Karriere Filmemacher Erwin Häcker: Von Gussenstadt nach Hollywood

Ein Gussenstadter in Hollywood (1): Erwin Häcker ganz entspannt in den Hügeln von L.A.
Ein Gussenstadter in Hollywood (1): Erwin Häcker ganz entspannt in den Hügeln von L.A. © Foto: Thilo Komma-Pöllath
Gussenstadt / 07.06.2013
Willkommen in Hollywood! Regisseur Erwin Häcker, 45, ist beeindruckt: „Ganz großes Casting.“ Der Filmemacher aus Gussenstadt braucht sich in dieser Art nicht mehr zu produzieren, er hat sein Ticket für die Traumfabrik bereits in der Tasche.

Los Angeles. Der Supper Club am Hollywood Boulevard ist eine kleine Traumfabrik in der großen. Auf wenigen hundert Quadratmetern taucht der Gast in eine phantastische Welt ein, die mit der Realität eher nichts zu tun hat. Dicke Marihuana-Wolken wabern durch das loftartige Gebäude, bestrapste Kellnerinnen servieren ein Vier-Gänge-Menü, während die Besucher auf weißen Leinensofas fläzen und teuren Chardonnay trinken; barbusige Artistinnen schweben in einer aufwendig gefalteten Bettlaken-Aufhängung durch eine Luke von der Decke und übergeben die Dreiliterflasche Dom Pérignon (Stückpreis: 6000 US-Dollar) zu den Beats von Star-DJ „Triple XXX“ anmutig an das Sicherheitspersonal; das Balzverhalten der körpergetunten Großstadt-Burschen in ihren Holzfällerhemden kennt auf der Tanzfläche nur ein Beuteschema: blondierte Püppchen im hautengen Röhrenkleidchen auf extra hohen Pumps. Willkommen in Hollywood! Regisseur Erwin Häcker, 45, ist beeindruckt: „Ganz großes Casting.“

Der Filmemacher aus Gussenstadt im Landkreis Heidenheim braucht sich in dieser Art nicht mehr zu produzieren, er hat sein Ticket für die Traumfabrik bereits in der Tasche. Als einziger Deutscher wurde Häcker von Universal, dem größten Major-Studio in Hollywood, zum „Filmmasters Programm“ eingeladen, eine Art Assessment-Center für die begabtesten neuen Regisseure aus Europa. Sein Debüt, der Kurzfilm „Souterrain“, hat die Amerikaner begeistert, Häcker gewann mit dem elfminütigen Thriller Festivalpreise in New York und Los Angeles und den „Shocking Shorts Award“ in München, den vielleicht wichtigsten deutschen Kurzfilmpreis in Deutschland. Verbunden damit war für Häcker, der mit Glatze und Zottelbärtchen ein bisschen an einen schwäbischen Kojak erinnert, die Teilnahme an der Film-Meisterklasse in Los Angeles.

Traum von der Traumfabrik mit Albtraum verwirklicht

Den Traum von der Traumfabrik hat sich Häcker mit einem verfilmten Albtraum verwirklicht, in dem er sich selbst als abgetrennten Kopf im Wandschrank inszenierte. Soviel Chuzpe beeindruckt selbst hartgesottene amerikanische Filmbosse, die alles gesehen haben dürften, was man auf einer Leinwand zeigen kann. Für solche Cameo-Auftritte in seinen Filmen war in Hollywood vor allem einer berühmt: Alfred Hitchcock. Ist das nicht ein bisschen frech, gleich in seinem Erstling den „Hitchcock“ zu machen? Erwin Häcker schmunzelt und argumentiert künstlerisch. Er habe sich tatsächlich in der Vorbereitung seines Films viele Hitchcock-Filme noch einmal ganz bewusst angesehen, sagt er. Kein anderer Filmemacher könne Spannung so subtil erzeugen wie der „master of suspense“, der ebenfalls stolz eine Glatze auftrug. Sein eigener Auftritt sei aber eher der Not einer kleinen Produktion geschuldet. „Wir hatten erst einen künstlichen Kopf, aber der sah Scheiße aus“, sagt Häcker.

„Souterrain“ ist ein subtiler Serienkiller-Film, der in elf Minuten mehr falsche Fährten glaubhaft machen kann als jeder durchschnittliche „Tatort“ oder „Polizeiruf“. Die Grundkonstellation „Zwei Männer und ein Schrank“ fand Häcker, anders als Roman Polanski in dessen ersten Film, nicht lustig, sondern gruselig. Und ohne zu viel zu verraten: der Dieb ist nicht der Täter, der Mann im Schrank nicht der Killer und die blonde Frau nicht das Opfer.

„Die Überraschungen funktionieren am Ende deshalb so gut, weil wir als Kinozuschauer immer in unseren Rahmen denken“, erklärt Erwin Häcker die wirkungsvolle Magie seines kurzen Werks. „Die Frau, das beschützenswerte Wesen, kann nicht der böse Bube sein. Aber die Welt verändert sich und die Frauen schlagen heute schon mal zurück. Genau dieser Twist kam bei den Hollywood-Leuten gut an“, erzählt Häcker beim Frühstück in der Boulangerie „Figaro“ in Los Felize. Im Hintergrund auf dem Mount Hollywood ist das Griffith Observatory zu sehen, seit „Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit James Dean selbst eine Hollywood-Ikone. Damals, 1955, waren noch die Jungs die bösen Buben.

Lob in Hollywood für Häckels Horror-Film

„Very, very clever“, lobt Universal-Boss Adam Fogelson anderntags Häckers Horrorfilm auf dem Universal-Studiogelände am Lankershim Boulevard betont überschwänglich. Seit 2009 verantwortet der ehemalige Marketing-Experte die gesamte Filmproduktion von Universal, sein tägliches Brot sind Blockbuster mit einem Budget von 100 Millionen US-Dollar und mehr. Und wenn er von Hollywood spricht dann sagt er gerne: „This is a unique place“. Und trotzdem lässt er sich die naive Freude für ein ebenso kleines wie kostenmäßig günstiges Meisterwerk wie „Souterrain“ nicht nehmen. „Ich war mehr als einmal überrascht, wie oft der Film seine Richtung ändert“, erzählt Fogelson angetan. „Und keinen dieser Twists habe ich vorausgesehen.“

Dass Erwin Häcker ausgerechnet eine Frau, noch dazu eine attraktive Blondine als Serienkillerin inszeniert, hat Fogelson besonders beeindruckt. „Das passiert in Hollywood ja nicht so oft. Ich kann mir zwar viel vorstellen für attraktive blonde Frauen, aber das? Respekt!“ Und lächelt. Das vergangene Jahr war ein sehr gutes für Universal: Allein die fünf erfolgreichsten Filme, angeführt von „Ted“ und „Brautalarm“, brachten dem Studio 1,5 Milliarden US-Dollar ein. Im Gespräch mit Erwin Häcker entfaltet Fogelson seine dreistufige Expertise, wie er aus einer erfolgsversprechenden Idee einen weltweiten Filmerfolg generiert. Fogelsons Masterplan geht so: „Erstens: Ist die Geschichte so gut, dass sie groß erzählt werden kann? Zweitens: Kenne ich mein Publikum? Drittens: Kann ich damit Geld verdienen?“

Nicht jeder gute Stoff wird auch gemacht

3000 Drehbücher werden bei Universal jedes Jahr gesichtet. 125 werden davon durch das sogenannte „Greenlighting“-Verfahren geschickt, ein Prozedere, in dem das Potential der Stoffe an Hand verschiedener Erfolgs-Szenarien (Szenario 1: totales Desaster bis Szenario 6: weltweiter Erfolg) geprüft wird. Übrig bleiben 15 Filme pro Jahr, die tatsächlich gedreht werden, alle mit einem Budget zwischen 50 und 200 Millionen US-Dollar. „Nicht jeder Stoff, den wir gut finden, wird auch gemacht“, sagt Fogelson. „Aber die Leute hier bei Universal tun alles, um Dir zu deinem eigenen Film zu verhelfen.“ Und es scheint als ob er keinen Unterschied machen will, ob der Regisseur nun Steven Spielberg oder Erwin Häcker hieße. Aber auch das gehört wohl zur gigantischen Suggestionsmaschinerie Hollywood, bei der man nie genau einzuschätzen weiß, was wie real ist.

Der Schwabe Häcker hat keine Berührungsängste, wenn es um die Frage Kunst oder Kommerz geht. Der studierte Bauingenieur mit der Fachrichtung Projektmanagement ist ein Mann des Mach- und Planbaren. Er sieht die Vorteile einer Industrie, etwas richtig groß zu gestalten. Ein Film den keiner sieht, sei kein Film, sagt er. Nach dem Studium in Biberach hatte er zwei Jahre lang als Bauingenieur die ICE-Neubaustrecke zwischen Ingolstadt und Nürnberg geplant, danach wollte er beruflich noch einmal die Gleise wechseln. Er heuerte als Produktions-Assistent bei Filmdrehs an, als er in der Zeitung einen Artikel über einen erfüllten, glücklichen Cutter las, schrieb er Bewerbungen und landete per Zufall bei RTL auf dem Tisch – bei denen war gerade einer ausgefallen.

Film funktioniert wie eine ICE-Neubaustrecke

Erwin Häcker findet das Künstlerische interessant, sagt er, aber auch wie man die Mittel dafür richtig einsetze. Insoweit funktioniert ein Film wie eine ICE-Neubaustrecke. Man brauche Zeit- und Produktionspläne und müsse mit den Zahlen klarkommen. Ein Bernd Eichinger konnte das. Schreiben, Regie führen, die Zahlen beherrschen. Dass einer das ganze Paket schnüren kann, beeindruckt Häcker. Er lebt in Köln, schneidet Formate wie „Big Brother“, „Bauer sucht Frau“ oder „Mieten, Kaufen, Wohnen“ auf RTL, KIKA oder VOX. Fernsehen ist die Pflicht, Miete bezahlen, Kino die Kür, die absolute Freiheit vom kompromisslosen Geschichtenerzählen ohne dass ihm einer reinredet. „Als Cutter brauchst du ein Gefühl für Dramaturgie, weil du eine Geschichte erzählen musst. Und wenn ich etwas selber gedreht habe, weiß ich die Dramaturgie mit dem Schnitt aufzubauen. Nicht umsonst ist die größte Ehre, die Hollywood einem Regisseur erweisen kann, der Final Cut.“

Häcker erzählt das so, dass man den Weg vom peinlichen deutschen Privatfernsehen zum Welt-Kino als kürzeste Verbindung sieht. Wie schnell es gehen kann vom „Shocking Shorts Award“ zum Oscar zeigt das Beispiel Florian Henckel von Donnersmark, der Kurzfilmpreisträger des Jahres 2000, der damals Hollywood auf die gleiche Weise kennenlernen durfte wie nun Erwin Häcker.

In der ersten Woche der Meisterklasse war Häcker zur Weltpremiere des neuen Tom Cruise-Films „Oblivion“ eingeladen. Es gab Häppchen, einen aufgedrehten Superstar, ein paar Löcher im Drehbuch und ein absehbares Ende. Schon besser hat ihm bei einem exklusiven Vorab-Screening im Universal-Privatkino der sechste Teil von „Fast & Furious“ gefallen. Bei der „Oblivion“-Premiere kam Paul Getto, Strategie-Planer des Studios, auf ihn zu und wollte wissen, ob es schon ein Remake von „Souterrain“ für die große Leinwand gebe, das hat ihm geschmeichelt.

Der erste Langfilm: Häcker arbeitet am Drehbuch

Erwin Häcker arbeitet gerade an einem Drehbuch für seinen ersten eigenen Langfilm. Ein Thriller soll es werden, mehr will er noch nicht verraten. Dagegen hat er schon eine klare Vorstellung davon, welche Hoffnungen er mit seinem Los Angeles-Trip für seine weitere Karriere verbinden möchte. „Ziel ist es, ein tolles Drehbuch zu entwickeln. Und wenn ich das habe, dann kann mich nicht mehr viel davon abhalten, die Mittel dafür aufzutreiben. Ich hoffe, dass sich hier die Kontakte ergeben, die mir bei der Realisierung des Stoffes hilfreich sind.“

Am Montag der zweiten Woche läuft Erwin Häcker auf dem Weg zum Lunch im „The Grill“, der legendenumrankten Kantine auf dem Universal-Gelände einem eher unscheinbaren aber ebenso zottelbärtigen Mann in die Arme: es ist Steven Spielberg.

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