Demmingen Kleines Denkmal mit langer Geschichte

Demmingen / Klaus Dammann 22.06.2018
Schon seit mehr als zwei Jahrhunderten gehört das christliche Bauwerk am Rand von Demmingen der ortsansässigen Familie Kohler. Von 2014 bis 2018 wurde die vermutlich nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs erbaute Herrgottsruh-Feldkapelle von ihren heutigen Eigentümern umfassend renoviert.

Kapellengässle – der Name lässt keinen Zweifel, wohin der Weg von der Demminger Pfarrkirche St. Wendelin in Richtung Südwesten führt. Ein Stück nach dem Ortsende steht dann an einem alten Weg nach Mödingen eine Feldkapelle, flankiert von zwei mächtigen, als Naturdenkmal gekennzeichneten Winterlinden. Seit Generationen ist das Herrgottsruh-Kapelle genannte kleine Bauwerk Eigentum der Familie Kohler. Und dank des Engagements von Edeltraud und Johann Kohler erstrahlt ihre Kapelle seit kurzem in bislang unbekanntem Glanz.

Ins Jahr 1969 datiert die vorige Renovierung der Kapelle, bei der ein neuer Putz und ein Blechdach aufgebracht und ein Fliesenboden verlegt wurden. Der heutige Eigentümer Johann Kohler half als junger Mann damals mit. Etwas mehr als 40 Jahre später war zu sehen, dass man etwas für das nur 3,50 mal 2,60 Meter große und 3,70 Meter hohe Kirchlein machen muss: Die denkmalgeschützte Kapelle befand sich in einem schlechten Zustand. Ab 2011 begannen eine Bestandsaufnahme und Überlegungen, was man unternehmen kann. In Absprache mit dem Denkmalamt und unterstützt von Fachleuten nahm das Ehepaar Kohler dann 2014 in Eigenregie, mit Eigenleistungen und selbst finanziert die vier Jahre dauernde Sanierung in Angriff.

Dokumentation zur Geschichte

Bestandteil der Arbeiten war von Anfang an eine Dokumentation in Fotos sowie die Recherche zur Geschichte der Kapelle – eine Aufgabe, an die sich Edeltraud Kohler zusammen mit dem in Tuttlingen lebenden, aber aus Demmingen stammenden Dorfhistoriker Dr. Alois Kapfer machte. Kapfer hatte zuvor auch das alte Buch zur Ortsgeschichte übertragen. Aus den Bemühungen aller Beteiligten entwickelte sich schließlich sogar eine farbig illustrierte Broschüre.

Was das Alter der Kapelle angeht, so geht Kapfer schlüssig davon aus, dass sie in den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts errichten wurde, unmittelbar nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs, der der Region stark zugesetzt hatte. Alois Sailer, Schriftsteller und als dienstältester Heimatpfleger der Bundesrepublik bekannt, glaubt, in den beiden Lichtöffnungen der Seitenwände der Kapelle gar Kennzeichen der späten Gotik zu erkennen. Beim zentralen Rundbogenfenster schließt er sich Kapfer an und sieht eine Entstehung in der Barockzeit. In jedem Fall wird der Kapelle ein sogenanntes Heiligenhäuschen oder zumindest ein Feldkreuz vorausgegangen sein. Für das Heiligenhäuschen spricht ein etwa ein mal ein Meter großer Backsteinfußboden, der jetzt bei der jüngsten Sanierung entdeckt wurde.

Ihre heutige Form erhielt die Herrgottsruh-Kapelle erst nach 1870, als ein neugotischer Vorbau mit Spitzbogenfenstern nach Osten als Eingangsbereich an das Kirchlein angefügt wurde. Von diesem Vorbau aus kann man – wenn die Tür verschlossen ist – durch ein Gitter in den eigentlichen Kapellenraum blicken.

Als sich das Ehepaar Kohler an die Restaurierung des kleinen Bauwerks machte, waren alle Wandöffnungen außer denen des Vorbaus vermauert. „Beim Entfernen der Heraklithplatten an der West- und Nordseite im Innenraum kamen die zugemauerten Lichtöffnungen, die rechte Wandnische und das Rundbogenfenster zum Vorschein“, berichtet das Ehepaar Kohler. Die alten Eingangsstufen für den Zugang wurden ersetzt, der Innenraum bekam neue Bodenplatten, der Außenbereich einen neuen Putz. Auf das neue Satteldach wurde ein neu geschmiedetes Kreuz mit zwei Querbalken gesetzt. Und vor der Kapelle stellten die Eigentümer eine Ruhebank auf, die aus Holz aus dem eigenen Wald gefertigt wurde.

Faszinierende Lichtführung

Aufwendig gestaltete sich das Verputzen, für das auch eine Mischung aus Sumpfkalk, Leinöl und anderem mehr verwendet wurde. Der Anstrich erfolgte mit reinweißem und getöntem Sumpfkalk: „Bei Sonnenschein fasziniert die Lichtführung durch die Wandöffnungen“, so Edeltraud und Johann Kohler. „Die Kapelle erstrahlt in verschiedenen Farbtönen.“

Bis zur Renovierung 1969 standen in der Kapelle geschnitzte Holzfiguren: eine Pietà, die wohl in die Barockzeit gehören könnte, eine in dieselbe Zeit passende Figur des „Herrgotts in der Ruh“, der die Kapelle ihren heutigen Namen verdanken dürfte, und eine Maria-Magdalena-Figur. Hinzu kommt ein Arma-Christi-Kreuz. Von den asymmetrisch verteilten Lichtöffnungen lenkt eine den Blick von außen direkt auf den einstigen Standort der Christusfigur.

Die Skulpturen wurden damals entnommen und sind seitdem nur bei besonderen Festen am eigentlichen Aufstellungsort zu sehen. Stattdessen befinden sich im Kirchlein jetzt ein zweidimensionaler Holzschnitt-Christus nach dem Vorbild des ruhenden Christus und ein gemalter Kreuzweg mit dem Marienleben auf der Rückseite, beides aus dem Jahr 2018 von der Künstlerin Ingeborg Rödel-Klieber aus Pfäfflingen. In der Giebelnische auf der Außenseite hat eine Darstellung des Apostels Judas Thaddäus ihren Platz. Eine Info-Tafel zur Kapelle soll noch angebracht werden.

Doch wie kam die Herrgottsruh-Kapelle, die heute auf Gemeindegrund steht, eigentlich in den Besitz der Familie Kohler? Direkte Quellen zur Geschichte des Bauwerks gebe es kaum, konstatieren Alois Kapfer und Edeltraud Kohler. So bilden familiäre Überlieferung und Analogieschlüsse aus anderen Quellen die Grundlagen der Erkenntnisse.

Familieneigentum durch Heirat

Die Familie Kohler war einst Inhaber der Dorfschmiede: Hans Georg Kohler aus Auernheim erwarb sie 1752 von der Witwe des Vorbesitzers. Heute sind die 63-jährige Erzieherin Edeltraud Kohler und ihr drei Jahre älterer Mann Johann, Landwirt im Ruhestand, in siebter Generation Eigentümer des Anwesens. Die Kapelle, die auf dem Grund des benachbarten Bäuerlehofs stand, kam 1801 in Kohlerschen Besitz, als Ignatz Kohler – der zweite Kohler in der Schmiede – Maria Anna Launer vom Nachbarhof heiratete.

Ein einziges Mal tauchte die Herrgottsruh-Feldkapelle dann in Dokumenten auf: Bei der Erberegelung des verstorbenen Ignatz Kohler wurde am 15. März 1825 festgehalten, dass der Verstorbene einst von seinem Stiefvater eine Privatstiftung von 50 Gulden erhielt, bei der als Bedingung der Unterhalt der Kapelle auf dem Acker des Bauers Anton Launer enthalten war.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Johann Evangelist Schöttle als Pfarrverweser in Demmingen tätig. Kapfer und Edeltraud Kohler entdeckten, dass in der von Schöttle verfassten Dorfchronik „am Weg nach Mödingen eine kleine Kapelle zur Herrgottsruhe, die schon anno 1720 als Reither Heggens Feldkapelle vorkommt“, erwähnt wird. Für die beiden Heimatforscher war damit klar, dass die Kapelle mindestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts bestand und es eine Verbindung zu einem Reiter namens Hegg gab. Als Inhaber des Bäuerlehofs, auf dessen Grund die Kapelle stand, konnten sie diesen Namen aber nicht finden.

Auf den Begriff „Vorreiter“ als Abwandlung von Reiter stießen sie im Teilort Wagenhofen als Hausname des letzten Anwesens Richtung Duttenstein – ein Bereich, der 1573 bis 1627 von den Pflegern der fuggerischen Dorfherrschaft geführt worden sei. Für Kapfer und Kohler sind die Begriffe Reiter und Vorreiter Synonyme dieser Pflegsverwalter, zumal auch 1702 ein Haus am Schloss „Reiterhaus“ genannt worden sei. Ihre Suche nach dem Namen Hegg unter den Duttensteiner Pflegern gestaltete sich ebenfalls erfolgreich: Für die Zeit von 1646 – also am Ende des Dreißigjährigen Kriegs – bis 1659 fanden sie einen Jakob Lorenz Hegg als Pfleger.

Stifter Jakob Lorenz Hegg

Ein Güterverzeichnis von 1661 erwähnte auch den Acker des Bäuerlehofs, auf dem die Kapelle steht. Benannt wird die Fläche aber nicht wie später als Kapellenacker, sondern als Kreuzacker. Die beiden Autoren folgern in der Kapellen-Broschüre daraus, dass in jener Zeit hier einmal ein Kreuz oder ein Heiligenhäuschen vorhanden war, das möglicherweise während des Kriegs zerstört wurde. „Aus den genannten Befunden kann geschlossen werden, dass mit großer Wahrscheinlichkeit der Duttensteinische Pfleger Jakob Lorenz Hegg der Stifter der Demminger Feldkapelle war.“

Stiftungsanlass könne der in der Region als Katastrophe empfundene Krieg gewesen sein – auch im Hinblick auf die Widmung für den auf dem Gang zum Kalvarienberg misshandelten und sich ausruhenden Christus. Zweifellos war der Krieg eine Katastrophe: „Die Bevölkerungszahl von Demmingen war zwischen 1630 und 1643 von 300 auf 50 Seelen zurückgegangen. Wagenhofen war vollständig, Demmingen zu großen Teilen abgebrannt oder schwer beschädigt.“

Info

Die Broschüre über die Herrgottsruh-Kapelle ist am Schriftenstand in der Demminger Kirche erhältlich.

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