Missbrauch Führungszeugnis: Gefahr für Motivation von Übungsleitern?

So sieht's aus: Durch die Abgabe von erweiterten Führungszeugnissen sollen Kinder vor Missbrauch geschützt werden.
So sieht's aus: Durch die Abgabe von erweiterten Führungszeugnissen sollen Kinder vor Missbrauch geschützt werden.
Sontheim/Brenz / Laura Strahl 02.06.2015
Zur Abgabe von erweiterten Führungszeugnissen in Vereinen meldet sich Roland Mayer, Sprecher der Sontheimer Vereine, zu Wort. Seine Befürchtung: Die Motivation von Übungsleitern wird leiden.

„Der Schutz vor Kindesmissbrauch hat für unsere Sport- und Kulturvereine oberste Priorität“, sagt Roland Mayer, Vorsitzender des Schachklubs Sontheim/Brenz, über die vom Landratsamt angekündigten Vereinbarungen, die Vereine dazu verpflichten sollen, von ihren Übungsleitern erweiterte Führungszeugnisse zu verlangen. Denn: „Nur die Vereine, die gute Kinder- und Jugendarbeit leisten, haben überhaupt Zukunft.“

Aber dass „Lieschen Müller, die beim Turnverein Kleinkleckersdorf seit 20, 30 Jahren oder mehr brillant und völlig untadelig Jugendarbeit geleistet hat“ ihrem Vereinsvorsitzenden jetzt auf Geheiß des Bundeskinderschutzgesetzes ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen soll, hält Roland Mayer für problematisch und reichlich unverhältnismäßig. Schließlich würden durch die Herausgabe des Führungszeugnisses auch persönliche Daten bekannt, die in keinerlei Zusammenhang mit dem Kinderschutz stünden.

Mayers Beispiel: „Sollte das eine oder andere Lieschen als 14-Jährige mal als Mutprobe einen Kaugummi geklaut haben und dafür richterlich verwarnt worden sein, dann darf sie sich das nun nach Jahrzehnten öffentlich regelmäßig vorhalten lassen.“ Im Gegensatz zu Sexualstraftätern sei Lieschen Müllers Privatsphäre also nicht geschützt, klagt Mayer. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall: Unbescholtene Bürger würden dadurch regelrecht durchleuchtet. Und das im Zweifelsfall nicht nur vom Vorstand ihres Vereins, sondern auch von der Mitgliederversammlung, bei Kooperationen von der örtlichen Schule, dem Bürgermeisteramt samt Verwaltung, dem Gemeinde- beziehungsweise Stadtrat und dem Landratsamt.

Dieses „öffentliche Spießrutenlaufen“ sowie die Kosten für die Ausstellung des Führungszeugnisses – kurz der ganze „bürokratische Murks“ – tragen nach Ansicht von Mayer gewiss nicht zur Motivation bisheriger und künftiger Übungsleiter bei. In Zeiten, in denen es ohnehin schon zunehmend schwierig werde, jemanden zu finden, der in einem Verein ein Ehrenamt übernimmt, würden potenzielle Freiwillige jetzt noch mehr abgeschreckt. Auch Führungskräfte. Die bekämen den Mehraufwand schließlich am meisten zu spüren.

„Warum soll sich das einer antun?“, fragt sich Mayer. Als Vereinsfunktionär müsse man heutzutage ohnehin schon unglaublich viele bürokratische und zeitaufwändige Hürden nehmen. Zusätzlich dazu auch noch Führungszeugnisse von Betreuern zu verlangen, sei „der nackte Wahnsinn“.

Betroffen sind laut Roland Mayer Hunderttausende Lieschens, die „engagiert mit viel Herzblut abertausende Stunden unbezahlbarer Kinder-, Jugend- und damit Sozialarbeit“ leisten und dabei oft auch „viel eigenes Geld“ beisteuern. Anstatt all diese „weißen Schafe zu keulen“, so Mayers Forderung, sollten die politischen Verantwortlichen besser einmal über „wirksame Maßnahmen für die überschaubare Menge an schwarzen Schafen“ nachdenken.

Doch auch wenn ihm die Prüfung von Übungsleitern durch erweiterte Führungszeugnisse nicht gefällt: Über die späte Umsetzung des entsprechenden Paragraphen im Bundeskinderschutzgesetzes durch das Landratsamt äußert sich Mayer dennoch kritisch. Das Gesetz gelte immerhin schon seit Januar 2012. „Die meisten Schulen und Vereinsvorstände lassen sich diese erweiterten Führungszeugnisse schon aus Haftungsgründen seit spätestens 2012 durch ihre Übungsleiter und andere regelmäßig mit Kinder- und Jugendarbeit betrauten Vereinsmitglieder vorlegen“, berichtet Mayer.

Auch im Schachklub Sontheim sei das der Fall. „Wir wollten mit gutem Beispiel vorangehen“, sagt der Vereinsvorsitzende. Das Führungszeugnis werde von ausnahmslos allen Jugendleitern verlangt. Immerhin sei man als Verein auch haftbar, sollte es doch einmal vor Gericht gehen. „Man kann ja nicht riskieren, etwas unterlassen zu haben“, sagt Mayer. „Jeder in einer Führungsposition sichert sich deshalb ab.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel