicht zwei Tage später wieder, weil wir besonders viele erwischt haben.“

100 Messstellen im Kreis

Rund 100 Messstellen gibt es im Kreis, die alle an gefährlichen Streckenabschnitten liegen. In einem Ordner sind sie mit Nummer erfasst. „Natürlich nehmen wir damit Geld ein, aber das läuft auf eine schwarze Null heraus“, sagt Endler. Auch die Polizei schreibt, dass sie die Geschwindigkeit nur dort messe, wo sich Unfälle häufen, man orientiere sich dafür an der Verkehrsunfallstatistik.

Für den Außendienst geht es heute etwa am Schmaleich weiter, dem Industriegebiet vor Nattheim. 70 Stundenkilometer sind erlaubt, gemessen wird nicht mit dem Container, sondern mit der Leivtec, die mit Laser funktioniert. In zwei Minuten steht das Gerät hinter der Leitplanke, in der abfälligen Böschung liegt eine Art Koffer.

Leivtec ist in zwei Minuten aufgebaut

Darin befindet sich der Bildschirm, auf den die Aufnahmen übertragen werden. Zwei, drei Bilder mussten gemacht werden, bis der Laser richtig eingestellt war. Von da an aber gibt es nichts mehr zu tun, außer aufzupassen, dass das Gerät nicht gestohlen wird. Geblitzt wird tagsüber übrigens nicht, sondern nur gemessen. Nach 45 Minuten sind bereits 23 Fahrer zu schnell unterwegs gewesen.

Abschließend fährt der Außendienstler in Steinweiler bei einer stationären Anlage vorbei. Es gibt sechs davon im Kreis: Zwei weitere in Königsbronn, zudem in Bolheim, Söhnstetten und Nattheim. Vier davon sind immer im Einsatz, jeden Freitag werden die Aufnahmen abgeholt. Den Mitarbeitern der Bußgeldstelle bleibt dann die Aufgabe, all die Bilder zu sichten, von denen sich jeder Autofahrer erhofft, sie nicht ins Haus geflattert zu kriegen.

Zahlen rund um die Blitzer im Kreis Heidenheim

80 Geschwindigkeits-Unfälle, bei denen Personen zu Schaden gekommen sind, hat die Polizei Ulm in ihrer Statistik für 2017 verzeichnet.

19317 Beanstandungen hat das Landratsamt 2017 mit allen Messtechniken erfasst. Ein Bußgeld bezahlen mussten davon 1837 Autofahrer, ihren Führerschein abgeben mussten 204 der geblitzten Fahrer. Spitzenreiter bei den stationären Anlagen ist schon lange die am Königsbronner Ortseingang an der Aalener Straße.

822 Autofahrer fuhren 2017 bei Rot über die Ampel an der Kreuzung Olga- und Marienstraße. An der Rotlicht- und Geschwindigkeits-Überwachungsanlage an der Brenzstraße fuhren 455 Fahrer über Rot und 566 Fahrer zu schnell. Zudem hat die Stadt mit mobilen Blitzern 26072 Fahrer geblitzt.

7784 Personen haben die Facebook-Seite „Achtung, Blitzer im Kreis Heidenheim“ abonniert, auf der über Standorte von Messgeräten informiert wird. Zudem gibt es die Gruppe „Blitzer Kreis Heidenheim“, die aus 3700 Mitglieder besteht. Daraus ist auch eine What's-App-Gruppe entstanden.

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