Herbrechtingen / Günter Trittner Bei der Kandidatenvorstellung in Bissingen wurde von den Besuchern eine breite Palette von Themen nachgefragt.

Ein Spiel dauert 90 Minuten, die Amtszeit eines Bürgermeisters währt acht Jahre. Deutlich über 300 Bürger waren am Mittwochabend in der Bissinger Mehrzweckhalle weniger an der Niederlage des FC Bayern in der Champions League interessiert als an den neun Personen, die am Sonntag die Bürgermeisterwahl in Herbrechtingen für sich entscheiden wollen.

Es war dies die dritte und letzte von der Stadtverwaltung anberaumte Kandidatenvorstellung – und sich brachte im besonderen für die Bissinger neue Erkenntnisse. So ging es etwa um die Entwicklung des Tourismus oder um den Erhalt der Grundschule in Bissingen.

Amtierende Bürgermeister im Vorteil

Durchaus goutiert wurde es vom Publikum bei der Fülle von Fragen und Antworten aller Kandidaten, wenn etwa Beate Häring oder Dennis Picknik eine Frage weiter winkten, weil ihnen der Sachverhalt unbekannt war, anstatt ihre zweiminütige Redezeit auszunützen.

Vorteile hatten die Bürgermeister Andreas Koptisch und Daniel Vogt, wenn spezifische Fragen zur Verwaltungsarbeit gestellt wurden, etwa zu den Gründen, warum der Gemeinderat nichtöffentlich tagt oder welche Förderrichtlinien bei der Digitalisierung gelten. Ihre Lokalkenntnis konnten wieder die Herbrechtinger Kandidaten ausspielen als gefragt wurde, wie alte Menschen und chronisch Kranke besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Senioren, Eiszeit und Gastronomie

Annette Rabausch würde die Senioren gern mehr in die „Mitte der Gesellschaft“ holen. Ihre Idee: eine Begegnungsstätte im Buigen-Centrum. „Dazu muss dieses erst uns gehören“, legte Ralf Walter nach, der zudem Senioren-WGs ins Spiel brachte.

Der Bissinger Josef Baur wollte wissen, wie man das Welterbe Eiszeithöhlen nutzen könne, um der Gemeinde einen touristischen Auftrieb zu verschaffen. Dies würde auch der Gastronomie helfen.

Uwe Schmidt bedauerte das Aussterben der Gastronomie, sah die Schuld jedoch bei den Bürgern, die nicht mehr die Gaststätten besuchten. Helmut Rein zeigte sich überrascht, wie großformatig sich die Region auf der CMT in Stuttgart vorgestellt habe. Er gab zu bedenken, dass der Tourismus auch Müll mit sich bringe.

Rabausch wusste, dass der Radweg ins Lonetal in Kürze gebaut wird, sah aber rückblickend, dass Bürgermeister Dr. Bernd Sipple am Tourismus nicht so viel gelegen war. „Wenn wir Glück haben, bekommen wir einen Mammut-Kreisel“, meinte sie mit ironischem Unterton. Als Bissingerin wisse sie, dass nicht alle am Ort für mehr Tourismus seien. Walter konstatierte, dass man ein Gesamtkonzept für den Tourismus brauche. Die Stadt habe viel Potenzial. Ihr gehe es um einen sanften und geregelten Tourismus und um Kurzurlauber.

Für Daniel Vogt war klar, dass das Welterbe stark betont werden müsse. Als Sohn eines Gastwirtes sei ihm die Lage der Gastronomie nicht unbekannt. Auch Andreas Koptisch könnte sich mehr Tagesausflügler vorstellen. Bei der Werbung für die Eiszeitkunst dürfe man sich gern an das anhängen, was in Ulm und im Alb-Donau-Kreis dafür entwickelt worden sei. Seinem Gefühl nach stehe das Land nicht voll hinter dem Unesco-Welterbe.

Beate Häring wollte, bevor die Werbung intensiviert werde, geklärt haben, ob die Bissinger überhaupt mehr Tourismus wollen. Auch Dennis Picknik warnte vor der Vorstellung, dass es einen sanften Tourismus gebe. Auch für ihn müssen die Bürger hinter dem Tourismus stehen. Florian Sapper riet zu einer eigenen Werbung der Stadt auf der Tourismusmesse.

Feldwege sorgen für Diskussion

Temperamentvoll war die Diskussion über die Feldwege, deren Nutzung, Verschmutzung und das Ausmaß der Schäden.

Koptisch rechnete die Breite vor, die ein Feldweg haben müsse, wenn er von Traktoren nichts alsbald beschädigt werden soll und forderte mehr Geld für den Feldwegbau.

Rabausch appellierte an die Landwirte, die Wege nach einer Verschmutzung selbst zu reinigen und Daniel Vogt bat um gegenseitige Rücksichtnahme, hatte aber Verständnis, dass während der Erntezeit die Säuberungspflicht etwas zurückstehen müsse.

Kontroversen gab es bei der Frage, wann Herbrechtingen über seine Verhältnisse lebe. „Wir sind keine Sparkasse, wir wollen mit den Steuermitteln einen Mehrwert für die Bürger schaffen“, meinte Rabausch. Bisher habe man da ein gutes Augenmaß gehabt.

Walter sah es nicht anders. „Die Menschen ziehen hierher, weil wir eine gute Infrastruktur bieten.“ Lebensqualität lasse sich nicht nur materiell beziffern.“

Die Stadt sei ein kommunales Gebilde, kein Wirtschaftsbetrieb, meinte Vogt. Mit 6,1 Millionen Euro in der Rücklage verfüge Herbrechtingen über ausreichend Mittel zum Gestalten. „Die Stadt arbeitet mit Weitblick“.

Andreas Koptisch hatte eine andere Sicht. Sehr wohl müsse man sich überlegen, was die Gemeinde dauerhaft finanzieren könne. Denn der Aufwand für den ständigen Unterhalt zusammen mit dem hohen Investitionsstau könnte durchaus zu einer kritische Masse werden - „wenn wir nicht aufpassen“.

Am Freitagabend, 8. März, hatten sich alle neun Kandidaten zur Bürgermeisterwahl in Herbrechtingen in der Oskar-Mozer-Halle vorgestellt. Hier der Abend als Video-Mitschnitt.

Wer will aus welchem Grund Bürgermeister werden und was haben die Kandidaten vor? Ein Steckbrief der Bewerber.

Am Montag konnten sich auch die Menschen in der vollbesetzten alten Turnhalle in Bolheim ein Bild von den neun Kandidaten machen.