Böhmenkirch SAM-Insolvenz: Führte der Brand in die Krise?

Von der drohenden Insolvenz der SAM Automotive Group sind in Steinheim, dem Sitz der Hauptverwaltung, rund 400 Mitarbeiter betroffen. Das Unternehmen beschäftigt weitere 300 Personen in Böhmenkirch, 400 in Lauingen und 700 in Mexiko.
Von der drohenden Insolvenz der SAM Automotive Group sind in Steinheim, dem Sitz der Hauptverwaltung, rund 400 Mitarbeiter betroffen. Das Unternehmen beschäftigt weitere 300 Personen in Böhmenkirch, 400 in Lauingen und 700 in Mexiko. © Foto: Christian Thumm
Steinheim / Laura Strahl 22.08.2018
Der Steinheimer Automobilzulieferer sieht einen der Gründe für die drohende Insolvenz in einem Feuer im Böhmenkirchener Werk.

Die Mitarbeiter des Automobilzulieferers SAM Automotive Group, einst Binder-Gruppe, kommen nicht zur Ruhe: Nach der Übernahme durch die Münchner Beteiligungsgesellschaft Bregal Unternehmerkapital im Jahr 2016 folgten im Juni 2017 Warnstreiks und schließlich die Einigung auf einen Haustarifvertrag.

Im März 2018 dann der nächste Schock: Beim Brand einer Säurewanne im Galvanikbereich des Böhmenkirchener Werks entstand Schaden Höhe von 30 Millionen Euro (inklusive Betriebsunterbrechung).

Die Folgen dieses Feuers bekommen die 1800 Mitarbeiter an den Standorten in Steinheim, Böhmenkirch, Laichingen und dem mexikanischen Puebla jetzt zu spüren. Wie am Tag nach Bekanntwerden des Insolvenzantrags in einer Mitteilung des Insolvenzverwaltungsbüros Schultze und Braun zu lesen ist, zählen die Brandfolgen zu den wesentlichen Gründen für die jetzigen Probleme.

Die direkten Schäden seien zwar durch die Versicherung abgedeckt, heißt es hierzu ergänzend von der Bregal-Gruppe, allerdings sei es seither zu massiven Beeinträchtigungen der betrieblichen Abläufe gekommen.

Unglückliches Zusammenspiel

Pressesprecher Ingo Schorlemmer bestätigt in Vertretung des vom Amtsgericht Aalen bestellten vorläufigen Insolvenzverwalters Dr. Holger Leichtle: „Die Produktion musste umstrukturiert werden, weil der betroffene Bereich seither nicht zur Verfügung steht.“ Dadurch habe sich die Produktionszeit verlängert.

Die Herstellungskosten seien dementsprechend gestiegen. Zugleich habe das Unternehmen mit einer schwächeren Nachfrage, sprich weniger Einnahmen, zu kämpfen. „Ein unglückliches Zusammenspiel“, sagt Schorlemmer über Brand und Auftragslage. Die Umsatzeinbrüche habe das Unternehmen, das Dachrelingsysteme und Zierleisten fertigt, nun nicht mehr kompensieren können.

Ähnlich formuliert es die Bregal-Gruppe und widerspricht gleichzeitig dem Vorwurf der Gewerkschaft IG Metall, man habe keinen angemessenen Finanzierungsrahmen für eine Restrukturierung zur Verfügung gestellt. Über Monate hinweg habe man an Lösungsmöglichkeiten gearbeitet und sei bereit gewesen einen „signifikanten finanziellen Beitrag zu leisten“.

Letztlich habe sich aber herausgestellt, dass der Liquiditätsbedarf in den kommenden Jahren zu hoch ist, um eine „für alle beteiligten Parteien gangbare Finanzierungslösung zu finden“.

Die Produktion läuft weiter

Auf den weiteren Vorwurf der Gewerkschaft, die Bregal-Gruppe habe sich zu intensiv mit der Verlagerung eines Teils der Produktion in die Slowakei beschäftigt, statt Umstrukturierungen und Produktionsverbesserungen voranzutreiben, nahm das Unternehmen auf Nachfrage keine Stellung. Wie Schorlemmer sagt, spiele das aber zumindest für die Arbeit von Insolvenzverwalter Leichtle keine Rolle. „Es geht darum, eine Sanierungsperspektive zu entwickeln. Warum genau SAM da steht, wo es steht, ist zweitrangig.“

Stichwort Perspektive: Beim Insolvenzverwalter blickt man positiv auf das Verfahren. So wird Holger Leichtle mit folgenden Worten zitiert: „Ich bin zuversichtlich, dass uns eine Lösung gelingt, zumal der derzeit in der Branche stark diskutierte Wandel vom Verbrennungs- zum Elektromotor keinerlei Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der SAM haben wird.“

Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb soll übrigens auch die nun beantragte Insolvenz zunächst einmal nicht haben. Die Produktion wird in allen Werken zunächst unverändert weiterlaufen. Auch die Bezahlung der Mitarbeiter ist geregelt: Sie erhalten bis Ende Oktober Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit. Anschließend muss wieder das Unternehmen für die Löhne aufkommen – zumindest dann, sagt Schorlemmer, wenn der Betrieb normal weitergeführt wird.

An einer „konkreten Perspektive“, die das Unternehmen wieder auf ein solides Fundament stellt, wolle man in den kommenden Wochen arbeiten.

Wird ein Investor gesucht?

Um die Möglichkeiten zu sondieren, ist Insolvenzverwalter Leichtle bereits mit einem Team vor Ort. Was ist denkbar? Sowohl die Suche nach einem Investor als auch der Abbau von Schulden durch innerbetriebliche Maßnahmen stehen zur Wahl. „Um zu sagen, in welche Richtung es gehen wird, ist es noch viel zu früh“, sagt Schorlemmer.

Zunächst einmal müsse man sich einen Überblick verschaffen, mit Banken, Versicherern und Kunden sprechen. Dafür stehen drei Monate zur Verfügung. Dann wird das Aalener Amtsgericht entscheiden, ob aus der vorläufigen Insolvenz ein tatsächliches Verfahren wird.

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